# taz.de -- Labelporträt Fortuna Records: Die musikalische Neubelebung der Levante
> Das Label Fortuna Records aus Tel Aviv hat vergessene Musik aus Israel
> und ganz Nahost wieder zugänglich gemacht. Jetzt liegt es auf Eis.
(IMG) Bild: Im Kulturzentrum Beit Romano veranstalteten Fortuna Records oft Partys
Mit Tsvia Abarbanel fing alles an. Als die vier Tel Aviver DJ-Freunde Maor
Anava, Tzach Bar, Ariel Tagar und Yoav Magarizo im Jahr 2012 wieder einmal
die Second-Hand-Plattenläden der Stadt durchforsteten, fiel ihnen ein
seltenes Album der jemenitischstämmigen israelischen Sängerin in die Hände.
„[1][Wings of Love]“, erschienen im Jahr 1970, bringt auf eigenwillige
Weise jemenitische Melodien mit Jazz und Funk zusammen. Bei der
Erstveröffentlichung hatte die Künstlerin mit ihrer Musik nur mäßigen
Erfolg und geriet danach in Vergessenheit. Anava, Bar, Tagar und Magarizo
aber waren sofort fasziniert. Der Zufallsfund war eine Art
Erweckungserlebnis. Es markiert den Beginn des unabhängigen Plattenlabels,
Ladens und DJ-Kollektivs Fortuna Records und entfachte in ihnen eine
„verrückte Obsession“, wie die Vier ihre Leidenschaft, Altes aus der
Versenkung zu ziehen, beschreiben, wenn man sie danach fragt.
Fortan begaben sie sich gemeinsam auf die Mission, vergessene Musik
aufzuspüren und erneut zu veröffentlichen: Alben, die nur in kleinen
Auflagen erschienen waren, durch das Raster des kommerziellen Erfolgs
gefallen waren und unveröffentlichte Aufnahmen von Künstlern, die sich
längst aus der Musikbranche zurückgezogen hatten. Die vier DJs, seit Langem
begeisterte Sammler verlorener musikalischer Schätze, sind in der
israelischen Musikszene bekannt wie bunte Hunde. 2010 waren sie an der
Gründung von Teder.fm beteiligt, einem [2][in Tel Aviv] ansässigen
Radiosender.
Teder.fm begann als nomadisches Projekt, später arbeitete man jedoch mit
dem Starkoch Eyal Shani zusammen und eröffnete eine Bar im Beit Romano,
einem alten, im internationalen Stil errichteten Handelszentrum in Tel
Aviv, das sich – nicht zuletzt dank der Tatsache, dass Teder dort ein
Zuhause fand – zu einem Zentrum des Nachtlebens in der Stadt entwickelte.
Als Plattensammler waren Anava, Bar, Tagar und Magarizo auch geprägt von
den vielfältigen kulturellen Ideen, die die israelische Musikszene der
1950er, 60er und 70er Jahre intellektuell beeinflusst hatte. Außerdem trieb
sie die Frage um, warum diese Musik ursprünglich kaum jemanden
interessierte und schließlich in Vergessenheit geraten war. „Die breite
Öffentlichkeit hatte in jenen Jahrzehnten größtenteils noch europäische –
ungarische, polnische – oder nordafrikanische Wurzeln“, erklärte die Gruppe
in einem Interview über den musikalischen und gesellschaftlichen Horizont
Israels in jener Zeit. Damals keimte in ihnen auch die Idee, ein
Re-Issue-Label zu starten.
„Auch populäre israelische Musik zwischen 1950 und 1980 war dementsprechend
europäisch oder nordafrikanisch geprägt, und alles, was auch nur
geringfügig von dieser Linie im Mainstream abwich, fiel durch das Raster.“
Die Fortuna-Macher betonten von Anfang an ihre Rolle als
„Musikarchäologen“, die nicht nur tief nach Artefakten graben, sondern auch
die Geschichten dahinter anschaulich machen – wie im Fall Abarbanels.
Die jemenitische Sängerin war im Alter von neun Jahren mit ihrer Familie
nach Israel eingewandert und später nach Los Angeles weitergezogen, um
Kunst zu studieren. Dort kam sie in den 1960ern auch mit US-Jazz, Soul und
Funk in Berührung. Nach ihrer Rückkehr nach Israel wandte sie sich an den
Saxofonisten und Produzenten Albert Piamenta, einem der Pioniere des
israelischen Jazz, mit der Bitte, die jemenitischen Lieder, mit denen sie
aufgewachsen war, neu zu arrangieren. Das Ergebnis ist auf dem Album „Wings
of Love“ zu hören.
