# taz.de -- Verlängerung der A100: Ein Aus mit Fragezeichen
> Linke, Grüne und SPD stellen schon im Sondierungsergebnis klar: Einen
> Weiterbau der A100 soll es nicht geben. Allerdings müssen sie ihre
> Rechnung mit dem Bund machen.
(IMG) Bild: Protest des Bündnis A100 wegbassen gegen den Bau des 17. Bauabschnitts – auf dem 16. Bauabschnitt
Es ist nur ein einzelner und obendrein kurzer Satz im
[1][Sondierungspapier, das Linke, Grüne und SPD am Wochenende vorgelegt
haben]: „Wir setzen uns beim Bund dafür ein, den 17. Bauabschnitt der A100
nicht umzusetzen“, heißt es da im Abschnitt „Mobilität“. Aber sollte es zur
Koalitionsbildung und zur Umsetzung dieses Versprechens kommen, wäre es
eine bedeutende Zäsur in der Berliner Verkehrspolitik.
Der 17. Bauabschnitt war lange Jahre eher ein Gespenst: Unter den
Landesregierungen, die dieselben drei Parteien zwischen 2016 und 2023
bildeten, lagen die Planungen des Bundes für den Weiterbau der
Stadtautobahn bis an die Grenze von Pankow weitgehend auf Eis. Bis 2022
eine FDP-Staatssekretärin der Ampelkoalition die Planungstätigkeit quasi im
Alleingang wieder anschob und Leistungen ausschreiben ließ.
Seitdem hat es Dutzende Protestkundgebungen und öffentliche Debatten über
die knapp 6 Kilometer Autobahn gegeben, die vom Treptower Park über die
Spree oder unter ihr hindurch nach Friedrichshain, unter dem Bahnhof
Ostkreuz hindurch nach Lichtenberg und dann bis an die Storkower Straße
führen soll. Ein technisch höchst aufwändiges, immens teures und für
bestehende kulturelle Infrastruktur wie die Clubs am Ostkreuz tödliches
Vorhaben.
Auf einer Podiumsdiskussion in Lichtenberg hatte die verkehrspolitische
Sprecherin der Grünen-Fraktion, Antje Kapek, sich im Wahlkampf
[2][sarkastisch über die Absurditäten des Projekts ausgelassen]: etwa die
Möglichkeit, dass der gerade fertiggestellte Teilneubau der Elsenbrücke in
ein paar Jahren wieder für die Autobahnverlängerung abgerissen werden
könnte. Jetzt spricht Kapek gegenüber der taz von einem „extrem
großartigen“ Ergebnis der Sondierungen und einem „symbolischen Sieg“.
„Es zeigt, wie sich die Berliner Politik weiterentwickelt hat“, so die
Grüne. „Vor 15 Jahren ist eine rot-grüne Koalition schließlich noch an
dieser Frage gescheitert.“ Damit bezieht sich Kapek auf den Abbruch der
Koalitionsgespräche im Jahr 2011 über die Frage, ob das Land sich
kompromisslos gegen die Realisierung des 16. Bauabschnitts der A100 durch
den Bund wehren sollte. Die SPD war damals in dieser Sache gespalten: Zur
Betonfraktion gehörten aber Klaus Wowereit, der dann mithilfe der CDU
Regierender Bürgermeister bleiben konnte, und Fraktionschef Michael Müller.
## Wie soll man das umsetzen?
Der 16. Bauabschnitt ist mittlerweile seit einem guten Jahr in Betrieb, und
vor allem in den ersten Monaten nach seiner Eröffnung bescherte er der
Gegend um den Treptower Park [3][ein beachtliches Verkehrschaos] – auch
weil zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal die neue Elsenbrücken-Hälfte
fertig war. Jetzt, da die Fronten in Sachen 17. Bauabschnitt geklärt sind,
lautet die entscheidende Frage: Wie bekommt Berlin das umgesetzt?
