# taz.de -- BVG führt neues Rufbussystem ein: „Muva“ muss ab März weichen
> Mit der barrierefreien Alternative zum öffentlichen Nahverkehr ist bald
> Schluss. An seine Stelle tritt ein deutlich reduziertes Konzept.
(IMG) Bild: Trotz des Erfolgs hatte sich das Ende schon im letzten Jahr abgezeichnet. Ab März ist ganz Schluss mit Muva
Adina Hermann sitzt im Rollstuhl und nutzt, wie viele Berliner:innen,
regelmäßig den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Häufig stößt sie
dabei auf Probleme. Der Fahrstuhl in der Nähe ihres Wohnorts ist seit
geraumer Zeit kaputt. Normalerweise bucht sie in diesem Fall einen Rufbus
über den [1][Beförderungsdienst Muva der BVG], der das Hindernis umfährt
und sie an ihr Ziel bringt. Doch in Zukunft gestaltet sich ihr Weg noch
schwieriger. Obwohl Muva für viele Menschen unverzichtbar geworden ist,
wird der Service zum 1. März eingestellt.
Muva war 2022 dem [2][Rufbus „Berlkönig“] nachgefolgt und ursprünglich als
Substitut für defekte Aufzüge gedacht, sodass Menschen mit
Mobilitätseinschränkungen trotz Barrieren am ÖPNV teilnehmen können. Erst
im März 2025 wurde der [3][Service auf den gesamten Tarifbereich AB
erweitert].
Außerdem wurden im letzten Jahr auch Fahrten abseits von Haltestellen
ermöglicht. Nutzer:innen waren daher nicht länger auf Verbindungen von
Station zu Station beschränkt, sondern konnten in einem Umkreis von fünf
Kilometern zur nächsten Haltestelle flexibel Routen vorbestellen.
Wie viele Menschen mit Behinderung konnte auch Adina Hermann per App
Fahrten über gesamte Strecken im Voraus buchen und dadurch sicher planen.
„Muva bedeutet für mich Mobilität und Freiheit“, sagte sie der taz.
## Statt Entlastung gibt es Einbußen
Der [4][Barrierefreie Alternativ-Verkehr (BAV)] vom Verkehrsverbund
Berlin-Brandenburg (VBB) ist seit Jahresbeginn im Einsatz und soll Muva
ablösen. Entgegen den Erweiterungen im letzten Jahr solle sich der neue
Service wieder auf den bloßen „Aufzugersatz“ beschränken und sei damit
deutlich limitierter, erklärte Catrin Wahlen, Sprecherin für Inklusion und
Senior*innen in der bündnisgrünen Fraktion im Abgeordnetenhaus von
Berlin, der taz.
Auch Adina Hermann findet, dass der neue Dienst des VBB den Alltag unnötig
kompliziert mache. „Er wird verkauft wie eine gute Lösung, aber das ist er
nicht“, betonte sie.
Die Buchung des neuen Service ist außerdem nur per Anruf möglich. Im
Gegensatz dazu war Muva zusätzlich über eine App geregelt. „Man muss also
erst einmal in der Lage sein zu telefonieren“, erklärte Wahlen. Das
schließe bestimmte Gruppen aus, etwa „Menschen mit Sehbeeinträchtigungen,
Hörbeeinträchtigungen, Menschen mit Lernschwierigkeiten.“ Die Gründe seien
vielfältig. „Es gibt Menschen, die einfach nicht telefonieren können“,
sagte Wahlen.
Während Muva nach Angaben des Softwaredienstleisters Via teilweise rund
1.000-mal pro Tag im Einsatz ist, gab es laut VBB seit Anfang Januar knapp
1.300 Anfragen insgesamt. Denn wenn ein Anruf abgesetzt wird, sollen
Betroffene die nächste Haltestelle aufsuchen, um den VBB-BAV nutzen zu
können. Sie erhalten zunächst eine Beratung über Umleitungen im ÖPNV. Erst
wenn gar nichts geht, wird ein Taxi bestellt.
## Muva war wohl zu teuer
Trotz des Erfolgs hatte sich das Ende von Muva schon im letzten Jahr
abgezeichnet. Der Berliner Senat hatte ein [5][entsprechendes Vorhaben,
Muva bis Ende des Jahres zu beenden], anklingen lassen. Zwar wurde das
Projekt um zwei Monate verlängert und nach Angaben des Muvadienstleisters
Via weiterverhandelt, dennoch ist es offiziell ab März vorbei. Pläne, den
Service in dieser Form wieder anzubieten, gibt es laut Catrin Wahlen nicht.
Dabei ist der Berliner ÖPNV an vielen Stellen immer noch nicht
barrierefrei. Nach Angaben des BVG sind von insgesamt 175 Bahnhöfen rund 15
Prozent nicht per Rampe oder Aufzug erreichbar. Um die 26 Prozent der
Haltestellen sind auch nicht darauf ausgelegt, dass ein Einstieg ohne
Hilfsmittel wie Klapprampen möglich ist.
Dabei müssten Angebote wie Muva oder der VBB-BAV laut [6][Berliner
Mobilitätsgesetz] verfügbar sein, wenn Zugänglichkeit nicht für alle
garantiert werden kann. Catrin Wahlen sieht diese Pflicht im neuen Angebot
des VBB nicht erfüllt, da die Fähigkeit zum Telefonieren vorausgesetzt
wird. Dabei wies die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz
und Umwelt darauf hin, dass sich der neue Service des VBB ausdrücklich auf
Störungen der Barrierefreiheit fokussiere.
„Grundsätzlich ist etwas nur barrierefrei, wenn es dem Menschen ermöglicht,
die Sache oder Dienstleistung ohne fremde Hilfe zu nutzen“, sagt Wahlen.
