# taz.de -- Indischer Politiker über Massenproteste: „Das System lässt junge Menschen im Stich“
> Indiens Kakerlakenbewegung bekämpft die Wahlkommission als Instrument der
> Regierung von Narendra Modi, sagt der Oppositionspolitiker Shashi
> Tharoor.
(IMG) Bild: Anhänger der Kakerlakenbewegung demonstrieren im Sommer in Delhi gegen den Bildungsminister, der schließlich zurücktreten muss
taz: Herr Tharoor, was treibt die Proteste der jungen Kakerlakenbewegung
CJP in Indien an?
Shashi Tharoor: Unter jungen Menschen herrscht große Frustration: Sie
lernen hart auf Prüfungen und tun alles, was von ihnen erwartet wird. Doch
lässt sie das System im Stich. Prüfungsaufgaben werden vorab bekannt,
Prüfungen abgesagt.
taz: Jetzt richten sich die Proteste gegen die Wahlkommission. Warum?
Shashi Tharoor: Es gibt ein Gefühl, dass das System nicht mehr
funktioniert. Die CJP zeigte Bilder staatlicher Schulen mit undichten
Dächern, kaputten Fenstern und mangelnder Ausstattung. Die Botschaft: Was
tut die Regierung für ein menschenwürdiges Leben? Die Sorgen reichen über
die junge Generation hinaus. Zunehmend gilt die Wahlkommission als von der
Regierung handverlesen, um deren Interessen zu dienen. Besonders die
Überprüfung der Wählerlisten hat Empörung ausgelöst, da vielen
Wählern:innen durch willkürliche Entscheidungen der Wahlkommission ihr
Wahlrecht entzogen wurde. Die Opposition, die CJP und Parteiunabhängige
fordern einen Stopp der Überprüfung und den Rücktritt des
Kommissionsvorsitzenden.
taz: Warum konnte die Kongresspartei diese Dynamik nicht selbst erzeugen?
Shashi Tharoor: Unsere anfängliche Kritik wurde als parteipolitisch
motiviert wahrgenommen: Man warf uns vor, zu kritisieren, da wir die Wahl
verloren hatten. Jetzt geht es nicht um Gewinner oder Verlierer, sondern
darum, dass Indiens Bürger:innen ihr verfassungsmäßiges Wahlrecht
vorenthalten wird.
taz: Warum arbeitet die Kongresspartei nicht enger mit der CJP zusammen?
Shashi Tharoor: Wir haben eigene Kundgebungen organisiert. Die CJP hat uns
nicht zu ihren Aktionen eingeladen. Die CJP ist trotz ihres Namens keine
Partei, sondern eine lose Bewegung, was eine Koordination schwierig macht.
Die Oppositionsparteien haben sich bei den Protesten am 6. und 10. Oktober
abgestimmt und planen auch künftig gemeinsame Aktionen.
taz: Bei der Wahl 2024 einte die Opposition die Forderung, die „Demokratie
zu retten“. Wird sie bis zur nächsten Parlamentswahl 2029 zusammenhalten?
Shashi Tharoor: Bei Wahlen in den Bundesstaaten überwiegen regionale
Interessen. Auf nationaler Ebene sind in Kerala die Kongresspartei und die
Kommunistische Partei beide gegen die Regierungspartei BJP, auf
Bundesstaatsebene aber Gegner. Man kann die Einheit der Opposition deshalb
nicht anhand von Regionalwahlen beurteilen. Bei nationalen Wahlen wird
angesichts der gewaltigen Wahlmaschinerie und finanziellen Ressourcen der
BJP das Bedürfnis wachsen, sich abzustimmen und die Oppositionsstimmen
nicht aufzuteilen.
taz: Seit 2024 führt Rahul Gandhi die Opposition im indischen Parlament.
Mit seinem Fußmarsch durch Indien hat er versucht, junge Menschen
anzusprechen und die Kongresspartei neu aufzustellen. Ist das gelungen?
Shashi Tharoor: Das ist spätestens im Laufe dieses Jahres sehr deutlich
geworden. Rahul Gandhi hat an Glaubwürdigkeit und die Kongresspartei an
Dynamik gewonnen. Die Frage ist, ob wir diesen Schwung halten können. Im
Moment glauben wir ja.
taz: Wie steht es um die indische Demokratie?
Shashi Tharoor: Internationale Beobachter:innen sagen im Grunde
dasselbe wie wir in der Opposition: Unabhängige Institutionen werden
ausgehöhlt, Steuerbehörden gegen politische Gegner:innen eingesetzt und
abweichende Meinungen dämonisiert. Es gibt autokratische Tendenzen der
Regierung, denen wir uns widersetzen.
taz: Die aktuelle Kritik an der Regierung äußert sich in Memes und Satire.
Was bewirken sie?
Shashi Tharoor: Die Meme-Kultur ist Teil des Gen-Z-Phänomens. Das ist
erfrischend. Satire durchstößt die Blase aus Selbstgefälligkeit und Pomp.
Die derzeitige Regierung zeigt viel Arroganz, aber die Memes haben sie
zurechtgestutzt.
taz: Welche Unterschiede sehen Sie zwischen heute und den monatelangen
Bauernprotesten 2020/21?
Shashi Tharoor: Die BJP kam damals damit durch, zu sagen, es protestierten
nur Bauern, die von den neuen Agrargesetzen betroffen wären. Die Proteste
in diesem Sommer waren anders: Menschen aus der gesellschaftlichen Mitte,
darunter Schüler:innen und Studierende aus Familien, die die BJP gewählt
hatten, gingen auf die Straße.
taz: Kann die CJP-Bewegung längerfristig etwas verändern?
Shashi Tharoor: Für eine mächtige Regierung, die den Medienraum weitgehend
kontrolliert, ist es leichter, einen Protest zu diskreditieren, wenn er als
Anliegen einer einzelnen Gruppe erscheint. Die jetzige Bewegung ist aber
breiter. Ob sie sich über die nächsten drei Jahre halten kann, weiß ich
nicht. Aber sie wird sich nicht einfach entschärfen lassen, wenn der Chef
der Wahlkommission nicht zurücktritt. Bildung, Inflation und
Arbeitslosigkeit betreffen alle, unabhängig von Kaste, Sprache oder
Religion.
taz: Warum ist die Jugendarbeitslosigkeit gerade politisch so brisant?
Shashi Tharoor: Früher galt: Wer am Indian Institute of Technology (IIT)
studierte, hatte seine berufliche Zukunft sicher. In diesem Jahr erhielten
erstmals IIT-Absolvent:innen keine Stelle. Die Technologiebranche stellt
weniger ein, da KI immer mehr Aufgaben übernimmt.
taz: Wie verwundbar ist Premier Narendra Modi nach zwölf Jahren an der
Macht?
Shashi Tharoor: International ist er Indiens energische Stimme. Im Land ist
seine Position aber angreifbarer denn je. Die Vorfälle rund um die
Wahlkommission haben viel Wut auf die Regierung gebündelt. Die BJP muss
sich fragen, ob sie dauerhaft eine Partei bleiben kann, die ganz auf eine
einzige Führungsfigur zugeschnitten ist. Für die Opposition ist Modi ein
sichtbares Ziel. Wir können die Menschen fragen, ob es ihnen heute besser
geht als bei seinem Amtsantritt. Für viele ist das leider nicht der Fall.
21 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Natalie Mayroth
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