# taz.de -- Autonomer ÖPNV und Barrierefreiheit: „Toll überlegt, aber nie zu Ende gedacht“
> Inklusionsexperte Raúl Krauthausen über das vernachlässigte Thema der
> Barrierefreiheit beim „autonomen Nahverkehr“ – der auch in Berlin erprobt
> werden soll.
(IMG) Bild: Raúl Krauthausen bei einem Protest gegen eine unzureichende Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes am 22. 06. 2026
taz: Herr Krauthausen, das Thema Mobilität gehört zu den [1][Schwerpunkten
der Landesfachstelle für Barrierefreiheit], die Ende 2025 die Arbeit
aufgenommen hat. In welcher Form wurden Sie in das aktuelle
[2][Pilotprojekt für autonome Shuttle-Fahrzeuge] einbezogen, das die BVG in
Teilen von Spandau, Charlottenburg und Reinickendorf durchführt?
Raul Krauthausen: Als die Planungen starteten, gab es die Landesfachstelle
ja noch nicht. Trotzdem ist es uns natürlich ein Anliegen, als ExpertInnen
in solche Projekte einbezogen zu werden. Wir stehen bereit, wurden bislang
aber noch nicht gefragt.
taz: Es gab schon mal einen Testbetrieb von autonomen Fahrzeugen der BVG
auf öffentlichen Straßen, nämlich in Tegel in den Jahren 2021 und 2022. Was
war Ihr Eindruck damals?
Krauthausen: Ich habe mir das angesehen und mich schon im Vorfeld gefragt,
wie das mit der Beförderung einer Person im Rollstuhl ohne fremde Hilfe
funktionieren soll. Und da musste sich dann tatsächlich die „Fahrerin“ um
Ein- und Ausstieg kümmern, deren Job eigentlich war, aufzupassen, dass das
Fahrzeug unterwegs keine Fehler macht – und in Zukunft sollen ja eben keine
Begleitpersonen mehr mitfahren. Das Problem fing da schon mit den Knöpfen
an.
taz: Inwiefern?
Krauthausen: Diese kleinen gelben „Pods“ hatten zwei Knöpfe an der Tür:
einen zum Türöffnen und einen, um die Rampe auszufahren. Der für die Rampe
funktionierte aber nicht. Warum? Weil die Leute den immer aus Versehen
drückten, um die Tür zu öffnen, sagte man mir – deshalb habe man ihn
deaktivieren müssen. So läuft das leider immer: Es ist vielleicht vom
Design her toll überlegt, aber in Sachen Praktikabilität nie zu Ende
gedacht. Dazu kommt, dass in solche Pods entweder sechs Leute passen oder
ein Rollstuhl. Wenn schon zwei Leute drinsitzen, kommt der Rollstuhlfahrer
eben nicht mehr mit. Und auch wenn jetzt bei dem neuen Pilotprojekt Vans
zum Einsatz kommen, wird es auf viele Fragen keine Antwort geben.
taz: Nämlich?
Krauthausen: Seltsamerweise gibt es in normalen Bussen des ÖPNV keine
Verpflichtung, einen Rollstuhl festzuschnallen, aber in Autos schon, obwohl
die im Stadtverkehr auch nicht schneller fahren. Das wird sich nicht so
einfach lösen lassen. Wahrscheinlich müsste erst die Gesetzeslage angepasst
werden, um die Nutzung für eine Person mit Rollstuhl praktikabel zu machen.
Nur, wenn der Druck nicht da ist, wenn es da keine klaren Vorgaben gibt,
sehe ich das nicht. Dann wird es irgendwann Tausende solcher Fahrzeuge
geben und keines ist wirklich barrierefrei.
taz: Pilotprojekte für autonomes Fahren wie die der BVG werden ja [3][mit
Millionen vom Bund gefördert] – sollten da Basics wie Barrierefreiheit
nicht Voraussetzung sein?
Krauthausen: Das Thema Barrierefreiheit darf nicht immer erst am Ende
einbezogen werden, wenn das Budget ausgeschöpft ist. Dann entschuldigen
sich die Verantwortlichen immer dafür – aber das Geld ist halt alle.
Grundsätzlich habe ich übrigens keine Kritik am autonomen Fahren, wenn das
Versprechen ist, dass der Verkehr besser organisiert wird und insgesamt
weniger Autos unterwegs sind. Auch Menschen mit Behinderung haben ein
Interesse daran, die Umwelt zu schützen.
taz: Sind Mobilitätsanbieter anderswo weiter als die Verkehrsbetriebe in
Berlin?
Krauthausen: Das sehe ich nicht. Die autonomen Waymo-Taxis, die in San
Francisco und Los Angeles schon unterwegs sind, haben diese Fragen genauso
wenig beantwortet. Noch bevor es die Landesfachstelle gab, war ich für
Sozialhelden e. V. im Labor eines großen deutschen Autoherstellers, um
darüber zu sprechen, wie Barrierefreiheit beim autonomen Fahren umgesetzt
werden kann. Da war mein Gefühl: Das ist alles völlig overengineered. Es
gibt so viele verschiedene Rollstuhl- und Fahrzeugtypen, dass wir mit einer
einzelnen technischen Lösung nicht weit kommen werden.
taz: Wie ist es bei den nichtautonomen Beförderungsangeboten?
