# taz.de -- Neuer Roman von Heinz Strunk: Gefangen in der eigenen Echokammer 
       
       > Schematische Figuren, sexualisierte Frauen. Unsere Autorin fragt sich:
       > Was finden Buchpreisjurys nur an den immer gleichen Büchern von Heinz
       > Strunk?
       
 (IMG) Bild: Der Autor Heinz Strunk
       
       Neues aus der Strunk-Schablone: Der Autor Heinz Strunk wärmt
       desillusionierte Befindlichkeiten alter weißer Männer Buch für Buch neu
       auf. An Originalität legt er dabei nicht zu. Für den Deutschen Buchpreis
       wird er dennoch verlässlich nominiert. Wie ist das möglich?
       
       „Was man sagt, ist man selber“, behauptet ein im Kindergarten erlerntes
       Sprichwort. Strunk, der Kinderbüchern vor Kurzem eine Tendenz zur
       Unterforderung attestierte, hat demnach Anlass, sich an die eigene Nase zu
       fassen: Figuren, Motive und Handlungsorte seines neuen Romans „Memories of
       Heidelberg“ sind vom Autor allesamt bereits in vorherigen Romanen und
       Kurzgeschichten – „Jürgen“ (2017), „Es ist immer so schön mit dir“ (2021)
       und dem Erzählband „Der gelbe Elefant“ (2023) – durchexerziert worden.
       
       „Memories of Heidelberg“, zur Hochkonjunktur der politischen Nostalgie
       passend nach einem Peggy-March-Schlager von 1967 benannt, führt Strunks
       „breiige Apokalypse“ fort: Isolde und Bertram (der Autor übernimmt die
       Ausdeutung dieser Namensgebung und weiterer Einfälle im Roman mittels
       Klammersetzung selbst), nach 18 Ehejahren kommunikativ aufs Pragmatische
       reduziert, führen den finalen Akt ihrer untergehenden Körperschaft auf dem
       Gastroschiff eines seelenlosen Heidelberger Boutique-Hotels auf.
       
       ## Grundlose Demütigung beim Essen
       
       Dort wird ihnen allabendlich überteuertes, klägliches Essen erst nach
       geraumer Wartezeit serviert, und die Eheleute werden von den italienischen
       Besitzern grundlos gedemütigt: „Was wir uns alles gefallen lassen müssen“,
       klagt Bertram in formvollendeter Manier des sich beharrlich selbst
       bemitleidenden Mittelschicht-Mannes.
       
       Der Schock ist ähnlich schwer zu verdauen wie in Strunks mustergleicher
       Kurzgeschichte „Kroketten“ aus „Der gelbe Elefant“: Da kippte beim Pärchen
       die Stimmung, weil beim Stammgriechen doch tatsächlich die Kroketten aus
       waren. Strunks dramaturgischer Kniff ist die Wiederholung: Essen statt Sex
       – Bertram bunkert „seine Lieblingsnaschis“ namens „Mandelintermezzo“ –
       zeichnete bereits den namenlosen Protagonisten im Roman „Es ist immer so
       schön mit dir“ aus: Der abgehalfterte Musiker, Mitte vierzig, haderte dort
       genau wie Bertram mit seinem körperlichen Niedergang und kompensierte seine
       Verunsicherung durch Kochen, Essen und Sex mit einer anorektischen
       Jungschauspielerin. Zwischendurch machte auch er Urlaub in einem
       heruntergekommenen Grandhotel.
       
       Mit dem Roman hat Strunk es 2021 erstmals auf die Longlist des „Deutschen
       Buchpreises“ geschafft. Nun ist er mit einem Faksimile dieser
       Körperbesessenheit erneut nominiert. Wie erklärt sich dieses
       „Strunk-Prinzip“, das Leser:innen, Kritiker:innen und selbst eine
       Buchpreisjury gleichermaßen dazu bringt, im Grunde das gleiche Buch wieder
       und wieder lesen zu wollen?
       
       ## Immerzu was Körperliches
       
       Vertraute Handlung mit schematischen Figuren sorgen bei Strunk für ein
       Gefühl der versichernden Geborgenheit. Der Autor schreibt voraussagbar.
       Existentielle Verunsicherung sowie gefürchteter oder erlittener
       gesellschaftlicher Ausschluss führen bei ihm immer und ausschließlich über
       den individuellen Körper: „Peter wiegt bei etwa 1,70 Meter bestimmt 100
       Kilo […] Ich stelle mir vor, wie er in einer Diskothek pinguinhaft auf
       seine Angebetete zuwatschelt, und wenn er endlich angekommen ist, ist die
       längst schon über alle Berge“, hieß es in „Jürgen“ bereits 2017.
       
       „Unattraktive Willis“ waren schon damals Objekt der Belustigung. „Natürlich
       ist es was Körperliches, was denn sonst?!“, verlautet nun auch Bertram.
       
