# taz.de -- Israel nach der Knesset-Wahl: Begrenzte Gemeinsamkeiten
       
       > Nach den Wahlen in Israel ist der Premier Benjamin Netanjahu angezählt.
       > Wird sich der Oppositionsblock zusammenraufen?
       
 (IMG) Bild: Ein Großteil der Menschen im Land hat gegen ein „Weiter so“ gestimmt
       
       Ohne Araber, sagt David, solle die nächste Regierungskoalition gebildet
       werden. „Nur eine Koalition mit den Arabern wird dazu führen, dass die
       Opposition die von ihnen versprochenen Gesetze durchbringen kann“, sagt Ben
       Prize. Beide haben bei der Wahl in Israel am 27. Oktober Parteien der
       Opposition gewählt: Prize die Mitte-links-Partei-Demokraten, David die
       konservativ-rechte Partei Israel Beitenu. Er nennt der taz nur seinen
       Vornamen, seine Wahlentscheidung soll halbwegs privat bleiben.
       
       Beide treffen die taz in der liberalen Metropole Tel Aviv, beide haben
       Parteien des Oppositionslagers gewählt – doch da enden die Gemeinsamkeiten.
       Denn das Anti-Netanjahu-Camp ist vor allem das: gegen den noch amtierenden
       Premier Benjamin Netanjahu. Darüber hinaus sind die Gemeinsamkeiten eher
       gering.
       
       Zum Anti-Netanjahu-Camp gehören: die Demokraten-Partei unter dem Vorsitz
       von Jair Golan. Die Partei spricht sich für eine Zusammenarbeit mit der
       arabisch-israelischen Gesellschaft aus, für eine Zweistaatenlösung mit den
       Palästinensern. Golan kritisierte außerdem ganz deutlich den Krieg im
       Gazastreifen und das Vorgehen Israels gegenüber den Arabern im Allgemeinen
       – schon lange vor dem 7. Oktober 2023, als palästinensische Milizen im
       Süden Israels einfielen.
       
       Über 1.200 Menschen kamen um, über 250 wurden in den Gazastreifen entführt
       und dort teils über zwei Jahre lang festgehalten. In Israel – wo sich
       rechts und links weniger an wirtschaftlichen Problemen, sondern vor allem
       am Thema Sicherheit festmacht – stehen die Demokraten innerhalb des
       Mainstreams am linken Rand. Nach bisherigen Auszählungsergebnissen holte
       die Partei insgesamt 8 Mandate für die Knesset.
       
       ## Koalitionsbildung mit dem Anti-Netanjahu-Lager schwierig
       
       Zum Anti-Netanjahu-Lager gehört aber auch die Partei Israel Beitenu von
       Avigdor Lieberman. Lange galt sie als Partei der russischsprachigen oder
       aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion stammenden Israelis. Lieberman
       selbst wurde in der Sowjetunion geboren, wanderte in den 1970er Jahren nach
       Israel ein. Heute ist die Partei breiter aufgestellt; sammelt tendenziell
       die Stimmen der Säkularen, die sich eine harte Haltung im Nahostkonflikt
       wünschen, ein. Statt einer Zweistaatenlösung erklärte er etwa, Teile des
       Westjordanlands sollten an Israel angeschlossen werden. Bei den Wahlen am
       vergangenen Dienstag holte die Partei dem bisherigen Auszählungsstand
       zufolge 7 Mandate.
       
       Nur aus dieser Gegenüberstellung wird schon klar, warum sich das
       Anti-Netanjahu-Lager bei einer Koalitionsbildung schwertun dürfte. Die
       Haltung der beiden Parteien gegenüber den Palästinensern ist gegensätzlich:
       Die Demokraten setzen auf Verhandlungen und letztlich eine palästinensische
       Eigenverantwortung. Lieberman forderte mehr Siedlungen im Westjordanland
       und eine Abwicklung die Palästinensischen Autonomiebehörde.
       
