# taz.de -- Nachruf auf Techno-Pionier Juan Atkins: Produzent mit einer klaren Vision
       
       > Juan Atkins hat Techno von Detroit aus zum Sound der Zukunft gemacht. Nun
       > ist er gestorben. Nachruf auf einen elektronischen Pionier.
       
 (IMG) Bild: Von Detroit in die Techno-Tempel Berlins: Juan Atkins ist tot
       
       Was ist Musik? Die Fragebogen-Antwort von Juan Atkins für die Linernotes
       zur Detroit-Techno-Compilation „Emotionselectric“ (1991) fiel damals
       angemessen prägnant aus: „Klangmalerei“. Sich selbst bezeichnete Atkins
       sehr zutreffend als „Mann mit einer Vision“.
       
       Atkins begründete elektronische Tanzmusik im Computer-Zeitalter. Er gilt
       als einer der maßgeblichen US-Techno-Pioniere. Sein Erfindungsreichtum
       verdankt sich auch dem Zufall. Den Drumcomputer „Roland TR 808“ setzte er
       für seine minimalistischen Klangmalereien ein. Dass sich mit einer
       Rhythmusmaschine auch zwitschernde Bassmelodien kreieren lassen, stand
       nicht in der Bedienungsanleitung.
       
       Tasteninstrumente hatten es Atkins seit der Kindheit angetan. Die
       Großmutter besaß eine Hammond-Orgel. Wenn sie darauf spielte, setzte
       „Magic“-Juan den Motorradhelm seines Vaters auf und rannte damit durchs
       Haus. [1][„Ein Funkastronaut, der ein Starchild werden wollte“, wie Atkins’
       Biograf Dave Tompkins es formuliert hat].
       
       Als Teenager spielte Atkins Bass, Gitarre und Drums in einer Funkband. 1980
       lernt er den Vietnam-Veteranen Rik Davis kennen und gründet mit ihm
       Cybotron. Ihr dystopisches Elektro-Album „Enter“ (1983) ist das Bindeglied
       zwischen Funk, Videospiel-Soundtrack und dem elektronischen Pop von
       Kraftwerk. Etwa beim Song „Techno City“ von 1984: Die Snare peitscht auf
       Windstärke zwölf, eine Stimme wiederholt mechanisch Zahlen, als zähle sie
       vom Dach regnende Eiszapfen. Da Atkins den Gesang von Davis vielfach
       verfremdete, hielt man Cybotron zunächst für Weiße.
       
       ## Reaktion auf Rassismus in den USA
       
       Juan Atkins sprach schon als Jugendlicher auf die Synthesizer-Coolness der
       weißen europäischen New Wave an. Das war auch eine Reaktion auf den
       [2][Rassismus und die Segregation der US-Mehrheitsgesellschaft]. Wobei
       Atkins seine Begeisterung für weißen Europop auf etwas anderes
       zurückführte: „Es hat mit der Autoindustrie in Detroit zu tun. Schon die
       Gewerkschaft UAW erkämpfte gleiche Rechte für Schwarze und Weiße in den
       Fabriken.“
       
       In den 1980ern war die US-Autoindustrie in die Krise geraten, ihre
       PS-Schleudern sahen gegen die schlanke Konkurrenz aus Fernost alt aus. Der
       Wohlstand in Detroit schmolz dahin, die Stadt verfiel zusehends. [3][Techno
       ist eine Antwort auf diesen Niedergang]. Die drastische, mit einfachsten
       Mitteln inszenierte futuristische Tanzmusik träumt sich aus der
       wirtschaftlichen Misere raus.
       
       Atkins wuchs in Belleville auf, einer Mittelklasse-Schlafstadt im Detroiter
       Großraum. Dort traf er zwei Mitschüler: Derrick May und Kevin Saunderson.
       Später galten die drei Produzenten als „Belleville 3“, zunächst war Atkins
       für die beiden Jüngeren musikalischer Mentor. Zusammen mit Derrick May
       etablierte Atkins 1985 das DJ-Team „Deep Space Networks“. Parallel
       produzierte er unter dem Alias Model 500 nun im Alleingang elektronische
       Musik.
       
       ## Eiskalt und ein bisschen unheimlich
       
       Straight, eiskalt und ein bisschen unheimlich. Gibt es Leben im All? Wer
       Atkins’ Signaturtrack [4][„No UFOs“] hört, weiß: „They say there’s no hope
       / They say no Ufos / Why is no head held high / Maybe you'll see them fly.“
       Damit begründete Atkins auch sein eigenes Label Metroplex, auf dem er neben
       „No UFOs“ viele weitere bahnbrechende Platten von sich und anderen
       Produzent:Innen aus Detroit veröffentlichte.
       
       Während Techno in den USA eine kommerzielle Randerscheinung blieb,
       explodierte der Sound Ende der 1980er in Europa, wo eine Ravekultur in
       voller Blüte entstand. Speziell in England und im Nachwende-Berlin war
       Atkins oft gebuchter DJ, etwa im Club „Tresor“. Der Berliner Techno nahm
       sich Atkins’ von Improvisation getriebene Tatkraft zum Vorbild. Zudem
       spannte Atkins mit den Berlinern Thomas Fehlmann und Moritz von Oswald als
       3 MB zusammen und startete so die bis heute bestehende kulturelle Brücke
       zwischen Detroit und Berlin.
       
       Trotz aller Erfolge blieb Juan Atkins bescheiden. Ein Foto mit seinem
       Helden Florian Schneider von Kraftwerk zeigt ihn 2019 in einem Kiosk in
       Düsseldorf mit Hoodie, schüchtern lachend. Am Samstag ist „Magic“ Juan
       Atkins bei einem DJ-Engagement in Mexico City im Alter von 64 unerwartet
       gestorben.
       
       2 Nov 2026
       
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