# taz.de -- Rückkehr des ältesten Baustoffs der Welt: Zurück zur Erde
> Der Betonboom in Senegals Hauptstadt Dakar heizt den Klimawandel an.
> Junge Architekt*innen wollen den Lehm zurück in den Mainstream holen.
(IMG) Bild: Ein Mitarbeiter siebt Laterit, um Lehmziegel herzustellen, die auch im Goethe-Institut in Dakar verwendet wurden
Ein heftiges Donnergrollen kündigt den Regen an. Hastig räumt Mamadou Diop
seinen Stuhl unters Dach und schließt die Fenster seines Wächterhäuschens.
Es ist gerade noch rechtzeitig, bevor der Himmel kübelweise Wasser
ausschüttet. Wie ein Schleusentor, das sich geöffnet hat, ergießen sich
innerhalb von Sekunden ungeahnte Wassermassen über Senegals Hauptstadt
Dakar. „Das ist ungewöhnlich“, sagt Diop und schüttelt den Kopf. Während
Dakar in den letzten zwei Regenzeiten maximal ein paar Tröpfchen gesehen
hat, staut sich dieses Jahr regelmäßig das Wasser in den Abwasserkanälen.
Diop ist Wächter in einem der vielen Hochhäuser von Almadies. Das
Stadtviertel im Nordwesten Dakars gehört zu den Ausgehvierteln. Entlang der
Strandpromenade drängen sich Bars und Restaurants. Ein paar Straßen weiter
drängen sich Baustellen. Ein neu gebautes Haus neben Mamadou Diops
Arbeitsstätte ragt 17 Stockwerke in den Himmel. Acht neue Häuser werden
allein in seiner Straße gebaut werden, sagt der Wächter. Dakar ist im
absoluten Bauboom: Ganze Viertel sind Dauerbaustellen, in denen eine
Betonburg nach der anderen entsteht.
[1][Beton] gehört zu den weltweit am häufigsten verwendeten Baustoffen,
sagt Architektin Nzinga Mboup. „Es braucht nicht viel: Wasser, Sand, Kies
und Zement. Der Zement bindet alles zusammen und voilà, man kann loslegen.
Auf jedem Sack steht sogar, wie man ihn anmischen muss. Quasi ein
Kuchenrezept zum Nachbacken.“
Eingeführt während der französischen Kolonialzeit löste Zement schnell die
traditionelle Bauweise mit Erde ab. Langlebig, überall erhältlich und vor
allem billig, ist Zement in Westafrika zu einem Verkaufsschlager geworden.
Allein um Dakar befinden sich heute drei große Zementfabriken, die dem
ständigen Bauhunger der Stadt Nachschub lieferten, erzählt Mboup.
## Beton ist ein Klimakiller
Die Herstellung von Zement [2][verursacht enorme Mengen an Treibhausgasen].
Rund 8 Prozent der weltweiten menschengemachten CO₂-Emissionen entfallen
auf die Produktion des Baustoffes. Zement ist ein regelrechter Klimakiller.
Bereits jetzt machen extreme Hitze und unregelmäßige Niederschläge Senegals
Bevölkerung zu schaffen. Doch in einer Region, in der Millionen Menschen
von Landwirtschaft und Viehzucht abhängig sind, hat jeder Ernteausfall das
Potenzial, existenzbedrohend zu werden. Dass die Sahelzone, die sich über
5.000 Kilometer von der Atlantikküste Senegals bis zum Roten Meer
erstreckt, zu den am stärksten vom Klimawandel betroffenen Regionen der
Welt gezählt wird, liegt auch daran, dass der Region vielerorts die Mittel
fehlen, sich gegen seine Folgen zu wappnen.
Nicht nur Zement ist ein Klimakiller, etwa ein Drittel der weltweiten
CO₂-Emissionen stammen aus dem Bausektor, und der Bauboom in Afrika könnte
diese Gesamtmenge noch erheblich erhöhen. Für Nzinga Mboup liegt die
Antwort in radikaler Einfachheit. Die Mitgründerin des senegalesischen
Architekturbüros Worofila gehört einer Generation von afrikanischen
Architekten an, die den wohl ältesten Baustoff der Welt wieder modern
machen wollen: Erde.
Gemeinsam mit Geschäftspartner Nicolas Rondet hat sie sich auf
bioklimatische und ökologische Architektur spezialisiert. Ihr Büro gehört
mittlerweile zu einem der meistbeachteten für Lehmbau auf dem Kontinent.
„Wer schon mal in einem Lehmhaus war, den braucht man nicht von den
bioklimatischen Vorteilen zu überzeugen. Der Unterschied ist spürbar.“ Denn
während Betonhäuser sich in der Sonne wie ein Backofen aufheizen, bleiben
Lehmbauten auch bei großer Hitze angenehm kühl und frisch.
