# taz.de -- Proteste in Frankreich: Es riecht nach einem faulen Kompromiss
> Frankreichs Regierungschef Sébastien Lecornu kündigt erste Zugeständnisse
> im Bildungswesen an. Doch den Schülern und Studierenden reicht das nicht.
(IMG) Bild: Es riecht verdammt nach rapide fermentierenden Kompromissen der verlogenen Art
Bei einem Treffen mit Vertreter*innen von Gewerkschaften und
Organisationen der Schüler*innen und Studierenden ist Frankreichs
Premierminister Sébastien Lecornu erstmals auf die Forderungen der
Jugendlichen eingegangen. Er hat ihnen versprochen, „Parcoursup“, eine
Plattform zur Vergabe von Studienplätzen an den Hochschulen, 2027 zu
verbessern und 2028 durch ein anderes System zu ersetzen.
Die seit 2018 eingesetzte Plattform Parcoursup, so die Kritik, verteile die
begehrtesten Studienplätze nach undurchsichtigen Kriterien und
diskriminiere dabei auch Jugendliche wegen ihrer Herkunft aus weniger
renommierten Lycées. Dass viele nach dem Oberschulabschluss, dem
Baccalauréat (Bac), lange warten müssen und oft noch zu Semesterbeginn
nicht wissen, was sie wo studieren dürfen, bedeutet für die Familien einen
unerträglichen Stress.
Die Regierung meinte dazu, dieses System sei immer noch besser als eine
Verlosung der Studienplätze oder ein Numerus clausus. Auch will Lecornu den
Regionen, die für den Unterhalt der Mittelschulen zuständig sind,
zusätzliche Kredite im Umfang von 5 Milliarden Euro für die Sanierung der
teilweise sehr heruntergekommenen Gebäude gewähren. Zusätzlich sollen 500
Stellen für Lehrer*innen geschaffen und das Problem ausfallender
Unterrichtsstunden angegangen werden.
David Amiel, Minister für den Staatshaushalt, möchte die zusätzlichen
Investitionen durch eine effizientere Besteuerung von Unternehmen
finanzieren, die dank „Optimierungstricks“ oder bestehender Lücken durch
die Maschen des Fiskus schlüpfen. So soll also plötzlich möglich werden,
was bisher als jugendlicher Unsinn abgetan wurde.
## Taub gestellt
[1][Sowohl Staatschef Emmanuel Macron als auch sein Premierminister Lecornu
hatten sich bislang taub gestellt]. Auf die Proteste hatten sie mit
massiven und oft brutalen Einsätzen von Ordnungskräften reagiert. Statt die
Jugendlichen einzuschüchtern, verstärkte diese Repression noch die
Mobilisierung, die sich in den vergangenen zwei Wochen auf andere soziale
Kreise ausweitete.
Macron sieht sich offenbar nicht als Teil des Problems.
Gewerkschaftsverbände und „Gelbwesten“-Wutbürger haben sich der
Sozialbewegung mit zusätzlichen Anliegen angeschlossen. Die Gelbwesten
wollen am 31. Oktober zusammen mit den Jugendlichen wieder überall
demonstrieren. Und die Gewerkschaften haben für den 5. November einen
Generalstreik ausgerufen.
Daran ändert nun auch Lecornus Geste nichts. Präsident Macron scheint nicht
bereit zu sein einzulenken. Bei einem Überraschungsbesuch [2][im Rathaus
von Marseille], das am 17. Oktober von Randalierern attackiert worden war,
bestand er ausschließlich auf einer Rückkehr zu Ruhe und Ordnung und
meinte: „Es ist nicht normal, dass Frankreich, sechs Monate vor den Wahlen,
in einem solchen Zustand ist.“
## Keiner Verantwortung bewusst
Dieser Satz klingt, als wäre Macron nicht selbst Teil des Problems. Der
Staatschef scheint sich keinerlei Verantwortung für die Krise in Frankreich
bewusst zu sein. Er hatte vor dem vergangenen Samstag explizit angekündigt,
dass alle Kundgebungen, die nicht von „legitimen“ Organisationen wie
Gewerkschaftsverbänden angemeldet werden, untersagt würden.
Verfassungsrechtler und Menschenrechtsorganisationen hatten dies als
illegal und als einen gravierenden Eingriff in die demokratischen Rechte
kritisiert.
In Hinblick auf die nächste Runde im Konflikt am 31. Oktober hat sich der
Präsident dafür ausgesprochen, dass die Kundgebungen möglichst von den
Zentren der Städte ferngehalten und nur in den Außenbezirken genehmigt
würden. Die Schülerorganisationen hatten vor dem Treffen mit Lecornu
gesagt, sie würden keine „faulen Kompromisse“ akzeptieren. Im Anschluss
daran erklärten sie, dass ihnen sein Angebot nicht genüge.
Sie fordern weiterhin „sofort 10 Milliarden Euro“ an zusätzlichen Mitteln
für das Bildungswesen. Zudem sind sie empört, weil der Premier seine
Ankündigungen vor dem Treffen mit ihnen zunächst einigen
Netzwerk-Influencern unterbreitet hatte. Eine ernsthafte Diskussion mit den
Delegationen der Jugendlichen schien für Lecornu überflüssig zu sein.
27 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Rudolf Balmer
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