# taz.de -- Bilanz Jazzfest Berlin 2026: Die Signale kommen aus allen Himmelsrichtungen
       
       > „Dream Baby Dream!“ – das Motto des Jazzfests Berlin war als Einladung zu
       > verstehen, auch in schwierigen Zeiten Wünsche zu verfolgen.
       
 (IMG) Bild: Alexander von Schlippenbachs 15-köpfiges Globe Unity Orchester feiert den 60. Bandgeburtstag
       
       „Dream Baby Dream“ lautete das Motto der 63. Ausgabe vom Jazzfest Berlin.
       Bekannt wurde diese sanfte Parole vor allem durch Bruce Springsteen, der
       2014 eine Coverversion des gleichnamigen Songs des New Yorker
       Synth-Punk-Duos Suicide von 1979 veröffentlichte. Die Kraft des Träumens in
       ausweglos erscheinenden Zeiten – ein Dauerbrenner auch im Jazzgeschäft.
       
       „Dream Baby Dream“ lautet auch der Titel eines psychedelischen Kurzfilms,
       den das Festival 2025 im Rahmen eines Community-Projekts produzieren ließ
       und nun stolz präsentierte.
       
       Als Festivalleiterin Nadine Deventer am Donnerstagabend im vollen Saal der
       Berliner Festspiele Grußworte ans Publikum richtete, übersprang sie einige
       Talking Points, weil ihr wohl selbst beim Reden auffiel, wie umfangreich
       das Programm geworden ist: von Improv-Theater-Zirkus bis hin zu
       Kiez-Sessions mit Nachwuchsmusiker:innen im SOS-Kinderdorf Moabit.
       „Musik, Musik!“, konnte man erste ungeduldige Zwischenrufe während
       Deventers Rede vernehmen.
       
       Es war dann schließlich Maria Portugal, die inzwischen in Berlin ansässige
       und aus São Paulo stammende Schlagzeugerin, Sängerin und Komponistin, die
       mit ihrem Erasão Percussion Trio zusammen mit Burkhard Beins und Emilio
       Gordoa ein rauschendes Eröffnungskonzert gab.
       
       ## Ein kuratorischer Glücksfall
       
       Eine unerhörte Musik, die Verbindungslinien zeigte zwischen den Bewegungen
       der Berliner Echtzeitmusik und dem brasilianischen Tropicalismo, bei dem
       Künstler wie Tom Zé schon Ende der 1960er-Jahre gegen die Militärdiktatur
       im Land ansangen. In Anbetracht des aktuellen Wahlsiegs von Lula da Silva
       war die Wahl dieses Trios zum Auftakt aus kuratorischer Perspektive ein
       absoluter Glücksfall. Ja, wir dürfen in diesen Zeiten immer noch von der
       Demokratie träumen. Nein, das müssen wir sogar, um dem Imperativ des
       Festival-Mottos zu folgen!
       
       Danach gab es ein Konzert des inzwischen 81-jährigen US-Künstlers Anthony
       Braxton, einer der ganz großen Saxofonisten, Komponisten und Denker des
       Jazz. Braxton führte mit einem eigens dafür zusammengestellten Septett,
       bestehend aus vier Saxofonen und drei Tuben, ein Auftragswerk auf – mit
       einem eigenen Notationssystem, das er „Language Music“ nennt. Es besteht
       aus unterschiedlichen Modulen, sogenannten „Language Types“, die er als
       Dirigent im Moment bei den Musiker:innen über Handzeichen abruft.
       
       So passierte Braxtons Musik nicht linear an einem Zeitstrang, wie es für
       klassische, auch im Jazz übliche Partituren der Fall ist, sondern die
       Signale kamen aus allen möglichen Himmelsrichtungen angeflogen. Ein Sound
       mit einem anderen Raum- und Zeitverständnis. Und das schon seit über 50
       Jahren.
       