Denn der Autobahnbau liegt nicht nur in der Hand des Bundes, im Fall des
umstrittenen Abschnitts hat er schon Gesetzeskraft. Das Projekt steht mit
dem Prädikat „laufend und fest disponiert“ im sogenannten [4][Bedarfsplan
für die Bundesfernstraßen]. Und da wird es sich nicht leicht herauseisen
lassen, zumal im Bund die CDU die Hand auf dem Verkehr hat. Andererseits:
Kann die Bundesregierung Berlin eine innerstädtische Autobahn verpassen,
wenn es die Stadt partout nicht will?
„So etwas gab es noch nie, dass ein Nehmerland sich gegen den Bund stellt“,
sagt Weert Canzler, Mobilitätsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin für
Sozialforschung (WZB), „sonst waren die ja immer begeistert davon.“
Canzler, der sich grundsätzlich gegen massiven Straßenneubau und
stattdessen für Investitionen in den Erhalt ausspricht, hält es für
erfolgversprechend, wenn das Abgeordnetenhaus den Bund aufforderte, die
Planung für den 17. Bauabschnitt einzustellen und vorgesehenen Mittel
teilweise für die [5][dringend notwendige Instandsetzung der Berliner
Bundesautobahnen] und -straßen umzuwidmen. „Vielleicht in Form eines
Sonderfonds, da ist ein bisschen Fantasie gefragt.“
## Diplomatie oder Klage?
Antje Kapek sieht das ähnlich, sie glaubt an die Macht gezielter
„Diplomatie“. Zumindest unter der Ampel habe es ein Commitment gegeben,
keine Fernstraßenprojekte gegen den Willen von Bundesländern durchzuziehen,
und mit den nötigen Mitteln – gemunkelt wird von mehr als 1 Milliarde Euro
– ließen sich in CDU-geführten Ländern sicherlich „etliche Autobahnkreuze“
errichten.
Sollte man auf dem Verhandlungsweg keinen Erfolg haben, zieht Kapek eine
Änderung des Berliner Flächennutzungsplans (FNP) in Betracht: Die darin für
den Autobahnbau vorgesehenen Flächen müssten dann eben für andere Zwecke
ausgewiesen werden.
Kristian Ronneburg, verkehrspolitischer Sprecher der Linksfraktion bis zur
Konstituierung des neuen Parlaments, dem er nicht mehr angehört, ist in
Sachen FNP pessimistischer: Das sei kein rechtssicherer Weg, der Bund
behalte schließlich als Planungsträger Widerspruchsmöglichkeiten. Sollte es
zu einer derartigen Gemengelage kommen, könne Berlin nur noch eine
„belastbare Gegenposition aufbauen“, mit Lärm- und Schadstoffimmissionen
sowie problematischen städtebaulichen Effekten argumentieren und nach
Vorlage des Planfeststellungsbeschlusses in einigen Jahren gegen diesen
klagen.
Ronneburg, der das Sondierungsergebnis ebenfalls für einen „großen Erfolg“
hält, schlägt ein „Mosaik aus Maßnahmen“ vor – an erster Stelle aber solle
ein potenzieller rot-grün-roter Senat den Bund unzweideutig und schriftlich
dazu auffordern, das Planfeststellungsverfahren nicht einzuleiten.
Dass der Bund die Autobahn als politisches Instrument gegen die
Landesregierung einsetzen könnte, hält er allerdings auch nicht für
ausgeschlossen: „Es wäre ein probates Mittel, um Berlin das Leben schwer zu
machen und den Senat zu ärgern – wie ein Schulhof-Bully, der andere
herumschubst und ihnen das Essensgeld klaut.“
21 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://gruene.berlin/fileadmin/user_upload/Sondierungspapier_Gruene_Linke_SPD_2026.pdf
(DIR) [2] /Wahlkampf-um-die-A100/!6207317
(DIR) [3] /Chaos-um-die-A100/!6140496
(DIR) [4] https://www.gesetze-im-internet.de/fstrausbaug/BJNR008730971.html
(DIR) [5] /Autobahn-Neubau-in-Berlin/!6220582
## AUTOREN
(DIR) Claudius Prößer
## TAGS
(DIR) A100
(DIR) Schwerpunkt Rot-Grün-Rot in Berlin
(DIR) Antje Kapek
(DIR) Reden wir darüber
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