# taz.de -- Soziales Experiment als Ausstellung: Beim Tiktoken über die Schulter geschaut
> In der Ausstellung „Social Studies“ zeigt Lauren Greenfield den Einfluss
> sozialer Medien auf Jugendliche, die sie ein Jahr lang in ihrem Alltag
> begleitet hat.
(IMG) Bild: Die Pose ist inzwischen recht bekannt: „Girls on Phones“, ist dieses Foto aus der Ausstellung unterschrieben
Hell blinkend ziehen die Videos über die Projektionsfläche. Outfits der
Woche, Starbucks-Verkostungen, junge Paare, strikt getaktete
Morgenroutinen, alle unterlegt mit verschiedenen Liedern oder Tönen.
Projiziert wird an die Zimmerwände, den Ganzkörperspiegel, den
Teppichboden, den Bildschirm auf dem Schreibtisch des installierten
Zimmers. Efeu-Girlanden aus Plastik, warm leuchtende Lichterketten,
farblich angeordnete Bilder, die an der Wand kleben – bunt, spielerisch,
leicht kindlich, ganz im Stil von 2020.
Der kindliche Touch ist kein Zufall, denn die Installation stellt das
Zimmer von Ella dar. Sie ist eine von 30 Jugendlichen aus Los Angeles, die
an dem Projekt „Social Studies“ von Lauren Greenfield teilnahmen. Über ein
Jahr lang begleitete Greenfeld die Jugendlichen, die ihr Leben und ihre
digitalen Welten teilten.
Die im Ausstellungshaus Fotografiska im früheren Tacheles ausgestellten
Werke stammen aus der gleichnamigen Dokumentation, die aufzeigt, welchen
Effekt erhöhte Social-Media-Nutzung während des [1][Corona-Lockdowns] auf
Jugendliche hatte – auch nachdem sie in ihren „normalen“ Alltag
zurückgekehrt waren. Viele von ihnen sind nach eigener Aussage schon im
Kindesalter auf sozialen Netzwerken aktiv gewesen, hätten teilweise schon
damals gepostet.
Die Faktenlage ist bekannt: Soziale Medien können [2][mentale Krankheiten
verursachen oder stärken, süchtig, unkonzentriert und müde machen]. Und
doch wirken die Zahlen oft abstrakt, besonders für die Generationen, die
ohne Smartphone aufwuchsen. In dem Versuch, den Einfluss der Plattformen
auf die Jugendlichen zu verstehen, erhebt Lauren Greenfield den Anspruch,
social Media durch die Augen der Jugendlichen zu erleben – als aktiver
Teilnehmer und Mitglied der Zielgruppe statt durch die Augen einer Mutter
oder eines passiven Beobachters. Dafür forderte sie die teilnehmenden
Jugendlichen auf, Bildschirmaufnahmen von ihren Aktivitäten auf dem eigenen
Smartphone mitzufilmen.
Neben den Bildschirmaufnahmen setzt Greenfield auf Gruppengespräche mit den
TeilnehmerInnen, in denen sie ihre Erfahrungen und Geschichten zu den
Dingen teilen können, die die Teenagerzeit prägen. Denn egal ob Sex,
Beziehungen, eigene Unsicherheiten – die Einflussnahme von Tiktok,
Instagram und Co ist immens. Viele der Gesprächsmitschnitte sind auch ein
Teil der Ausstellung.
## Zu schnell erwachsen werden
„Als ich mir Instagram installierte, zwang es mich dazu, schneller
erwachsen zu werden“, berichtete Sofia, eine Teilnehmerin von Greenfields
Projekt. Sie erzählt in einem der Gruppengespräche davon, dass sie
gemeinsam mit Freunden bereits mit 14 im Internet auf der Suche nach Sugar
Daddies waren und begannen, Fußbilder zu verkaufen. Ein Sugar Daddy ist in
der Regel ein älterer Mann, der meist junge Frauen sucht, die ihm
Gesellschaft leisten oder bereit sind, mit ihm eine romantische oder intime
Beziehung einzugehen. Im Gegenzug erhalten die Frauen Geschenke oder
finanzielle Unterstützung.