       In all der eindrucksvollen Multidimensionalität sollte man beim Jazzfest
       Berlin seine Fomo, also die Angst, etwas zu verpassen, gut im Griff haben.
       Denn die Gewissheit, dass man, während man einem Konzert beiwohnt, gerade
       ein anderes tolles Konzert in einer anderen Spielstätte verpasst, ist mehr
       als gewiss.
       
       ## Die Qual der Wahl
       
       Etwa am Samstagabend, als man sich entscheiden musste zwischen dem New
       Yorker Immanuel Wilkins Quartet, einem erstklassigen
       Blue-Note-Vertragskünstler der Gegenwart, oder der ebenfalls [1][in New
       York lebenden Gitarristin Wendy Eisenberg], die im Quasimodo ihr aktuelles
       Album präsentierte. Für den Schreiber dieser Zeilen fiel die Wahl auf
       Eisenberg.
       
       An ihrer Seite spielte etwa die supermusikalische Violinistin Mari Rubio
       und der inzwischen zu so etwas wie dem Haus- und Hofbassisten des Festivals
       gewordene Nick Dunston, der bei mehreren Gigs am Bass zu hören war, wie
       etwa bei dem sehr guten Auftritt des Camilla Nebbia Large Ensembles nur
       wenige Stunden zuvor.
       
       Eisenberg beschreibt in ihren Songs die Herausforderungen in einer
       zwangsindividualisierten Gesellschaft mit messerscharfem Verstand und einer
       wohltuenden Portion Selbstironie. Immer wieder kippten ihre Songs beim
       Konzert ins Surreale. Eine Tagträumerin, von der man gern mal einen Roman
       lesen würde.
       
       Der Samstag war dann der Tag der Festivallieblinge, die Nadine Deventer und
       ihr Co-Kurator, der aus Chicago stammende US-Journalist Peter Margasek, zum
       wiederholten Male beim Festival auftreten ließen: etwa die Cellistin
       Tomeika Reid, die zusammen mit der Ausnahmegitarristin [2][Mary Halvorson]
       im Quartett ihr gemeinsames Album „Dance! Skip! Hop!“ aufführte. Eingängige
       Kompositionen mit rasanten Django-Reinhardt-Riffs, Latin Grooves und
       handgespielten HipHop-Loops.
       
       ## Referenz an Don Cherry
       
       Im direkten Anschluss konzertierte das Chicago Underground Duo mit
       Schlagzeuger [3][Chad Taylor und Trompeter Rob Mazurek]. Sie boten eine
       beeindruckende Show mit elektronischen Loops und liebevollen Referenzen an
       den Sound von Don Cherry. Aus Mazurek wäre bestimmt auch ein guter
       Frontmann für eine Post-Punk-Band unserer bekloppten Gegenwart geworden.
       
       Aber so verkörpert er den vielleicht extravagantesten Trompeter unserer
       Zeit und bläst einem nicht mehr ganz jungen Publikum als Enfant terrible
       den Fiebertraum-Marsch!
       
       Am Sonntagabend, nachdem die inzwischen ebenfalls in Berlin ansässige New
       Yorker Sängerin Ganavya dem Publikum auf der Bühne ihre neugeborene Tochter
       vorgestellt und für all die mit ihr verbundenen Seelen zu Harfen- und
       Kontrabassbegleitung meditative Chants angestimmt hatte, feierte
       [4][Alexander von Schlippenbachs 15-köpfiges Globe Unity Orchester] im
       Anschluss den 60. Bandgeburtstag mit einer gelungenen Improvisationsrevue.
       Das hätte sich dieses aufmüpfige Free-Jazz-Kollektiv 1966 so ganz sicher
       nicht träumen lassen. Mit Schlippenbachs Frau Aki Takase, die zusammen mit
       ihm den Flügel bespielte, stand übrigens zum ersten Mal eine Künstlerin mit
       auf der Bühne in diesem legendären Kollektiv.
       
       Was aber für die Gegenwart dieses gelungenen Festivals wenig zur Sache tut.
       Denn Deventer und ihrem Team ist es längst gelungen, den alten Männerverein
       Jazz erfrischend aufzumischen.
       
       Ja, Dream Baby Dream!
       
       2 Nov 2026
       
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