[3][Auch das Goethe-Institut von Dakar profitiert von dieser Technik]. Das
deutsche Sprach- und Kulturzentrum feierte im April seine Einweihung.
Hunderte Besucher strömten durch das von Stararchitekt Francis Kéré
entworfene Gebäude, dessen mattrote Lehmziegeln sich perfekt für Senegals
Klima eignen.
Denn während in den vergleichsweise kühlen Monaten Januar und Februar noch
ein frischer, salzhaltige Wind vom Atlantik weht, kommt später im Jahr mit
dem September und Oktober eine Zeit drückender, feuchter Hitze. Ohne
Unterlass brummen dann Dakars Klimaanlagen, um gegen die stehende Luft
Abhilfe zu schaffen. Die Feuchtigkeit, gepaart mit fehlender
Luftzirkulation, führt in den Betonbauten wiederum oft zu
gesundheitsschädlichem Schimmel.
## Das Material liegt vor der Haustür
Lehm dagegen speichert Wärme und gibt sie zeitverzögert wieder ab. So
heizen sich Gebäude tagsüber langsamer auf und bleiben auch bei hohen
Temperaturen kühl. Gleichzeitig reguliert das Material das Raumklima, indem
es Feuchtigkeit aus der Luft aufnimmt und bei Trockenheit wieder abgibt.
„Dadurch reduziert sich auch der Bedarf an energieintensiven Klimaanlagen
deutlich“, erklärt Nzinga Mboup. Das dafür verwendete Laterit – rotbraune,
eisen- und aluminiumreiche Erde – gibt es noch dazu direkt vor der Haustür.
Nur wenige Kilometer vor der Hauptstadt, im touristischen Küstenstädtchen
Saly, hat sich die senegalesische Firma Elementerre auf die Produktion von
Lehmziegeln spezialisiert. 15 Jahre ist es her, dass Gründer Doudou Deme
mit einer Vision startete, für die er anfangs für verrückt erklärt wurde:
Häuser aus Erde zu bauen.
Schwungvoll kippen mehrere Arbeiter Eimer um Eimer feingesiebtes Laterit in
einen Trichter. Ihre Gesichter sind zum Schutz mit Tüchern vermummt, denn
der feine rotbraune Staub kriecht erbarmungslos in jede Pore. Wie ein Tanz,
perfekt aufeinander abgestimmt, werfen sich die Arbeiter die Behälter in
einem endlosen Kreislauf zu. Ein kleines Baustellenradio spielt Musik und
liefert den Takt zur Produktion. Es ruckelt, zischt und stampft, bis die
hydraulische Presse schließlich einen makellos geformten, sattroten
gepressten Ziegel ausspuckt. Aus Ziegeln wie diesen ist auch das
Goethe-Institut entstanden. Bis zu 2.000 Ziegel pro Tag können die
insgesamt 35 Arbeiter herstellen. Rund drei Wochen dauert es dann noch, bis
der frische Ziegel durchgetrocknet ist und auf den Baustellen Senegals zum
Einsatz kommt.
„Lehm ist deutlich umweltfreundlicher als Beton“, sagt auch Doudou Deme.
„Das Material kann direkt vor Ort gewonnen und ohne aufwendige Prozesse
verarbeitet werden. Dadurch ist die CO₂-Bilanz deutlich besser. Und Laterit
kostet auch weniger als Zement“.
Die Vorteile, die Nzinga Mboup und Doudou Deme auflisten, sprechen
eigentlich für sich. Und doch ist Lehm out. „Beton steht für Fortschritt
und Wohlstand. Es gibt die verbreitete Ansicht, dass Erde der Baustoff der
Armen ist“, sagt Deme. Dabei sei Erde einer der ältesten Baustoffe der
Welt.
## Bauten aus Lehm finden sich überall
Ein beeindruckendes Zeugnis ist die Große Moschee von Djenné in Mali sowie
die historische Altstadt, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Sie gilt
als das größte aus Lehm errichtete Bauwerk der Welt und wurde Anfang des
20. Jahrhunderts nach traditionellen Techniken aus luftgetrockneten
Lehmziegeln, genannt Adobe, errichtet. Doch Djenné ist kein Einzelfall. Von
den Lehmstädten des Hadramaut in Jemen bis hin zu Stampflehmhäusern in
Frankreich und Spanien finden sich weltweit Bauwerke aus Erde. Sie alle
zeigen, dass sich ähnliche Bautechniken unabhängig voneinander entwickelt
haben, stets geprägt von den lokal verfügbaren Materialien, dem Klima und
dem über Generationen weitergegebenen Wissen.