In einem Video thematisiert „Social Studies“, wie der klassische
Tiktok-Algorithmus funktioniert, der bestimmt, welche Videos angezeigt und
eingespielt werden, basierend darauf, welche Videos vorher bei
BenutzerInnen gut ankamen. Das Beispielvideo zeigt, wie [3][schnell der
Algorithmus funktioniert] und wie schnell extreme Inhalte eingespielt
werden. Während in der ersten Stunde der Nutzung der App Videos über
Make-up und Schultipps eingespielt werden, eskalieren die Videos schnell in
extreme Inhalte: von Abnehm- und Fitnesstipps bis hin zu Beiträgen, die
Essstörungen normalisieren und bewerben.
In Ausschnitten der Dokumentation, Fotografien und Kommentarspalten
präsentiert Greenfield auch solche Inhalte der Plattformen, den es aufgrund
von Regulierungen eigentlich nicht geben dürfte: Rassismus,
Gewaltverherrlichung an Minderheiten, sexuelle Inhalte von Minderjährigen.
Obwohl sich viele der Jugendlichen darüber bewusst sind, dass die Inhalte
der Social-Media-Plattformen sie unter Druck setzen oder belasten, scheint
ein großes Ziel wichtiger: dazu gehören. Was für Außenstehende fernab der
Realität scheint, prägt den Alltag der Jugendlichen aus Los Angeles.
Der 18-jährige Jack Schwartz erzählt in einem Videoausschnitt von seiner
Geburtstagsfeier, die in Los Angeles als legendär gelte. Dort erlitt ein
Teenager eine Überdosis und übergab sich nach Aussagen eines Partygasts
mehrfach. Nachdem ein Krankenwagen gerufen wurde, trugen Partygäste den
Ohnmächtigen ein paar Straßen weiter und behaupteten, ihn auf der Straße
gefunden zu haben. Die Party könne ja wegen eines Einzelnen kaum enden,
meint Jack.
## „Wie viel ist dein Outfit wert?“
In Los Angeles ist Jack bekannt für sein Tiktok-Format „How Much Does Your
Fit Cost?“ – zu Deutsch „Wie viel ist dein Outfit wert?“. In diesem Format
interviewt er PassantInnen auf den Straßen LAs und fragt nach den Preisen
der eigenen Klamotten. Fast nebensächlich werden Summen in Höhe eines
Monatslohns genannt, die für einzelne Kleidungsstücke ausgegeben wurden.
Ein ständiges Überbieten und der konstante Konsum werden als Mittel
genutzt, den eigenen Status festzulegen.
Der Prozess des Erwachsenwerdens wird von jedem beschritten. Doch wie viel
Einfluss hat es auf diesen Prozess, wenn alles im Internet festgehalten
wird, an genau dem Ort, der nichts vergisst? „Erwachen zu werden heißt,
Fehler zu machen. Aber dass unsere Fehler so öffentlich geschehen und
verurteilt werden können, ist beängstigend“, sagt eine Teilnehmerin des
Projekts.
Greenfield stellt keine Vorwürfe in den Raum – weder gegen Eltern noch die
Jugendlichen. Stattdessen reflektiert sie die Gedanken der TeilnehmerInnen
und kommt dabei zu der Schlussfolgerung: [4][Es geht auch ohne]. Mehrere
TeilnehmerInnen hätten nach den Dreharbeiten, die 2023 beendet wurden, die
Plattformen gelöscht, um wieder am richtigen Leben teilhaben zu können. Die
Fotografin und Filmemacherin regt an, die Ausstellung und den eigenen
Konsum zu reflektieren, ganz ohne Schuld oder Scham.
[5][„Social Studies“ läuft bis zum 12. Januar 2027 im Fotografiska Berlin].
Da die Ausstellung besonders für junge Menschen gedacht ist, ist der
Eintritt für Schulklassen kostenlos. Die Ausstellung behandelt sensible
Inhalte wie sexuellen Missbrauch oder Suizidgedanken. Deswegen empfiehlt
Fotografiska, beim Besuch der Ausstellung von Kindern und Jugendlichen eine
erwachsene Bezugsperson mitzunehmen.
4 Nov 2026
## LINKS
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(DIR) [3] /Algospeak-auf-TikTok-und-Instagram/!5911034
(DIR) [4] /Smartphonefreie-Schule/!6211666
(DIR) [5] https://berlin.fotografiska.com/de/exhibitions/lauren-greenfield
## AUTOREN
(DIR) Lilly Mayer
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