Krauthausen: [4][Der Muva in Berlin] war super – aber der wurde ja leider
wieder eingestellt. In den meisten Fällen ist Barrierefreiheit eben nicht
der Standard. Wie beim [5][öffentlichen Ridepooling-Service Moia in
Hamburg]: Wenn du denen sagst, dass du im Rollstuhl sitzt, müssen die erst
einmal ein spezielles Fahrzeug anfordern, das dafür ausgerüstet ist.
taz: Mal allgemeiner gefragt: Muss alles immer technisch gelöst werden, bis
jegliche menschliche Hilfe überflüssig wird? Technik versagt ja auch immer
mal wieder.
Krauthausen: Ich glaube nicht, dass der Trend zur Technisierung aufzuhalten
ist. Und als Mensch mit Behinderung, der die ganze Zeit Hilfe benötigt,
genieße ich es auch, wenn ich einmal keine brauche. Manchmal warte ich in
der U-Bahn auf den übernächsten Zug, wenn mir angezeigt wird, dass das
einer der neuen Baureihen ist, in die ich ohne Rampe komme. Ich habe
einfach nicht immer Bock, den Fahrer um diesen Gefallen zu bitten. Und wenn
es dann ohne geht, ist das ein krasses Gefühl von Freiheit.
taz: Würden sich nicht gerade viele alte Menschen wünschen, dass sie im
Zweifel von einer Person unterstützt werden? Also Menschen, die vielleicht
nicht lernen konnten, mit einer Beeinträchtigung ohne fremde Hilfe
unterwegs zu sein, solange die technischen Voraussetzungen vorhanden sind?
Krauthausen: Ich war vor einigen Jahren ein paar Tage in Tokyo, seitdem ich
bin nicht mehr überzeugt von der Erzählung, dass alte Menschen den Umgang
mit Technik nicht lernen können. In Japan ist es völlig normal, dass
90-Jährige mit dem Smartphone genau wie alle anderen umgehen. Wir geben
hier alten Menschen „Dumbphones“ mit großen Tasten, und sie internalisieren
dann diese Zuschreibung von Hilflosigkeit. Das ist eine kulturelle Frage.
Natürlich wird es auch Personen geben, die menschliche Unterstützung
benötigen – aber die könnte man ja dazubuchen, so wie beim Sonderfahrdienst
WirMobil im Auftrag der Senatsverwaltung für Soziales. Da kommen dann eben
zwei Leute und tragen dich über die Treppe.
taz: Was wünschen Sie sich von der nächsten Landesregierung in Sachen
barrierefreie Mobilität?
Krauthausen: Ich fände es sehr sinnvoll, alles, was mit Mobilität zu tun
hat, endlich unter einem Dach zusammenzuführen. Derzeit ist das Thema auf
drei Senatsverwaltungen verteilt: der ÖPNV bei der Verkehrsverwaltung, die
Taxis bei der Wirtschaftsverwaltung und das WirMobil bei der
Sozialverwaltung. Das wäre ein gutes Thema für Koalitionsverhandlungen. Was
die Taxis angeht, habe ich Hoffnung, dass der neue Senat das Taxigewerbe
stärker verpflichtet, barrierefreie Fahrzeuge vorzuhalten.
taz: Gibt es die nicht schon?
Krauthausen: Angeblich gibt es über 100 barrierefreie Taxis in Berlin, aber
Sie können ja mal das Experiment wagen, bei einer Hotline nach einem Taxi
mit Rampe zu fragen. Die lachen einen teilweise aus. Es gibt etliche
Telefonnummern, die man anrufen kann, aber in den meisten Fällen wissen die
Zentralen nicht einmal, wer gerade welches Auto fährt. Überhaupt hat das
Taxigewerbe scheinbar gut lobbyiert: Ab zehn Fahrzeugen muss eines
barrierefrei sein, das ist die Vorgabe. Aber wie viele Taxiunternehmen
betreiben schon mehr als zehn Fahrzeuge? Die haben sich da rausreguliert.
27 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Barrierefreiheit-in-Berlin/!6191842
(DIR) [2] https://www.bvg.de/de/unternehmen/medienportal/pressemitteilungen/2025-10-17-autonomes-fahren
(DIR) [3] https://www.bmv.de/SharedDocs/DE/Pressemitteilungen/2026/080-bilger-14-millionen-euro-fuer-autonomes-fahren.html
(DIR) [4] /BVG-fuehrt-neues-Rufbussystem-ein/!6155329
(DIR) [5] /Fahrdienste-in-Stadt-und-Land/!5985404
## AUTOREN
(DIR) Claudius Prößer
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(DIR) Barrierefreiheit
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