# taz.de -- Nach dem US-Midterms: Trumpismus lässt sich nur mit „affordability“ bekämpfen
> Den Demokraten stehen heftige Auseinandersetzungen mit der Regierung
> Trump bevor. Sie müssen gleichzeitig die Lebensrealität der
> US-Bürger*innen verbessern.
(IMG) Bild: Strecken, um sich das Leben zu leisten – ein Kampf gegen Trump
Donald Trump liebt Superlative. Niemand wisse mehr über (beliebiges Thema
einsetzen) als er, alles in den USA sei unter seiner Präsidentschaft besser
als je zuvor in der Geschichte der Menschheit, praktisch jede seiner
Errungenschaften sei historisch und beispiellos, erklärt er in jeder Rede,
jedem kurzen Pressestatement, nahezu jedem Post auf seiner eigenen
Social-Media-Plattform.
[1][In den inzwischen fast sechs Jahren seiner beiden Amtszeiten hat Trump
tatsächlich Superlative hervorgebracht]: Kein Präsident vor ihm hat die
US-Verfassung so mit Füßen getreten, keiner so viele Lügen verbreitet, und
kein Präsident vor ihm hat sich so schamlos und sichtbar bereichert wie er,
um nur einige wenige zu nennen.
Jetzt ist ein weiterer Eintrag in die Geschichtsbücher hinzugekommen: Seit
52 Jahren, als Gerald Ford 1974 für den nach dem Watergate-Skandal
zurückgetretenen Richard Nixon vom Vize ins Weiße Haus aufgerückt war, hat
[2][kein Präsident seiner Partei eine dermaßen herbe Wahlniederlage
beschert wie Donald Trump am vergangenen 3. November.]
Die Bilder und Videos aus der Wahlnacht von Menschen, die jubelnd und
weinend sich in den Armen liegen, spiegeln die Erleichterung wider über
diese Abfuhr für den orangefarbenen Angeber. Scheint das Wahlergebnis doch
zu signalisieren, dass eine Mehrheit der US-Amerikaner*innen endlich
aufgewacht ist und einen Abgleich zwischen Trumps demagogischer
Lügenrhetorik und der Realität vorgenommen hat.
Es wäre wundervoll, darin auch eine neue Wertschätzung für die vom
Trumpismus attackierten demokratischen Institutionen, die Gewaltenteilung,
die Arbeit journalistischer Qualitätsmedien, die Rechtsstaatlichkeit auch
im Umgang mit Migrant*innen sehen zu können, ein starkes Zeichen der
Akzeptanz unterschiedlicher Lebensentwürfe, Geschlechterbilder und
Glaubensbekenntnisse und gegen den weißen Ethnonationalismus, der die Neue
Rechte nicht nur in den USA prägt. Und für viele, die sich in der Wahlnacht
in den Armen lagen, gilt das alles sicher.
Aber ohne Inflation und hohe Benzinpreise, das zeigen alle Umfragen, wären
Trump, sein Kabinett der brutal unqualifizierten Speichellecker und die
duckmäuserische Republikanische Partei nicht so abgestraft worden. [3][Die
lauter werdenden Zwischenrufe aus republikanischen Kreisen, die –
angefangen mit dem Vizepräsidenten J. D. Vance] – einzig dem Irankrieg und
dessen Folgen die Schuld an der Niederlage geben, liegen nicht falsch.
Im Umkehrschluss heißt das aber: Die autoritäre Staats- und
Gesellschaftsvision, die der Trumpismus in den vergangenen 11 Jahren seit
Trumps erster Kandidatur in die Köpfe getragen hat, ist noch da. [4][Wären
die Lebenshaltungskosten nicht so hoch, wäre der Rest für viele okay], von
der maskierten Geheimpolizei ICE bis zur Gängelung der Universitäten oder
der Instrumentalisierung der Justiz gegen politische Gegner*innen.
Ab Januar haben die Demokrat*innen die Mehrheit in beiden Kammern des
Kongresses. Heftige Kämpfe mit der übergriffigen Trump-Regierung stehen
bevor und mit einem Präsidenten, der vor einiger Zeit in einem Interview
sagte, nur seine eigene Moral würde seiner Macht Grenzen setzen.
In allen westlichen Demokratien, die in den letzten Jahren mit neu
aufkommendem Autoritarismus zu kämpfen haben, hat sich eins gezeigt:
[5][Die Warnung vor dem Faschismus verhindert seinen Aufstieg nicht.] Zeigt
sich die liberale Demokratie unfähig, die Lebensrealitäten der zwischen
ökologischer Krise und entfesseltem Tech-Kapitalismus eingezwängten
Bevölkerungen zu verbessern, nutzt alles Alarmieren gegen drohende
Diktaturen nichts. Daraus ergeben sich für die Demokraten im US-Kongress
konkrete Handlungsempfehlungen.
Sie müssen Gesetze entwerfen – und gegebenenfalls an Trumps Veto scheitern
lassen –, die direkt auf die Verbesserung der Lebensqualität der Menschen
zielen. Und sie müssen das diskursiv verknüpfen mit dem Kampf für
Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Wenn es nicht gelingt, die
rechtsextreme Märchenerzählung frontal anzugehen, nach der demokratische
Institutionen und Bürokratie an der wirtschaftlichen Misere schuld seien
und nicht die zur Staatsräson erhobene Gier des obersten 1 Prozent, ist der
nächste Trump nur eine Frage der Zeit.
6 Nov 2026
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