       Diskursiv verhandelte System- oder Gesellschaftskritik sucht man bei Strunk
       vergebens. „Junge rettet Freund aus Teich“ war der einzige Vorstoß dieser
       Dimension und, womöglich deshalb, Strunks gelungenster Roman. Danach
       folgte, geschuldet vermutlich auch dem kommerziellen Erfolgsdruck, mit dem
       die Marke Strunk seit „Fleisch ist mein Gemüse“ assoziiert wird, viel
       massenkompatible Unterforderung. Mittels der literarisch fragwürdigen
       Methode tell, don’t show steuert Strunk die Affekte und Rezeption seiner
       Leser:innen über den gesamten Romanverlauf: „Wieso benutzt er das
       pseudointellektuelle Modewort Narrativ?“ Und simplifiziert sein eigenes
       Schreiben wie ein didaktischer Kinderbuchautor.
       
       150 von 170 Seiten ohne Plot rechtfertigt Strunk – gefangen in seiner
       eigenen Echokammer – mit der Filmreferenz „Das große Fressen“. Darin
       bezögen vier Männer eine Villa, um sich totzufressen und nie würde erklärt,
       warum sie das täten: „Hier ist es ähnlich. Es gibt überhaupt keinen Grund,
       für gar nichts.“ Kritiker:innen nennen das „kafkaesk“.
       
       Schablonenhafte Archetypen dienen Strunk als Staffage für Bertrams
       unablässig selbstzentrierte Figurenrede: „Sosehr sich Bertram auch müht,
       die Flut der Gedanken einzudämmen, seine überhitzte Fantasie lässt sich
       nicht zügeln. Was wurde auf der Welt schon alles gevögelt, und wie viel
       vögeln allein die 155.000 Einwohner Heidelbergs an einem einzigen
       Wochenende, ohne dass er, Bertram, eine tragende Rolle dabei spielen
       würde.“
       
       ## Stereotype Frauenfiguren
       
       Die weiblichen Nebenfiguren sind – wie sämtliche Frauenfiguren aus Strunks
       Feder (man erinnere sich der einst „umwerfend schöne[n]“, dann bloß noch
       „oblatendünne[n]“ Vanessa oder Inge, der „breiige[n] Apokalypse aus Wabbel,
       Sehnen, Adern, Fett, Grieben und wohl auch ein paar Knochen“ in „Der
       goldene Handschuh“ über den [1][Frauenmörder Fritz Honka)] – bloße
       Projektionsflächen für Bertrams Fantasien: „Antonella, du Mädchen aller
       Mädchen, du ultimatives, in Babyöl mariniertes GIRL“, kommentiert Bertram
       die junge Kellnerin auf dem Gastroschiff: „Sie erhebt sich g a n z l a n g
       s a m vom Hocker und präsentiert ihr Hinterteil. Das Maul voll Obst, der
       harte, pralle Hintern in Jeans gegossen. ALLEIN DER ARSCH. Denken alle,
       wirklich alle.“
       
       Auch Isolde wird von ihrem Ehemann durch den male gaze unentwegt
       sexualisiert – selbstverständlich mit Augenzwinkern und Selbstironie, der
       einzige Weg, wie Frauenverachtung in Zeiten von #Metoo und Political
       Correctness salon- beziehungsweise romanfähig wird: „Die schlimmste Folter:
       neben jemandem zu liegen, den man begehrt, aber man darf nicht mehr ran.“
       
       Isolde hat nämlich – wie es sich für eine von einem männlichen Autor
       erdachte Frauenfigur jenseits der 27 gehört – ihren vollständigen sexuellen
       Rückzug erklärt. Und Bertram, der Ärmste, leidet: „Wenn er demnächst so
       dick ist, dass er sein Ding nicht mehr sehen kann, wird er vergessen haben,
       dass er eins hat.“
       
       Wäre Strunk eine Autorin, würde an dieser Stelle der Vorwurf „Nabelschau“
       laut. Gehört man als Autor hingegen zum maßgeblichen Geschlecht (dem jener
       Kritiker, die Autoren wie Heinz Strunk gerne rühmen) wird Nabelschau mit
       einem Mal universell: etwas, das „jeder versteht“, ein „Juwel der
       deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“.
       
       Derart gegenderte Doppelstandards sind – sofern man sie einmal erkannt hat
       – relativ leicht zu durchschauen, doch sie haben Tradition und wirken fort:
       [2][Denis Schecks] jüngster Shitstorm rund um das „Geschnatter aus der
       Damentoilette“ und die darauf antwortende Anthologie „Die Damentoilette“
       zeugen davon.
       
       Die [3][Autorin Anke Stelling] hat in ihrem Essay „Die Stimme verstellen“
       bereits 2020 folgende Fragen gestellt: „Wer wessen Migration diskutiert,
       welche Literatur überhaupt eine Rolle und wer statt einer Rolle die Krise
       kriegt, ist das, was mich interessiert.“
       
       Stellings Fragen bleiben relevant, solange ein derart trivialer Text eines
       marktschreierischen Autors zum dritten Mal in Folge als eines der besten 20
       Bücher des einflussreichsten deutschsprachigen Buchpreises gehandelt wird.
       
       6 Sep 2026
       
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