# taz.de -- Massenproteste in Indien: Modi-Regierung steht unter massivem Druck
> Zehntausende protestieren wegen der Überarbeitung von
> Wähler:innenlisten gegen den Chef der indischen Wahlkommission.
> Unterdessen wurden führende Mitglieder der CJP festgenommen.
(IMG) Bild: Protest vor dem obersten Gerichtshof in Neu-Delhi am 12. Oktober
Über ein verriegeltes Tor sind am Dienstag mehrere junge Männer auf das
Gelände des Jantar Mantar in Delhi geklettert. Das Protestgelände in
Indiens Hauptstadt liegt unweit der gleichnamigen historischen Sternwarte
Jantar Mantar, das allerdings gesperrt worden war. Unter den Männern, die
sich darüber hinwegsetzten, waren mit Saurav Das und Ashutosh Ranka
Sprecher der sogenannten Kakerlakenbewegung (Cockroach Janta Party – CJP).
Nationalflaggen schwenkend skandierten sie auf dem früheren Protestplatz
Parolen gegen den Chef der Wahlkommission, Gyanesh Kumar, bis sie
festgenommen wurden. [1][Am Mittwoch] wurden sie für fünf Tage in das
Tihar-Gefängnis gebracht.
Schon am Samstag hatten die Behörden brachial eine Großdemonstration zu
unterbinden versucht. Mehrere Tausend Menschen wurden festgenommen,
darunter auch kurzzeitig der CJP-Gründer Abhijeet Dipke. Die Proteste
richteten sich gegen die Überarbeitung der Wähler:innenverzeichnisse
durch die Wahlkommission. In den Listen fehlten circa 130 Millionen
Einträge. Offiziell sollten damit Verstorbene, Weggezogene und doppelte
Einträge entfernt werden.
Oppositionelle und Aktivist:innen fürchten jedoch, dass auch die Namen
von Wahlberechtigten mit mutmaßlichen Sympathien für die Opposition
gestrichen wurden, insbesondere Angehörige von Minderheiten. Der
Wahlkommission wird vorgeworfen, die hindunationalistische Volkspartei
(BJP) von Premierminister Narendra Modi damit begünstigt zu haben.
Kommission und Regierung weisen dies zurück.
Nach Recherchen der Zeitung Indian Express hatten aber Wahlkommissare bei
der Überarbeitung der Listen wiederholt Einwände gegen Entscheidungen ihres
Chefs Kumar erhoben. Die Opposition fordert deshalb eine unabhängige
Untersuchung, was sie aber angesichts der Mehrheitsverhältnisse nicht
allein durchsetzen kann.
## Es geht beim Protest auch um die „Rettung der Demokratie“
Was im Sommer mit Protesten der Kakerlakenbewegung gegen Missstände im
Bildungssystem begann, geht längst über die Sorge vor mutmaßlich
manipulierten Wähler:innenlisten hinaus. Unter dem Ruf „Save
Democracy“ finden sich Studierende, junge Berufstätige,
zivilgesellschaftliche Initiativen sowie die politische Opposition
zusammen. Schon bei der Parlamentswahl 2024 hatte die Verteidigung
demokratischer Rechte Menschen mobilisiert.
Bei den letzten Regionalwahlen war dies aber in den Hintergrund gerückt:
Die BJP feierte einige Siege an der Wahlurne. Manche wurden von der
Opposition hinterfragt. So vermutet sie etwa in Westbengalen, dass eine
manipulative Überarbeitung der Wählerlisten der BJP geholfen habe.
Die CJP hatte bereits Ende Juli einen Erfolg erzielt: Da musste
Bildungsminister Dharmendra Pradhan (BJP) nach wochenlangen Protesten
zurücktreten. Nun richtet sich die Bewegung gegen Wahlkommissionschef
Kumar. Doch die Regierung will nicht erneut nachgeben, vielmehr strich sie
Jantar Mantar als Protestort und verbannte Demos aus dem Stadtzentrum.
