# taz.de -- Dortmunds Remis gegen Bayern: Es wächst etwas zusammen
       
       > Die Bayern sind zwar noch besser, aber das 2:2 im Spitzenspiel zeigt:
       > Dortmund rückt heran. Während es in München kriselt, wird der BVB immer
       > stärker.
       
 (IMG) Bild: Fast auf Augenhöhe angekommen: Daniel Svensson gegen Bayerns Ismael Saibari
       
       Die Erinnerungen an schlechtere Zeiten, an diese gruseligen Abende der
       Demütigung waren auch am Ende dieses Tages noch lebendig bei den Spielern
       von Borussia Dortmund. Regelmäßig sind sie schwer geschlagen aus München
       abgereist, was das 2:2 beim FC Bayern an diesem neunten Spieltag zu einem
       sehr süßen Erlebnis machte.
       
       Der Kontrast zu [1][den 0:5- oder 0:6-Demontagen], die sie hier schon
       erlitten haben, war enorm, nicht nur auf der Anzeigetafel. „Wir waren
       selbstbewusst. Wir hatten zwar Respekt, aber keine Ehrfurcht“, sagte
       Kapitan Nico Schlotterbeck. Und das hatte weniger mit irgendwelchen Psycho-
       oder Motivationstricks zu tun als mit dem neuen Qualitätsmerkmal dieses
       Fußballstandortes: nüchterne Facharbeit.
       
       Auf die Frage nach der großen Widerstandskraft auch spät im Spiel, als
       Fabio Silva der Ausgleichstreffer gelang, sagte der Trainer Niko Kovac, man
       müsse eben „auch laufen können.“ Und zwar nicht nur, wenn es ums
       Verteidigen geht: „Viele denken ja, das Laufen nur defensiv bedeutet, aber
       man muss auch die offensiven Läufe machen. Das brauchst du auf diesem
       Niveau.“
       
       Dass die Dortmunder in München weniger über ihre Verteidigungsarbeit
       sprechen mussten als über ihr Spiel mit Ball, gehört zu den großen
       Überraschungen dieses Auftritts beim Rekordmeister. „Ich sehe einen ganz
       klaren Trend, eine spielerische Entwicklung, und dabei gelingt es uns, eine
       [2][spielerische Stabilität] zu erhalten“, sagte Sportdirektor Ole Book.
       
       ## „Gute Reaktion“
       
       Dazu gehörte auch die Entscheidung, in München mit einem System anzutreten,
       das der BVB seit rund eineinhalb Jahren in der Bundesliga spielte: mit
       einer Viererkette. Joane Gadou entpuppte sich als brillanter
       Rechtsverteidiger. Links zeigte Daniel Svensson nicht zum ersten Mal, dass
       er gut darin ist, den eigentlich kaum zu bremsenden Michael Olise zu
       bekämpfen. Und Rückschläge lösen keinen Zusammenbruch mehr aus. „Wir haben
       immer eine gute Reaktion gezeigt“, sagte Schlotterbeck.
       
       Das 1:0 durch Konrad Laimer nach einem Fehlpass von Felix Nmecha
       beantwortete der Revierklub mit vielen eigenen Angriffsversuchen sowie
       [3][Serhou Guirassys] 1:1. Und als die Bayern durch Dayot Upamecano
       abermals führten, mündete die energische Schlussphase des BVB in ein spätes
       2:2 durch Fabio Silva. „Ich glaube, dass der Trainer und sein Team schon
       seit fast zwei Jahren daran arbeiten, an diesem Mindset, dass wir echt hart
       werden und eine Gewinnermentalität haben“, sagte der Sportdirektor Ole
       Book.
       
       ## „Keep it simple“
       
       Dem Fußball-Lehrer Kovac ist es mit seinem „Keep it simple“-Ansatz und auch
       dank seiner Beharrlichkeit gelungen, den Fokus auf erlernbare Aspekte des
       Spiels zu lenken, während in München gerade große Lebensfragen gestellt
       werden. Der viel zu frühe Tod des Vaters von Joshua Kimmich, [4][die
       Erkrankung von Trainer Vincent Kompany], aber auch die Absencen von Jamal
       Musiala und immer mehr Verletzungen wichtiger Spieler, erschweren die
       Konzentration aufs Wesentliche.
       
       „Wir sind gut, ich glaube, dass wir immer noch unterschätzt werden in
       Deutschland“, sagte Schlotterbeck, während der Münchner Kapitän Joshua
       Kimmich feststellte: „Unabhängig vom Ergebnis muss man sagen, dass wir
       gerade durch schwierige Wochen gehen.“ Auch weil sich Ismael Saibari und
       Serge Gnabry schwerer verletzt haben und auch Olise zehn Minuten vor dem
       Ende verletzt ausgewechselt werden musste.
       
       ## „Genialer Schachzug“
       
       Das ist die Ausgangslage, aus der die Bundesligaspitze sich dem zweiten
       Saisondrittel nähert. Harry Kane verschoss [5][nach mehreren Tagen im
       Ballon d’Or-Fieber] einen Elfmeter, während die Dortmunder unter der Woche
       die Viererkette übten und trotz eines misslungenen Abschlusstrainings an
       dieser Idee festhielten. „Niko hatte einen genialen Schachzug gehabt mit
       der Viererkette“, sagte Dortmunds Torhüter Gregor Kobel. Ein Sieg des
       Meisters wäre dennoch gut möglich gewesen und hätte schon zum Spielverlauf
       gepasst, dreimal trafen die Bayern Pfosten oder Latte. Aber die
       Entwicklungsrichtung spricht im Moment für den BVB.
       
       Man muss zwar vorsichtig sein, weil auch künftig mit Rückschlägen gerechnet
       werden muss, eine missglückte Champions-League-Saison oder ein frühes
       Ausscheiden im DFB-Pokal sind weiterhin jederzeit möglich. Aber während
       sich in München immer neue Spieler verletzen und der Trainer sich selbst
       überfordert hat, werden in Dortmund gerade viele Spieler immer besser. Der
       Mittelfeldarbeiter Jobe Bellingham zum Beispiel, der zuletzt immer auf dem
       Feld blieb, wenn Felix Nmecha ausgewechselt wurde. Oder Carney Chukwuemeka,
       der nach einer schwachen ersten Saison in Dortmund schon als Fehleinkauf
       galt.
       
       Wirklich bereichernd sind zudem der kluge Zentrumsstratege Joey Veerman und
       der schnelle Verteidiger Joane Gadou. Es wächst etwas zusammen. Die Bayern
       sind zwar schon noch besser als der BVB, aber die Ergebnisse eben nicht.
       „Wir können etwas reißen“, sagte Schlotterbeck. Was sich in den vergangenen
       Jahren noch anhörte wie eine vage Hoffnung, ist gerade dabei, zu einer
       Überzeugung zu werden, die auch in München Wirkung zeigt.
       
       1 Nov 2026
       
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