       Auch die Haltung gegenüber den Palästinensern mit israelischem Pass und
       ihrer politischen Vertretungen im Land ist unterschiedlich: Die Demokraten
       haben explizit erklärt, dass sie gewillt seien, eine Zusammenarbeit mit
       diesen einzugehen. Israel Beitenu wiederum schließt das aus.
       
       Der zionistische Oppositionsblock – zu dem neben den Demokraten und Israel
       Beitenu auch die Partei Jaschar von Gadi Eisenkot und die Partei Bejachad
       von Naftali Bennett und Jair Lapid gehören – hat bei der Wahl 48 Sitze
       geholt. Und liegt damit deutlich unter der nötigen Knesset-Mehrheit von 61
       Sitzen. Insgesamt zählt das israelische Parlament 120 Sitze. Das
       Pro-Netanjahu-Lager hat hingegen laut bisheriger Auszählung 53 Sitze
       geholt. Und liegt damit ebenfalls unter der Mehrheit.
       
       ## 19 Sitze für die arabischen Wahllisten
       
       Bleiben noch 19 Sitze. Und diese haben laut Auszählungen zum Stand des
       Redaktionsschlusses die beiden arabischen Wahllisten gewonnen. 12 Mandate
       gingen an die eher säkular und arabisch-nationalistisch ausgerichtete Joint
       List, sieben an die Ra’am. Die war einmal Stammpartei konservativer
       muslimischer Wählerinnen und Wähler, hat aber in den letzten Jahren einen
       Liberalisierungsprozess durchlaufen und bei der jüngsten Wahl einen
       jüdischen Kandidaten, Joav Segalovich, auf ihrem Listenplatz 2 platziert.
       
       Insgesamt sprechen etwas über 20 Prozent der Menschen in Israel
       muttersprachlich Arabisch; unter ihnen sind etwa 80 Prozent Muslime;
       Christen und Drusen bilden die Minderheit in der Minderheit. Sie sind
       israelische Staatsbürger – doch viele würden sich bald 80 Jahre nach der
       auch mit Gewalt verbundenen Staatsgründung Israels weiter als
       Palästinenserinnen und Palästinenser bezeichnen.
       
       Unter eher linken Analysten und Journalistinnen in Israel kristallisiert
       sich mit der Auswertung der Wählerstimmen ein Narrativ heraus: Eine
       Koalition der Opposition – zionistisch wie arabisch – liege auf der Hand.
       Der zionistische Block müsse nur wollen. [1][So schreibt etwa die
       Ha’aretz-Journalistin Noa Landau]: Was den Block davon abhalte, „Wandel zu
       betreiben“ sei „Feigheit und Rassismus“.
       
       Doch ganz so einfach ist es nicht. Ein Insider der Joint List bestätigt der
       taz, was Politiker der Liste öffentlich immer wieder gesagt haben: Eine
       Regierungsbeteiligung liege derzeit nicht auf dem Tisch. Man sei aber
       bereit, eine Anti-Netanjahu-Minderheitsregierung aus der Opposition heraus
       zu unterstützen; für bestimmte Vorhaben mit ihr abzustimmen und so
       Mehrheiten in der Knesset zu erreichen. Wie stabil und langanhaltend ein
       solches Konstrukt wäre, ist fraglich. Für jeden Beschluss müssten wieder
       Mehrheiten gesucht werden.
       
       ## Pragmatismus vor Rassismus
       
       Die andere arabische Partei, Ra’am, saß schon mal in einer israelischen
       Koalition, in der „Regierung des Wandels“ 2021 bis 2022. Vor der Wahl hatte
       Ra’am-Chef Mansour Abbas erklärt, er hoffe auf eine erneute
       Regierungsbeteiligung. Nur als Koalitionsmitglied könne man die Probleme
       der eigenen Wählerschaft nach oben auf die Agenda heben, so Abbas.
       
       [2][Die Analystin Elisabeth Tsurkov schreibt auf X], die arabischen
       Parteien seien so pragmatisch wie nie; die noch amtierende rechte bis
       rechtsextreme Regierung Netanjahus habe das Leben der arabischen
       Bevölkerung ganz deutlich negativ beeinflusst. „Die bisherigen ‚roten
       Linien‘ der arabischen Parteien werden verschwinden“, schreibt sie, wenn
       der Oppositionsblock „den Wandel mehr will, als dass er an rassistischen
       Dogmen festhält“.
       