Der neue Rufbusdienst VBB-BAV erfülle aus ihrer Sicht nicht die
gesetzlichen Anforderungen. „Menschen mit verschiedenen Beeinträchtigungen
haben unterschiedliche Hürden bei der Nutzung von ÖPNV und Inklusionstaxis
sowie unterschiedliche Hürden beim Anfordern von barrierefreien
Alternativen“, fasst sie zusammen.
Die Senatsverwaltung führte auf Anfrage der taz die hohen Kosten als Grund
für die Beendigung von Muva auf. Die Option, bei Muva Direktfahrten zu
buchen, hätte die Nachfrage zudem so stark erhöht, dass keine Kapazitäten
für die „eigentliche Zielgruppe“ geblieben seien. Direktfahrten seien nicht
Teil des gesetzlichen Auftrags und ein Anspruch auf diese müsste über
besondere Fahrdienste geregelt werden, so die Senatsverwaltung.
Doch für viele Menschen mit Mobilitätseinschränkung ist der VBB-BAV keine
hinreichende Lösung. Die Chancen ständen oft schlecht, auf Anhieb an ein
Taxi zu kommen, wenn es benötigt wird, meint Adina Hermann. „Es ist ein
Glücksspiel, ob ein barrierefreies Taxi verfügbar ist“, sagte sie. Der
VBB-BAV nutzt den Taxibestand der Stadt, [7][darunter fast 160
Inklusionstaxen.] Doch tatsächlich sind diese für Nutzer:innen oft nicht
abrufbereit.
Laut Catrin Wahlen stehen sie meistens am BER, denn auch Gäste mit großem
Gepäck nutzen die geräumigen Inklusionstaxen gerne. In der Stadt befänden
sich davon nur wenige. Nach Erfahrungen von Adina Hermann gibt es in der
Innenstadt zumindest mehr Taxen als in den Randbezirken der Stadt. „Aber
das nützt mir ja nichts, wenn ich von zu Hause nicht wegkomme“, sagte sie.
Die Senatsverwaltung versicherte dagegen, in Zukunft erhielten die Taxen
über den BAV einen Pauschalbetrag, der Fahrten innerhalb der Stadt
attraktiver mache.
Für Hermann habe der neue Service auch eine abschreckende Wirkung. Bei Muva
seien die Fahrer:innen gut ausgebildet, wüssten mit Menschen im
Rollstuhl umzugehen. Mit regulären Inklusionstaxen hat Hermann bereits
Enttäuschungen erlebt. „Man wird im Zweifel überlegen, ob man daheim
bleibt“, sagte sie. Einmal ließ ein Fahrer sie auf der Straße stehen, weil
er für den Transport mit Rollstuhl nicht ausgebildet war. „Ich habe Angst
vor solchen Begegnungen“, klagte sie. Die Senatsverwaltung gibt dagegen an,
dass Fahrer:innen des VBB-BAV entsprechend sensibilisiert seien.
## Neuer Service weniger inklusiv
Auch Daniela Krebs, die in einem Beschäftigungs- und Förderbereich für
Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen arbeitet, hat
Schwierigkeiten mit dem VBB-BAV erlebt. Ihre Einrichtung hatte Muva bereits
in den Alltag integriert, um die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu
unterstützen. „Es gibt Klient:innen, die nicht verbal kommunizieren
können“, sagte Krebs. Die telefonische Absprache diskriminiere Menschen,
die keinen Anruf tätigen können. „Vorher konnten Menschen über die App
autonom mobil sein. Jetzt benötigen sie Assistenz.“
Zudem gebe es über den BAV-Service wenig geeignete Taxen, die auch
E-Rollstühle aufnehmen könnten, meinte Krebs. „Betroffene Klient:innen
wollen auch nicht immer ins Taxi umgesetzt werden.“ Das sei verständlich,
denn niemand wird gerne von einer fremden Person angefasst und umplatziert,
während sich der eigene, oft sehr teure Rollstuhl ungesichert im Kofferraum
befindet. Bisher hatte Muva Kleinbusse bereitgestellt, die auch Menschen in
ihren Rollstühlen ohne Platzproblem aufnehmen können.
Tatsächlich bedeutet das neue Konzept einen Rückschritt für viele
Betroffene. Der neue Service ist umständlicher, kostet Nutzer:innen mehr
Zeit und schließt Menschen aus, die kein Telefon bedienen können. „Gerade
für Berlin ist das beschämend, dass es so ein tolles Angebot gab und das
wieder eingestellt wird“, bekräftigt Adina Hermann. Man nimmt in Kauf, dass
die soziale Teilhabe massiv eingeschränkt wird. Das ist absurd.“
22 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.bvg.de/de/verbindungen/bvg-muva
(DIR) [2] /Aus-fuer-BerlKoenig/!5869695
(DIR) [3] /!6062324/
(DIR) [4] https://unternehmen.vbb.de/presse/barrierefreier-alternativ-verkehr-ueber-vbb-bav-gewaehrleistet-nahtlose-anschlussloesung-fuer-mobilitaetseingeschraenkte-personen/
(DIR) [5] /Barrierefreiheit-im-Berliner-OePNV/!6103755
(DIR) [6] https://gesetze.berlin.de/bsbe/document/jlr-MobGBEV3P26
(DIR) [7] https://viz.berlin.de/aktuelle-meldungen/barrierefreier-alternativ-verkehr-uber-vbb-bav-gewahrleistet-nahtlose-anschlusslosung-fur-mobilitatseingeschrankte-personen/
## AUTOREN
(DIR) Martha Lippert
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