Für Deme ist genau das ein wichtiger Punkt: „Wir haben das Rad nicht neu
erfunden. Was wir hier machen, ist wirklich nicht neu. Wir versuchen
lediglich, verloren gegangenes Wissen wiederzubeleben und an die heutigen
Bedürfnisse anzupassen“.
Zum Beispiel, indem der Lehm heute in Ziegel gepresst wird. Eine Technik,
die erst in den 1950er-Jahren entstanden sei, erzählt Doudou Deme, während
er mit runder Retro-Sonnenbrille auf dem Kopf und Zehenschuhen an den Füßen
über das Gelände führt. Der Vorteil sei, dass sich Ziegel einfacher
verbauen ließen.
„Hier in [4][Senegal] haben wir das Glück, Laterit mit verschiedenen
Körnungen und Korngrößen zur Verfügung zu haben, außerdem nutzen wir Kies
und Sand. Die Mischung gibt dem Ziegel seine Stabilität“, führt Deme aus.
„Das Ganze mischen wir mit Wasser und geben einen minimalen Anteil an
Zement. Aber nicht wegen der Festigkeit, sondern wirklich nur, damit die
Ziegel Regenwasser standhalten.“
Der geringe Wasser- und Energieverbrauch bei der Herstellung mache die
Ziegel besonders ökologisch, zudem entstehe insgesamt beim Bauen mit
Naturmaterialien weniger problematischer Schutt. „Da vorne steht mein
erster Versuch“, sagt er und zeigt in eine Ecke des Geländes. Vier Wände
wachsen dort in den Himmel, von Verfall keine Spur. „Das Dach habe ich nie
fertig gebaut. Aber an sich ist das auch gar nicht schlecht“, sagt Deme.
Trotz Regen, Wind und Staub sähen die Wände aus, wie frisch erbaut. „Das
ist der beste Beweis, den ich für die Haltbarkeit dieser Baumethode liefern
kann“, sagt er.
## Die Nachfrage nach Wohnraum ist da
Nun gehe es darum, die Lehmbauweise im Mainstream der Baubranche zu
verankern. Die Nachfrage nach Wohnraum ist jedenfalls da. Auf der dicht
besiedelten Halbinsel von Dakar ist der Platz begrenzt, zugleich zieht die
Stadt als stabiles wirtschaftliches und kulturelles Zentrum Westafrikas
immer mehr Menschen an. Etwa 1,3 Millionen Menschen leben hier, Tendenz
steigend. Der damit einhergehende Bauboom ist unübersehbar. Alte, teils
historische Häuser, weichen inzwischen regelmäßig mehrstöckigen
Wohngebäuden.
„Dakars Stadtbild verändert sich rasant“, sagt auch Carole Diop. Die
Architektin bietet in Dakar Walking-Tours an. Auf ihren architektonischen
Spaziergängen führt sie Interessierte durch diverse Viertel der Stadt,
macht vor historisch bedeutsamen Gebäuden halt – und stoppt auch mal dort,
wo früher eins war, heute ersetzt durch einen modernen Bau. „Wir haben in
Senegal kein Gesetz, das historische Gebäude schützt“, erzählt sie. Vor
allem im Stadtviertel Plateau, dem politischen und wirtschaftlichen Herzen
Dakars, stehen historische Fassaden aus der französischen Kolonialzeit
neben verglasten Bürotürmen. Straßenhändler bieten den für Senegal so
typischen Café Touba und Baguettes mit Ei oder Thunfisch an, während sich
auf den Gehwegen die Passant*innen drängen.
Immer mehr der historischen Gebäude werden jedoch plattgewalzt, denn statt
aufwendig zu renovieren, entscheiden sich viele Besitzer*innen aus
wirtschaftlichen Gründen dazu, neu zu bauen. Dabei gehe ein Stück
Stadtgeschichte verloren, sagt Carole Diop, die es sich zur Aufgabe gemacht
hat, genau diese zu bewahren. Tatsächlich gilt Dakar unter
Architekturhistorikern als eine Art Experimentierfeld. Vor allem in den
1950er- bis 1970er-Jahren entstanden hier mehrere neue Gebäudearten in dem
Versuch, nach dem Zweiten Weltkrieg möglichst kostengünstig neuen Wohnraum
zu schaffen.
Ein bekanntes Beispiel sind die sogenannten Ballonhäuser. Entworfen von
einem kalifornischen Architekten wurden diese in Dakar hergestellt, indem
man riesige Ballons aufblies, die mit einer Betonmischung besprüht wurden.
Innerhalb von 48 Stunden entstand so ein neues, kuppelförmiges Haus. Zwar
waren diese aufgrund ihrer kleinen Größe nur ein mäßiger Erfolg, doch sie
stehen exemplarisch für eine Epoche, in der Senegal zu einem Labor für neue
architektonische Ideen wurde.