       Ben Prize, der Wähler in Tel Aviv, erklärt, warum er sich für die
       Demokraten entschieden habe: Sie seien „die einzige Partei, die die
       Justizreform rückgängig machen und die Rechtsstaatlichkeit in Israel wieder
       stärken wird“. Er ist überzeugtes Parteimitglied. Auch davon, dass eine
       Einheitsregierung des zionistischen Oppositionsblocks mit Netanjahus Likud
       weiter eine unabhängige Untersuchung des 7. Oktobers 2023 verhindern würde.
       Und dass eine solche Einheitsregierung – wie sie nach der Wahl nun
       diskutiert wird – keinen Wandel bringen könne.
       
       David, der Wähler der rechts-konservativen Partei Israel Beitenu, hingegen
       sieht eine solche Einheitsregierung als gute Option. Die Politik in Israel,
       sagt er, müsse dem ganzen Land nutzen – nicht nur einzelnen
       Bevölkerungsgruppen, wie etwa die arabischen Parteien für ihre arabischen
       Stimmengeber.
       
       ## 67 von 120 Mandate für das Anti-Netanjahu-Lager
       
       Viele Oppositionswählerinnen und -wähler würden wohl eher, wie David, gegen
       eine Koalition mit den arabischen Parteien stimmen. Denn innerhalb des
       Blocks haben die meisten die eher rechten Parteien gewählt. Jaschar,
       Bejachad und Israel Beitenu kommen zusammen auf 40 Sitze; die linken
       Demokraten auf 8.
       
       Wird sich der Oppositionsblock zusammenraufen können? Wie werden sie sich
       entscheiden – für Netanjahu oder für die arabischen Parteien?
       
       Klar ist bislang, dass die inhaltlichen Gemeinsamkeiten, wenn sie sich vor
       allem in der Aversion gegen den Politiker Netanjahu begründen, recht
       schnell enden. Und dass das für eine Zusammenarbeit nur bedingt förderlich
       ist. Klar ist auch: 67 von 120 Mandaten in der Knesset sind an Parteien aus
       dem Anti-Netanjahu-Lager gegangen. Ein Großteil der Menschen hat gegen ein
       „Weiter so“ gestimmt, für Veränderung. Wie diese aussehen soll und wer an
       ihr mitwirken darf, wird nun verhandelt.
       
       30 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://x.com/noa_landau/status/2115349945238905227?a=0N5JQCtF93e328dMGJg&s=20
 (DIR) [2] https://x.com/LizHurra/status/2115493569129574609?a=ZfAQL1vH69pS3XHuISI&s=20
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lisa Schneider
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Benjamin Netanjahu
 (DIR) Knesset
 (DIR) Israel
 (DIR) Palästinenser
 (DIR) GNS
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Nach der Parlamentswahl in Israel: „Nein zu einer rassistischen Regierung!“
       
       Tausende Israelis demonstrieren am Samstag in Tel Aviv für eine
       jüdisch-arabische Regierungskoalition. Doch die politische Situation ist
       verfahren.
       
 (DIR) Nach der Knesset-Wahl: Das dritte Israel
       
       Das Patt in der israelischen Parlamentswahl ist Ausdruck einer tiefen
       Spaltung. Doch es gäbe noch Allianzen, die Hoffnung machen.
       
 (DIR) Parlamentswahl in Israel: Angezählt, aber nicht abgewählt
       
       Netanjahus Lager liegt bei den israelischen Parlamentswahlen derzeit vorn,
       für eine Mehrheit reicht es wohl nicht. Und jetzt?
       
 (DIR) Wahl in Israel: Bleibt alles anders?
       
       An diesem Dienstag geben Israelis in einer Schicksalswahl einer von 36
       Parteien ihre Stimme. Wir haben sechs von ihnen nach ihren Hoffnungen und
       Befürchtungen gefragt.