# taz.de -- Zugunglück in Spanien: Erst ein technisches Problem, dann menschliches Versagen
       
       > Nach einem Computerausfall auf der Zugstrecke von Madrid nach Sevilla
       > machte die Leitzentrale der Bahn fatale Fehler.
       
 (IMG) Bild: Eine Frau kniet vor einem kleinen Altar am Bahnhof Santa Justa zum Gedenken an die Opfer des Zugunglücks
       
       Erste Ermittlungsergebnisse zum [1][schweren Zugunglück vom Mittwoch]
       zeigen: Alles begann mit einem technischen Fehler und endete nach einer
       Reihe von menschlichen Fehlentscheidungen mit dem schwersten Zugunglück,
       das Spanien in den letzten Jahren erlebt hat.
       
       Nach mehreren ausgiebigen Verhören durch die Guardia Civil und die
       Kommission für die Untersuchung von Eisenbahnunfällen (Ciaf) zeichnet sich
       dieser Unfallhergang ab: Am Mittwoch um 8.30 Uhr fielen mehrere Computer
       und damit das automatische Steuerungssystem eines Teils der Bahnstrecke von
       Madrid ins südspanische Sevilla aus. Sechs Züge wurden automatisch
       gestoppt. Die Leitzentrale in Madrid übernahm die Kontrolle, per Funk – und
       sie versagte dabei.
       
       Ein Hochgeschwindigkeitszug der spanische Staatsbahn Renfe fuhr am
       Mittwochmorgen mit rund 200 km/h beim Ort Urda, 118 Kilometer südlich von
       Madrid, auf einen anderen Zug des Privatanbieters Iryo auf, der auf den
       Gleisen stand. Mindestens 69 Menschen verloren dabei ihr Leben. Dutzende
       wurden zum Teil schwer verletzt.
       
       Nach dem Ausfall der Informatik wies ein Kontrolleur der Leitzentrale – so
       zeigten es aufgezeichnete Gespräche – den Lokführer eines
       Hochgeschwindigkeitszuges der Renfe an, „im Normalbetrieb“, also mit hoher
       Geschwindigkeit, die Fahrt wieder aufzunehmen. Dies stehe, so Fachleute, im
       völligen Widerspruch zu den geltenden Vorschriften.
       
       ## Anweisung zu hoher Geschwindigkeit statt Fahrt auf Sicht
       
       Demnach hätte der Zug ohne Sicherheitssystem nur mit 40 km/h und auf Sicht
       entsprechend der Signale fahren dürfen. Was der Lokführer nicht wusste und
       was aus unerklärlichen Gründen wohl weder dem Kontrolleur noch einem
       zweiten Mann am Posten noch der Aufsicht bewusst war – 25 Kilometer vor dem
       Renfe-Zug stand ein Zug des Privatanbieters Iryo auf den Gleisen.
       
       Dieser hatte Probleme beim Anfahren. 17 Minuten später krachte der
       Renfe-Zug in den von Iryo – und zwar mit solcher Wucht, dass drei Waggons
       aus den Gleisen geschleudert wurden. Zwei Waggons überschlugen sich und
       blieben unten am Bahndamm liegen.
       
       Die ausgefallenen Computer gehören zum Zugleitsystem LZB, das seit der
       Eröffnung der Strecke 1992 im Dienst ist. Es wird derzeit nach und nach
       gegen das neuere europäische System ERTMS ausgewechselt. Wäre wenigstens
       eines der beiden Systeme aktiv gewesen, hätte es zu keinem Auffahrunfall
       kommen können. Denn die Systeme teilen die Strecke in Abschnitte ein, in
       denen sich jeweils nur ein Zug befinden kann. Genau deshalb hätte die
       Anweisung lauten müssen, langsam und auf Sicht zu fahren.
       
       Doch damit nicht genug: Auch die Lokführerin des Iryo meldete sich bei der
       Leitzentrale, und zwar nur fünf Minuten, nachdem die Anweisung an den
       Renfe-Zug zum Normalbetrieb erging. Sie meldete, dass auch sie durch den
       Informatikfehler gestoppt worden war. „Setzen Sie die Fahrt (…) fort.
       Normalbetrieb“, lautete die Anweisung auch an sie.
       
       ## Der Leitstelle fehlte der Überblick über den Streckenabschnitt
       
       Wenig später meldete sich die Lokführerin erneut und teilte mit, dass ihr
       Zug Probleme beim Anfahren habe. Die Antwort aus der Leitstelle: „Na gut,
       fahren Sie einfach weiter, sobald es geht; und falls Sie Probleme haben,
       rufen Sie uns an.“ Alles deutet darauf hin, dass sich die Kontrolleure
       nicht darüber bewusst waren, dass sich beide Züge – Renfe und Iryo – auf
       demselben Abschnitt befanden. Bei Redaktionsschluss suchten die
       Rettungsmannschaften am Donnerstag noch immer nach Opfern in den Trümmern.
       
       Das schwere Zugunglück hat Spanien geschockt. Regierungschef Pedro Sánchez,
       Oppositionspolitiker sowie das Königspaar reisten am Donnerstag an den
       Unfallort und zu einem der Krankenhäuser, in denen die Verletzten behandelt
       werden.
       
       Sánchez nahm am Donnerstagmorgen an einer Sitzung des Krisenstabs vor Ort
       teil. Er versprach, alles zu tun, damit „alles bis zum letzten Detail“
       geklärt wird. Auch Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo von der Partido
       Popular trat unweit des Unfallortes vor die Presse. Es zeuge von
       „Leichtfertigkeit“, dass die Regierung einen Mitarbeiter „beschuldigt“, und
       es sei „unerlässlich“, dass die Regierung „politische Verantwortung“
       übernehme, erklärte er.
       
       Spanien wird in nur einem Monat ein neues Parlament wählen. Das Zugunglück
       wird den Wahlkampf sicher maßgeblich bestimmen. Zumal es schon [2][der
       zweite schwere Unfall auf der Strecke Madrid– Sevilla in diesem Jahr] ist.
       Im Januar ließ eine gebrochene Schiene einen Zug entgleisen, der darauf
       einen anderen streifte, der dann den Bahndamm hinabstürzte. Damals waren 46
       Tote zu beklagen.
       
       29 Oct 2026
       
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