# taz.de -- „Call of Duty: Modern Warfare 4“: Selbstjustiz à la USA
> Ja, die Marke „Call of Duty“ steht seit jeher für brachiale
> US-amerikanische Propaganda. Trotzdem legt das neue Spiel einen
> qualitativen Sprung hin.
(IMG) Bild: Das Pendant zum typischen Popcorn-Blockbuster: „Modern Warfare 4“
Für ihr Finale der neu aufgelegten „Modern Warfare“-Marke setzt die
Videospielreihe „[1][Call of Duty]“ auf große Namen: Niemand anderes als
„Hannibal“-Darsteller und Ex-Bond-Bösewicht [2][Mads Mikkelsen] spielt den
Antagonisten, Nordkorea führt Krieg gegen seinen südlichen Nachbarn, die
(westlichen) Kultfiguren der Reihe – Captain Price und Ghost – bekämpfen
sich gegenseitig. Besonders der Vollbart tragende Captain wird mit seinem
persönlichen Rachefeldzug als Sympathieträger dargestellt. Somit passt
„Call of Duty: Modern Warfare 4“ in das eisige US-Klima der Selbstjustiz,
wo sich das Paramilitär besonders im Süden breitmacht. Doch das Potenzial
für moralische Fragen, ob der Zweck alle noch so mörderischen Mittel
heiligt, wird kaum ausgenutzt.
Die Marke „Call of Duty“ steht seit jeher für brachiale US-amerikanische
Propaganda. Die radikal-apologetische Einstellung gegenüber jedweder
militärischen US-Intervention – staatliche wie geheime – hat Gründe: Die
Spielereihe arbeitet eng mit der U.S. Army zusammen, wird in Teilen sogar
von ihr finanziert. Da ist es nicht verwunderlich, dass in früheren Spielen
US-amerikanische Kriegsverbrechen wie der 1991 verübte „Highway of Death“
kurzerhand Russland unterstellt werden. Ganz so revisionistisch mag der
neueste Ableger nicht sein, Zweifel am US-Militär oder an Bellizismus als
Lösung kommen trotzdem nicht auf.
Eine nordkoreanische Invasion hatte bereits „Call of Duty: Advanced
Warfare“ von 2014 zum Inhalt, wie auch das seit 2011 vergessene
„Homefront“. Diesmal gibt die Rahmenhandlung den Figuren der
selbsternannten „Demokratische Volksrepublik Korea“ durchaus mehr Tiefe.
Der Blick auf das Land, wie dessen Führung und Konflikt mit dem Süden
entstanden, bleibt allerdings oberflächlich.
Neben den koreanischen Schauplätzen verschlägt es Spielende nach Paris oder
auf den verschneiten Times Square. GrafikfetischistInnen werden sich über
Details freuen, andere sind enttäuscht über die spielerisch überschaubaren
Neuerungen: Der Nahkampf mag dynamischer und auf das Kontern von Angriffen
ausgelegt sein, ansonsten bleibt es beim allzu bekannten: schießen, ducken,
nachladen. Der Grad der Gewalt ist hoch, schockiert aber nicht in Zeiten,
in denen sich die Front des [3][russischen Angriffskriegs gegen die
Ukraine] per Livestream verfolgen lässt.
Das Momentum, das „Call of Duty“ einst in die Killerspiel-Debatten brachte,
scheint endgültig erschöpft zu sein, selbst wenn der deutsche Journalismus
diese zyklisch wiederzubeleben versucht. Angebrachter wäre eine Diskussion
darum, dass die Spielereihe allzu oft unfertige, fehlerhafte und dennoch
hochpreisige Ableger veröffentlicht.
Im Gegensatz zu den Vorgängern aus den letzten beiden Jahren ist „Call of
Duty: Modern Warfare 4“ zumindest ein fertiges Produkt und kein unter
massiven Zeitdruck produziertes Bruchstück, das rechtzeitig die
Quartalszahlen schönen soll. Stattdessen erzählt das Game die Kampagne in
rund acht Stunden deutlich länger und trotz vieler, teils abstruser
Handlungsstränge besser als die der letzten beiden Vertreter. Der
Mehrspielermodus hält, was er immer verspricht – teure Mikrotransaktionen,
konstant hohes Spieltempo, klaustrophobisch enge Areale –, und hat ein
gewisses Suchtpotenzial.
Trotzdem ist „Modern Warfare 4“ nur das Pendant zum typischen
Popcorn-Blockbuster. Angedeutete moralische Konflikte bleiben ein Schatten.
Wer weder selbst denken noch übermäßig mit dem Spiel interagieren möchte,
wird hier bestens unterhalten.
22 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Martin Seng
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