# taz.de -- Kinderlieder von Heinz Strunk: Vermehrung von Bazillen und Dukaten
       
       > Der Erfolg gibt ihm recht: Neben Bestsellern hat der Hamburger
       > Vollhumorist Heinz Strunk mit „Lernlieder“ nun auch Musik für Kinder im
       > Angebot.
       
 (IMG) Bild: Die letzten drei Buchstaben des Nachnamens lauten unk: Heinz Strunk
       
       Preisgekrönter Autor, Schauspieler, Humorist … der Künstler Heinz Strunk
       offenbart sein künstlerisches Schaffen vielseitig und zunehmend
       erfolgreich. Bisher richtete er sich an Erwachsene, die in seiner oft
       schonungslosen Darstellung des Abgründigen Humor erkennen können. Kürzlich
       hat der 64-jährige Hamburger ein Album mit Songs für Kinder veröffentlicht.
       Ob es sich bei Strunks „Lernlieder“ um ein Werk mit pädagogischem Anspruch
       handelt? Und was können Kinder Nützliches daraus mitnehmen?
       
       Los geht’s fast harmlos mit der Vermehrung von „Bazillen“ zu fröhlichen
       Synthesizerklängen, gefolgt vom Song „Zebrastreifen“, auf dem am Ende die
       Oma überfahren wird, von einer Kinderstimme zur lieblichen Klaviermelodei
       gesungen. Im Verlauf der 22 Stücke werden keine Tabus ausgelassen: Furzen,
       Kotze, Kacke, Mettwurst, Stalin, Hitler, [1][Palästinenser] und [2][Tod].
       
       Jeder Song wird eingeleitet von einem kleinen Dialog, bei dem ein Kind den
       „Heinzer“ etwas fragt. Dessen Stimme hat immer eine Antwort in Form eines
       Liedtextes parat und das vorlesende Kind lobt „brrraaww“. In der Realität
       klappt es freilich selten, dass [3][ein Boomer wie Strunk], der sich an
       seine eigene leidvolle Kindheit erinnert, Feinbilder des Schülerlebens von
       1978 in die Gegenwart vermitteln kann. Strunk selbst hat, heißt es, gar
       keine Kinder.
       
       ## Wer versteht die Gags überhaupt noch?
       
       Fraglich, inwieweit er Kenntnis davon besitzt, was in Schulen aktuell
       eigentlich läuft. Die von ihm besungenen Schwämme und Tafeln kommen nicht
       mehr vor, folglich werden Gags darüber inzwischen selbst von Junglehrern
       nicht mehr verstanden. Aber darum geht es gar nicht. Das Kind singt auch
       „Alte sind Boten des Todes …“ Zum Glück ist nichts über ein Trauma bekannt,
       das Kinder davontragen, wenn sie makabre Texte von Erwachsenen vortragen.
       
       [4][Strunk findet linke Kinderlieder humorlos]. Kennt er überhaupt die
       Evergreens vom Gripstheater? Außerdem ist im Netzzeitalter die Lage eine
       komplett andere. Zu fragen, ob das witzig ist, speziell für Kinder,
       disqualifiziert alle Zweifler als moralische Nervsäcke mit Stock im Arsch.
       Andererseits lachen Kinder heute besonders ausdauernd über
       Internetphänomene, monatelang sorgte „SixSeven“ für allgemeine Heiterkeit
       und garantiertes Stirnrunzeln von Erwachsenen.
       
       Was also will Strunk mit seinen altbackenen „Lernliedern“? Ist es ein
       provokatives Experiment? Bewältigt der Entertainer damit ein
       Kindheitstrauma? Verzweifelter Protest gegen die süßliche Kommerzkacke
       hinter den meisten anderen Kinderprodukten? Vielleicht kann sich
       „Lernlieder“ nur erlauben, wer – wie Strunk – bereits die Regale voller
       Pokale stehen hat und sich endlich einen Kindheitswunsch erfüllt.
       
       Auf die Zielgruppe kommt es an. Denn eigentlich ist der kleine
       Etikettenschwindel hier der Aufreger. In Wahrheit handelt es sich bei
       „Lernlieder“ um Upcycling teils älterer Ideen, also eine Raritätensammlung
       für echte Fans. Oder, wie Heinz Strunk es in einem Radiointerview sagte, um
       „Humor für Fortgeschrittene“. Fürsorgliche Eltern kaufen sich das Album
       eher selbst, als ihren Zöglingen.
       
       22 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Erfahrungen-palaestinensischer-Schueler/!6161128
 (DIR) [2] /Altern-und-Tod/!6220866
 (DIR) [3] /Neuer-Roman-von-Heinz-Strunk/!6209041
 (DIR) [4] /Schallplattenlabel-plaene/!5759802
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Imke Staats
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Heinz Strunk
 (DIR) Kinder
 (DIR) Musik
 (DIR) Neues Album
 (DIR) Reden wir darüber
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Neuer Roman von Heinz Strunk: Gefangen in der eigenen Echokammer 
       
       Schematische Figuren, sexualisierte Frauen. Unsere Autorin fragt sich: Was
       finden Buchpreisjurys nur an den immer gleichen Büchern von Heinz Strunk?
       
 (DIR) Neues Hörspiel-Album von Frau Kraushaar: Eine Phänomenologie des Riechkolbens
       
       Zum Start der Allergie-Saison veröffentlicht die Hamburger Künstlerin Frau
       Kraushaar ihr Album „Gurke Kartoffel Ahnung“ über die Nase und ihre Tücken.
       
 (DIR) Theaterstück „Ein Sommer in Niendorf“: Traumareiten auf dem Therapiepferd
       
       Die Hamburger Bühnenfassung von Heinz Strunks Roman wechselt zwischen
       Musical, Revue und Volkstheater. Die Substanz des Buches geht dabei
       verloren.