# taz.de -- DFB-Pokal der Männer: Crazy und labil
> 45 Minuten lang spielt der BVB beim 3:2 gegen Bremen die beste Partie der
> Saison. Doch das Team bleibt vor dem Duell gegen Bayern anfällig.
(IMG) Bild: Gute Haltungsnoten im Synchronlauf und auch noch das 3:2: Sabitzer und Svensson feiern den entscheidenden Treffer
So ganz sicher schienen die aufgeregten Menschen im Publikum sich nicht zu
sein, was sie mit dem Augenblick dieses flüchtigen Fußballglücks anfangen
sollen. Die „Achterbahn“, von der Sportdirektor Ole Book nach dem
3:2-Erfolg des BVB im DFB-Pokal gegen Werder Bremen sprechen sollte, hatte
die ganze Emotionspalette zu bieten gehabt: Vorfreude, vorübergehende
Begeisterung, Nervosität, Angst, Überschwang und Erleichterung.
Am Ende wurde der Dortmunder Teil des Publikums durch ein sehr spätes
Freistoßtor von Marcel Sabitzer in einen Zustand akuten Überschwangs
versetzt. Er habe „pure Freude“ empfunden, sagte Waldemar Anton, und
dennoch verkündete der Sportgeschäftsführer Lars Ricken anschließend: „In
der Kabine war es nicht komplett euphorisch.“
Schließlich steht am kommenden Samstag [1][das Duell beim FC Bayern
München] an, in dem die Dortmunder dem internationalen Publikum gern zeigen
würden, wie weit die Entwicklung in den mittlerweile 21 Monaten mit dem
[2][Trainer Niko Kovač] gediehen ist. Und dieser Abend hatte schon auch
interessante Indizien für den Fortschritt geliefert. Zugleich lieferte der
Auftritt jedoch Hinweise auf eine weiterhin bestehende Instabilität.
In dieser Verwirrung dauerte es ungewohnt lange, bis die Südtribüne das
Lied von den ausgezogenen Lederhosen anstimmte, das hier rituell vor den
Duellen mit dem FC Bayern gesungen wird. Die Frage, ob dieser Pokalabend
der bevorstehenden Reise nach München zuträglich sein wird, ist jedoch nur
schwer zu beantworten.
## Fortgeschrittener Reifeprozess
Zunächst stützte das in allen Spielphasen stimmige Spiel der Dortmunder die
These, dass der Reifeprozess die Mannschaft auf eine neue Ebene gehievt
haben könnte. „In der ersten Halbzeit kann ich jedem einzelnen Spieler von
uns ein Kompliment machen“, sagte Kovač. „Wir haben den Gegner laufen
lassen, waren geduldig, haben die freien Räume gesucht und auch gefunden.“
Das Pressing und das Gegenpressing waren riskant, fast fehlerlos und sauber
dosiert. Die Ideen des Chefstrategen Joey Veerman beglückten nicht nur
Ästheten, sie waren auch sehr wirksam.
Dortmund spielte wie ein echtes Spitzenteam, niemand vermisste [3][die
verletzten Griechen] Konstantinos Karetsas und Giannis Konstantelias. Dass
diese Partie noch zu einem Drama werden könnte, war schwer vorstellbar,
nachdem Serhou Guirassy und der starke Carney Chukwuemeka zwei schöne Tore
geschossen hatten.
## 45 Minuten so gut wie nie
Dortmund spielte 45 Minuten lang so gut wie nie in dieser Saison; eine
derart zwischen Seriosität, Intensität und fußballerischer Qualität
austarierte Leistung würde auch die Bayern vor Probleme stellen. Aber der
BVB ist trotz der erdenden Wirkung des Trainers Niko Kovač immer noch der
BVB. Die hohe Kunst, mit einer andauernden Gier bayernartige 6:1- oder
7:0-Erfolge herauszuspielen, beherrscht diese Mannschaft nicht. Im
Gegenteil: Sie neigt zur Nachlässigkeit. „Es wurde dann wild, wir waren
sehr unorganisiert“, sagte Kovač, während Book von einem „Verwaltungsmodus“
sprach, in den die Mannschaft umgeschaltet habe.
Nach zwei Gegentreffern von Niclas Füllkrug hatte Mitchell Weiser sogar
eine gute Möglichkeit für ein drittes Bremer Tor, das die Dortmunder in
eine ernsthafte emotionale Krise hätte stürzen können. Schon wieder früh im
Pokal auszuscheiden, hätte die kommenden Wochen schwer belastet. Dass es am
Ende gut ausging, überdeckt aber nicht, dass dieser BVB labil bleibt.
## Anfällig für Leistungseinbrüche
Selbst erfahrene Stützen wie Schlotterbeck, Waldemar Anton und Julian
Ryerson sind nach den Eindrücken dieser Partie weiterhin anfällig für
schwer verständliche Leistungseinbrüche. Dafür verschaffte die Geschichte
des Marcel Sabitzer dem ganzen Klub einen emotionalen Schub, der ein
souveränes 6:1 niemals hätte auslösen können.
„Total crazy“ sei dieser Treffer zum 3:2 in der dritten Minute der
Nachspielzeit gewesen, sagte Kovač später und erklärte, was vorgefallen
war: „Eigentlich sagte der Schlotti zum Sabi: Lass den Svensson flanken.
Aber ich habe von draußen reingerufen: Sabi, schieß bitte.“ Sabitzer
schoss, traf, die Süd bebte, Bierbecher flogen, das Adrenalin strömte, und
als die klaren Gedanken zurückkehrten, war sicher: Das Duell gegen die
Bayern wird auch in dieser Saison eher nicht deshalb entschieden, weil eine
der beiden Mannschaften fehlerlos und dominant die eigenen Stärken
ausspielt.
Borussia Dortmund und Bayern München sind jeweils Teams, die in fast jeder
Partie Momente und Phasen der Schwäche zulassen. Das machte diesen
Pokalabend so spannend. Und es wäre nicht verwunderlich, wenn der Umgang
der beiden Klubs mit diesem Faktor auch den Klassiker am Samstagabend
entscheiden würde.
28 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Daniel Theweleit
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