Neuerdings führt einer von Carole Diops architektonischen Spaziergängen
auch am [5][frisch eröffneten Goethe-Institut] vorbei. Die typisch rote
Farbe der Lehmziegel von Doudou Demes Firma Elementerre leuchten warm. Im
Zentrum des Geländes streckt sich ein großer Baobabbaum in den Himmel.
Typischerweise im Herzen von Dörfern angesiedelt, steht der Baum als
Sinnbild für Gemeinschaft und Austausch. Das Gebäude, das sanft um den Baum
herum gebaut wurde, soll als Beispiel dienen für die Möglichkeiten, die die
Kombination aus traditionellem Wissen und zeitgenössischen Baustandards
bietet. Entworfen vom deutsch-burkinischen Architekten Francis Kéré, erbaut
aus Ziegeln aus Doudou Demes Firma Elementerre und umgesetzt von Nzinga
Mboups Architekturbüro Worofila ist das deutsche Sprach- und Kulturzentrum
in Teamarbeit entstanden.
## Neue Wohnungen dienen den Superreichen
Für Nzinga Mboup ist das Gebäude vor allem ein Symbol für das Potenzial,
das in der Erde steckt: „Wer schon einmal getöpfert hat, weiß, wie
vielfältig sich Ton formen lässt. Und Ton ist nichts anderes als Erde.
Trotzdem besteht oft eine Lücke zwischen dem, was alles möglich ist, und
dem, was wir uns vorstellen können“, sagt Mboup. „Das neue Goethe-Institut
trägt dazu bei, diese Vorstellungskraft zu erweitern und sichtbar zu
machen, was mit diesem Material alles möglich ist.“
Vor allem Hotels mit ökologischem Anspruch, aber auch immer mehr
Privatpersonen würden die Lehmbauweise in Anspruch nehmen, berichtet Mboup.
Doch Luft nach oben ist allemal. „Mein Traumprojekt wäre es,
Sozialwohnungen zu bauen. Beziehungsweise einfach Wohnraum, der für das
Durchschnittsgehalt hier in Senegal erschwinglich ist“, sagt sie. „Denn es
schmerzt mich zu sehen, dass die meisten Wohnungen, die heutzutage in Dakar
gebaut werden, nur einer bestimmten Bevölkerungsschicht dienen, nämlich den
Superreichen“, sagt Mboup. Lehm, mit seiner bahnbrechenden Einfachheit,
hätte das Potenzial, in einigen der ärmsten Länder der Welt nachhaltige,
hochwertige Gebäude zu geringen Kosten zu errichten.
Dennoch hat die zeitgenössische Lehmarchitektur in den letzten 10 bis 15
Jahren deutlich an Sichtbarkeit gewonnen. [6][Francis Kéré, der 2022 als
erster Architekt mit afrikanischen Wurzeln den renommierten Pritzker-Preis]
erhielt – quasi den Nobelpreis der Architekturwelt –, hat die
Lehmarchitektur auf dem Kontinent ins Rampenlicht gerückt. Zu seinen
bedeutendsten Werken zählt das sich noch im Bau befindende
Nationalparlament von Benin, dazu mehrere Schulen, unter anderem in Burkina
Faso und Kenia.
Von einer panafrikanischen Bewegung wollen Mboup und Deme aber noch nicht
sprechen: „Eigentlich ist es schade, dass wir im Jahr 2026 hier stehen und
von einer Revolution im Lehmbau sprechen, obwohl es sich dabei um die
ursprüngliche Bauweise handelt. Das gibt es schon seit jeher. Aber es gibt
eine kleine Bewegung, die gerade in Gang kommt“, sagt Doudou Deme. Was es
brauche, seien mehr Schulungen, um das Wissen um die Bauweise zu
verbreiten. Und vor allem auch ein Umdenken.
„Kennst du das Märchen,Die drei kleinen Schweinchen'?“, fragt Nzinga Mboup
und zieht ihr Handy aus der Tasche hervor. Auf dem Bildschirm erscheinen
die drei berühmten Häuschen aus Stroh, Holz und Ziegel. „Der böse Wolf
bläst die Häuser aus Stroh und Holz weg und nur das Ziegelhaus hält stand,
sodass das dritte Schweinchen den Wolf überlisten kann. Aber wie traurig
ist das? Da wird in dem Märchen vermittelt, dass es nicht sicher ist, mit
Naturmaterialien zu bauen. Nur die Ziegel sind gut“, sagt Nzinga Mboup. Er
und andere treten den Beweis an, dass das nur ein Märchen ist.
30 Aug 2026
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beeindruckt.