Zugleich mobilisierte die Regierung vergangenes Wochenende neben Tausenden
Polizisten auch 23.000 Paramilitärs. Metrostationen wurden geschlossen,
Zugverbindungen gestrichen, der mobile Internetzugang begrenzt. Das
[2][Committee to Protect Journalists (CPJ)] dokumentierte zudem 35
Festnahmen von Medienschaffenden.
Nach der Verhaftung der CJP-Sprecher Das und Ranka reiste Gründer Abhijeet
Dipke nach Delhi: „Ich fordere Modi auf, den offiziellen
[3][Ausnahmezustand] zu erklären“, sagte er. Für nächsten Freitag rief er
zu weiteren [4][Protesten] in Delhi auf.
## Oppositionsführer Gandhi nennt Regierung „feige“
Oppositionsführer [5][Rahul Gandhi] von der Kongresspartei verurteilte die
Festnahmen als „Akt der Feigheit“ und kündigte an, Jantar Mantar
„zurückzuerobern“. Am Montag war sein Oppositionsbündnis zum obersten
Gerichtshof marschiert, um gegen die Überarbeitung der
Wähler:innenlisten vorzugehen.
Bisher begegnet die Kongress-Partei der jungen Bewegung mit Vorsicht – auch
wegen der Erfahrungen mit der Antikorruptionsbewegung, aus der die spätere
Konkurrentin Aam Aadmi Party (AAP) hervorging. Nicht nur Dipke hat
[6][Verbindungen] zur AAP.
Mit dem Unterbinden der Proteste scheint die Regierung, Zeit gewinnen zu
wollen. Doch räumt sie damit die Zweifel an der Wahlkommission und die
Sorge, dass Menschen ihr Wahlrecht verlieren könnten, nicht aus. Vielmehr
zeigen die Proteste inzwischen einen so offenen wie schichten- und
parteiübergreifenden Widerstand gegen die Modi-Regierung wie noch nie.
14 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.hindustantimes.com/india-news/delhi-protest-live-updates-cjp-jantar-mantar-saurav-das-ranka-dipke-india-bloc-rahul-gandhi-cec-gyanesh-kumar-eci-row-101791939545598.html
(DIR) [2] https://cpj.org/2026/10/at-least-37-journalists-detained-several-assaulted-while-covering-protests-against-indias-election-chief/
(DIR) [3] https://x.com/abhijeet_dipke/status/2110209061556002969
(DIR) [4] https://x.com/abhijeet_dipke/status/2110344053267275872
(DIR) [5] https://timesofindia.indiatimes.com/india/jantar-mantar-belongs-to-people-of-india-will-reclaim-it-rahul-gandhi-slams-jail-term-for-cjp-leaders/articleshow/134933017.cms
(DIR) [6] https://theprint.in/politics/half-of-cjp-core-cockroaches-have-aap-in-their-past/3012573/
## AUTOREN
(DIR) Natalie Mayroth
## TAGS
(DIR) Indien
(DIR) Wahlen in Indien
(DIR) Narendra Modi
(DIR) Rahul Gandhi
(DIR) Massenproteste
(DIR) Social-Auswahl
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Jugendproteste in Indien: Aktivistin Neha Bora gibt trotz Festnahmen nicht auf
Neha Bora ist die Vorsitzende der linken Studierendenorganisation AISA. Sie
ist eine der bekanntesten Stimmen der indischen Jugendproteste.
(DIR) CJP-Proteste in Indien: Die Kakerlaken demonstrieren wieder
In den indischen Großstädten Mumbai und Delhi fordern Tausende
Protestierende den Rücktritt von Wahlkommissionschef Gyanesh Kumar.
(DIR) Brics-Gipfel: Indien nimmt Brics die potenzielle Schärfe
In Delhi demonstrieren die Brics-Staaten Einigkeit trotz Irankrieg und
gegensätzlicher Interessen. Sie wollen dem Globalen Süden mehr Gewicht
geben.