# taz.de -- Naturschutzgipfel in Jerewan: Nach dem Tunnel eine andere Welt
> In Armenien entsteht das erste Biosphärenreservat des Landes. In der
> Hauptstadt treten die Verhandlungen der Naturschutzkonferenz in die heiße
> Phase.
(IMG) Bild: Das Kloster Haghartsin befände sich nach Errichtung des Biosphärenreservats in dessen Pufferzone
Nach einem Autobahntunnel ändert sich die Welt. Wer aus der armenischen
Hauptstadt Jerewan Richtung Norden fährt, fährt durch sandiges Flachland,
die Berge im Horizont. Es sieht trocken aus, als wäre der Regen des Vortags
schon viel länger her. Nach etwa 100 Kilometern, nach dem Tunnel: unzählige
Eichen- und Buchenwälder, herbstlich grün, rot und gelb.
Direkt nach dem Tunnel soll in Dilijan in zwei Jahren ein
Unesco-Biosphärenreservat beginnen. Auf 116.000 Hektar, das ist etwa
anderthalbmal die Fläche von Berlin. Die Michael-Succow-Stiftung fördert
das Projekt, es soll das erste Biosphärenreservat Armeniens werden. Die
Stiftung aus Greifswald hat bereits im südkaukasischen Nachbarland Georgien
zwei Unesco-Biosphärenreservate eröffnet. Jetzt also Armenien, passend zur
UN-Weltnaturkonferenz in Jerewan.
Schon die Sowjets hatten den Wert von Dilijan erkannt. In den 70ern war die
Region ein beliebter Kur- und Kulturort, mit Kino, Konzerthalle,
Spa-Ressorts. Nach dem Zerfall der Sowjetunion kam es in den 90ern zu einer
ökonomischen Krise in Armenien. Aus Verzweiflung begannen einige, den Wald
in Dilijan zu plündern. Sie heizten mit Holz aus dem Wald, jagten den
kaukasischen Rothirsch, um an Essen zu kommen. Er wurde in Armenien zu
einer bedrohten Art. 2002 richtete die armenische Regierung in Dilijan
einen Nationalpark ein. Jagen ist seitdem nicht mehr erlaubt, es wird
weniger Holz geschlagen.
Seit 2018 gibt es ein Wiederansiedlungsprogramm des WWF für den
kaukasischen Rothirsch: ein großes Gehege mitten im Wald. 24 Tiere wurden
in den vergangenen acht Jahren wieder in die Wildnis entlassen. Nika
Malazonia von der Succow-Stiftung hatte die Idee zu dem Biosphärenreservat
zusammen mit einem armenischen Partner. Die Stiftung fördert es mit 300.000
Euro. Ein vergleichbar kleines Projekt, sagt Malzonia. Sieben Regionen
hätten sie in Armenien untersucht, in Dilijan hätten sie besten die
Voraussetzungen gefunden. Denn hier gibt es schließlich schon den
Nationalpark.
Nun soll das Biosphärenreservat sich über den Nationalpark legen, er wird
dann ein Drittel des Reservats ausmachen. Malazonia hilft den
Armenier:innen, alles so vorzubereiten, dass die Unesco das Gebiet als
solches 2028 anerkennt. Davon würde nicht nur die Natur profitieren, meint
Projektleiter Malazonia. Bekäme das Gebiet den Unesco-Stempel, würde das
den Tourismus weiter ankurbeln.
Nach Unesco-Standards wird das Biosphärenreservat in drei Zonen unterteilt:
In der Mitte ist die Kernzone, in der sich schon heute die Hirsche
befinden. Hier sind die Auflagen am strengsten, der Mensch darf nur minimal
eingreifen. Um die Kernzone herum ist die Pufferzone, die die Kernzone
schützen soll. In der Entwicklungszone, die dritte und, in der Regel,
größte Zone, kann der Mensch, so die Idee, nachhaltig bewirtschaften: mit
Landwirtschaft oder Tourismus, Kunst oder Kultur.
Bei der Fahrt durch Dilijan sieht man den Tourismus schon jetzt: Moderne
Holzhütten mit großen Fenstern, versteckt im Wald. In der Nähe des
Rothirsch-Geheges gibt es 24 Wanderwege. Im Nationalpark werden immer mehr
Hotels gebaut: Online-Websites bewerben Dilijan als die „armenische
Schweiz“.
25 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Anna Flörchinger
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