# taz.de -- Bedrohte Trans-Community: Wissenschaftler:innen kritisieren Gesundheitsversorgung
> Nach der Razzia eines Berliner Treffs für trans Menschen bekunden
> hunderte Wissenschaftler:innen ihre Solidarität. Sie fordern bessere
> Versorgung.
(IMG) Bild: „Hände weg von Trans Leben!“ – Soli-Demonstration nach der Durchsuchung der Räume von Casa Kuà durch die Polizei
Hunderte internationale Wissenschaftler:innen haben sich mit der
Berliner trans Community solidarisiert. Der Community-Treff The Dolls im
Gesundheitszentrum Casa Kuà war am 18. Oktober von der Polizei durchsucht
worden. In einem offenen Brief fordern die Wissenschaftler:innen ein
Ende der Kriminalisierung von trans Communities und eine bedarfsgerechte
Gesundheitsversorgung. Zu den mehr als 200 Unterzeichner:innen gehören
unter anderem Judith Butler, Susan Stryker und Eva von Redecker.
Der Angriff auf The Dolls und Casa Kuà sei historisch, heißt es in dem
Brief. „Die Attacke gegen die Berliner Dolls passiert während einer Zeit
beispielloser Zunahme von staatlichem Faschismus“, heißt es in [1][dem
offenen Brief]. Dies sei sowohl in Deutschland der Fall, wo die AfD
kürzlich die Wahlen in Sachsen-Anhalt gewonnen hat, als auch in
europäischen Nachbarländern sowie in Indien, Brasilien, Argentinien, den
Vereinigten Staaten, so die Autor:innen weiter.
Insbesondere nichtweiße trans Frauen stünden im Visier proto-faschistischer
und autoritärer Regime: „Transsein sticht insbesondere als sichtbarer
Verstoß gegen die cis-hetero-patriarchalen Normen hervor, auf denen die
faschistische Autorität beruht.“ Staatliche Gewalt im Strafvollzug und in
der Verwaltung würden Angst und Misstrauen gegenüber trans Personen weiter
verstärken.
## Polizeirazzia bei marginalisierten trans Frauen
Am 18. Oktober hatten 38 Polizist:innen [2][das Gesundheitszentrum Casa
Kuà in Berlin-Kreuzberg durchsucht]. Zu diesem Zeitpunkt fand dort der
Community-Treff „Dolls“ statt, bei [3][dem marginalisierte trans Frauen]
mit Kleidung und Lebensmitteln versorgt werden und sich über Themen rund
ums Trans-sein austauschen.
Grund für die Durchsuchung: Der Verdacht auf illegalen Handel mit
verschreibungspflichtigen Medikamenten. Die Staatsanwaltschaft schien zu
vermuten, dass dort illegal Hormonersatztherapien durchgeführt werden. Auf
Anfrage der taz hieß es, es seien „mutmaßliche Dopingpräparate“
sichergestellt worden. Von trans Frauen benötigte Hormone wie Östrogen und
Progesteron haben jedoch eine gegenteilige Wirkung.
Auch in einem [4][zweiten Brief] von mehr als 130
Wissenschaftler:innen aus dem deutschsprachigen Raum wird der Einsatz
der Polizei „in einem gemeinschaftlichen, selbstorganisierten Schutzraum
für Menschen, die in ihrem Alltag in vielerlei Hinsicht strukturelle und
körperliche Gewalt und Gefährdung erfahren“, verurteilt.
## Unzureichende Gesundheitsversorgung für trans Menschen
Die Unterzeichner:innen kritisieren darin auch die Rolle des
Gesetzgebers, der es bisher versäumt habe, eine ausreichende
Gesundheitsversorgung für trans Personen zu gewährleisten. Sie fordern eine
„bedarfsgerechte, niedrigschwellige und diskriminierungssensible
Gesundheitsversorgung für alle trans*, inter*, nicht-binären und queeren
Personen“.
Trans Personen warten häufig mehrere Jahre auf Therapieplätze oder
spezialisierte Ärzt:innen. Viele berichten darüber hinaus von
(rassistischer) Diskriminierung und ungeschultem medizinischem Personal.
Menschen ohne Krankenversicherung oder unbefristeten Aufenthaltstitel haben
ohnehin keinen Zugang zu Kassenleistungen.
Seit einem Grundsatzurteil des Bundessozialgerichts im Oktober 2023 ist
zudem unklar, welche Gesundheitsleistungen von den Krankenkassen übernommen
werden. Damals hatte das BSG entschieden, dass geschlechtsangleichende
Behandlungen einer neuen Empfehlung des Gemeinsamen Bundesausschusses
bedürfen. Dieses Gremium legt fest, welche Leistungen Krankenkassen
übernehmen. Drei Jahre später gibt es noch keine solche Regelung.
Ab Januar 2027 könnte sich die Situation nun weiter verschärfen: Zum einen
steigen die Zuzahlungen für Heilmittel und Medikamente. Zum anderen kommen
strengere Wirtschaftsprüfungen auf Ärzt:innen zu. Diese müssen seit dem
vom BSG festgelegten Stichtag (19. 10. 2023) deutlich restriktivere
Richtlinien bei geschlechtsangleichenden Maßnahmen einhalten. Andernfalls
drohen ihnen hohe Honorarrückzahlungen.
## Unsicherheit in der trans Community wächst
Das Vorgehen von Polizei und Verwaltung wirkt sich bereits heute auf die
medizinische Behandlung aus. „Wo man früher im ärztlichen
Ermessensspielraum empathischer handelte, sorgt heute Angst für penible
Evaluierung“, erzählt eine Ärztin, die anonym bleiben möchte, der taz. Dies
wirke sich ebenfalls negativ auf das Behandlungsverhältnis zwischen Ärztin
und Patientin aus.
Diese Verunsicherung bekommen die Patient:innen unmittelbar zu spüren.
Der taz sind bereits mehrere Fälle von trans Personen bekannt, die nach
Jahren der problemlosen Behandlung nun von ihren Ärzt:innen abgelehnt
wurden. So der Fall einer US-Amerikanerin. Sie ist, wie viele trans
Menschen, vor dem transfeindlichen Regime in den USA geflohen. Die
Diagnosen und Unterlagen aus den USA hatten bisher in deutscher Übersetzung
gereicht, erzählt sie der taz. Doch jetzt würden Ärzt:innen auch jene
Menschen wie sie abweisen, weil die Unterlagen nicht den deutschen
Richtlinien entsprächen.
1 Nov 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://framaforms.org/letter-in-support-of-the-dolls-of-berlin-casa-kua-1792854566
(DIR) [2] /Razzia-in-queerem-Community-Ort/!6222562
(DIR) [3] /Razzia-im-Casa-Kua/!6222842
(DIR) [4] https://www.soli-casa-kua.com/
## AUTOREN
(DIR) Raweel Nasir
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