# taz.de -- Erinnerung an die „Polenaktion“ 1938: Die Generalprobe
> Im Oktober 1938 deportieren die Nazis eine jüdische Familie aus dem
> Rheinland. Ein Foto von damals belegt die Begeisterung ihrer Mitbürger.
(IMG) Bild: Zahlreiche Menschen schauen zu, als die jüdische Familie Gartenberg 1938 aus Bedburg nach Polen verschleppt wird
Ein Foto, das einen gut gefüllten deutschen Marktplatz zeigt. Die Neugier
scheint gewaltig, die Stimmung gut. Menschen bevölkern nicht nur den Platz,
sie schauen auch aus vielen Fenstern der umstehenden Häuser. Niemand von
ihnen sieht traurig aus. Doch am 28. Oktober 1938 ging es in der
rheinischen Kleinstadt Bedburg an der Erft nicht um Obst und Gemüse, es
fand auch kein Viehmarkt statt, und bis zur nächsten Karnevalssession war
es noch weit.
Welches Ereignis begangen wurde, klärt die Rückseite des Fotos auf. Dort
steht: „1938 Meine Verhaftung“. Geschrieben hat das wahrscheinlich Abraham
Gartenberg. Sein Vergehen bestand darin, dass er Jude mit polnischen
Papieren war. Er und seine Frau Erna wurden am Vortag in Haft genommen. Nun
ging es darum, dass der Besitzer des Bedburger Konfektionswarengeschäfts in
der Friedrich-Wilhelm-Straße 5 und seine Familie aus dem Land getrieben
wurden.
Auf dem Marktplatz stand ein Pferdefuhrwerk, darauf die Gartenbergs. Mit
diesem Wagen und in Begleitung des Schutzpolizisten Franz Spakowski ging es
zum Bahnhof der Kleinstadt, dann weiter nach Köln-Deutz, wo die polnischen
Juden aus dem Rheinland zusammengetrieben wurden, um sie von dort außer
Landes zu schaffen.
An diesen Tagen um den 28. Oktober 1938 wurden aus ganz Deutschland
[1][etwa 17.000 Jüdinnen und Juden nach Polen zwangsverschickt]. Das
Nachbarland plante, im Ausland lebenden polnischen Juden die
Staatsbürgerschaft zu entziehen. Das war den Nazis Anlass genug, um diese
Menschen in ihre vorgebliche Heimat zu deportieren – ohne ihr Hab und Gut,
ohne Warnung und ohne Gnade. Viele waren ihr Leben lang nicht in Polen
gewesen, so auch Gartenbergs achtjährige Tochter Inge.
## Brutale Deportation als freudiges Spektakel
Ein Zug mit der Familie aus Bedburg und hunderten anderen Ausgewiesenen
ging nach Neu-Bentschen (heute Zbąszynek), damals an der östlichen Grenze
des Deutschen Reichs gelegen. Dann wurden die Menschen nach Polen
getrieben, wo sie alles andere als willkommen waren. Manche irrten tagelang
im Grenzgebiet umher.
Die Aktion kann [2][als Generalprobe für die 1941 beginnenden Deportationen
der deutschen Juden zu ihrer Ermordung] im Osten verstanden werden. Schon
hier arbeiteten Reichsbahn, Polizei und SS Hand in Hand.
Das Foto dokumentiert dabei die Zustimmung weiter Bevölkerungskreise für
die antisemitische Aktion. Sie machten aus der brutalen Deportation einer
unter ihnen lebenden jüdischen Familie ein freudiges Spektakel.
Zu verdanken haben wir das Bild der Familie Gartenberg, der es gehört, und
der Initiative „LastSeen“, die nach Zeugnissen von Deportationen von
Jüdinnen und Juden forscht. Projektleiterin Alina Bothe ordnet die
Bedeutung der Aufnahme ein: „Die Deportation im Oktober 1938 war eine
Zäsur. Erstmals wurden tausende Menschen aus Deutschland, aus ihren
Wohnungen heraus, verschleppt. Das nun sorgfältig erforschte Bedburger Foto
zeigt, was wir aus Quellen aus verschiedenen Orten wissen: Sehr viele
Menschen schauten begeistert zu und fanden die Verschleppung richtig.“
Familie Gartenberg hatte großes Glück. Sie gelangte zunächst über Posen ins
damals südostpolnische Lwów (heute Lviv) und erreichte von dort nach
Kriegsbeginn das rettende Palästina.
29 Oct 2026
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(DIR) Klaus Hillenbrand
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