## Legendäres Album von The Jazz Workshop
Albert Piamenta taucht auch auf einer weiteren Veröffentlichung von Fortuna
wieder auf: [3][Mezare Israel Yekabtzenu] („Wer Israel zerstreut hat, wird
uns wieder sammeln“ – ein Titel, der auf einem Vers aus dem Buch Jeremia
basiert). Das Album wurde ursprünglich 1971 vom Quartett The Jazz Workshop
aufgenommen, dem neben Piamenta auch der Pianist Danny Gottfried, Bassist
Teddy Kling und Drummer Jerry Gravel angehörten.
Das Album gilt als das erste in Israel aufgenommene instrumentale
Jazzalbum. Es ist ein wegweisender Versuch, eigenständigen israelischen
Sound zu schaffen – also eine Verbindung von US-Jazzelementen mit
orientalischen Melodien. In den frühen 1970ern war das Experiment kein
großer Erfolg, doch in den 2010er Jahren begannen zeitgenössische
israelische Jazzmusiker wie Omer Avital und Omri Mor, in dieselbe
musikalische Kerbe zu schlagen. Die Wiederveröffentlichung auf Fortuna
Records machte weitere Künstler und Jazzfans mit „Mezare Israel“ vertraut.
Die vier von Fortuna beschreiben The Jazz Workshop als das bis heute
obskurste Werk, dass sie wiederveröffentlicht haben. „Es war das erste
richtige Jazzalbum, das jemals in Israel veröffentlicht wurde und es hat
diese superspannende Kombination aus arabischen Melodien und Jazz. Deshalb
wurde es erneut mit viel Unverständnis aufgenommen und ignoriert.“ Wer The
Jazz Workshop von heute aus hört, bekommt definitiv ein Gefühl für die
vielfältige und eklektische Musikszene, die sich im Israel der frühen
1970er entwickelt hatte.
Die nächste Fortuna-Veröffentlichung war eine echte Preziose, das einzige
Album von Grazia, einer Mitte der 1970er gefragten Hochzeitssängerin, die
auf Türkisch und Griechisch sang. Ihr Album „Grazia“ (1978) beleuchtet
einen anderen Aspekt der israelischen Kultur, und diese Musik war bei der
Erstveröffentlichung sowohl in Israel als auch im Ausland auch bei
Familienfeiern beliebt.
In jener Zeit grassierte das Discofieber und auch die damals erst
16-jährige Künstlerin Grazia war davon hörbar beeinflusst. „Sie integrierte
Discoelemente und Synthesizersounds völlig selbstverständlich in ihre
traditionelle türkische Musik, aber kommerziell floppte dieser Mix“, sagte
Bar in einem Interview mit Haaretz. „Für Discofans war ihr Ansatz zu
orientalisch und für Liebhaber türkischer Musik war Grazia zu sehr Disco.“
Während sie in Vergessenheit geriet, erlangte ihr Soloalbum bereits in den
1990ern auf dem Raritätenmarkt den Status einer äußerst wertvollen Scheibe.
Etwa 2015 stieß man bei Fortuna eher zufällig auf das Werk des
libanesischen Komponisten und Keyboarders Ihsan Al-Munzer, eines erfahrenen
Studiomusikers, der auch mit [4][Superstar Fairuz] spielte und Ende der
1970er Jahre eine Handvoll Instrumentals aufnahm. In dem Versuch, mit
Fortuna Records, die aufgrund der Konflikte im Nahen Osten eingeschlafene
musikalische Levante wiederzubeleben, gelang es ihnen, Al-Munzers Werke
aufzuspüren und seinen Manager zu kontaktieren, um offiziell die
Veröffentlichungsrechte zu erhalten.
## Unverwechselbarer nahöstlicher Groove
Nach der Wiederveröffentlichung zweier Stücke von Al-Munzer als 12inch,
begann Fortuna auch an einem Werk namens „Voix de L'Oriente“ zu arbeiten.
Dafür gewannen sie die Unterstützung von zehn libanesischen Künstlern, die
davon überzeugt waren, dass dieser unverwechselbare nahöstliche Groove ein
neues Leben verdiente. Fortuna remasterte Al-Munzers Album und bereitete es
für die Veröffentlichung vor – bis das Projekt im Libanon Aufmerksamkeit
erregte und eine Shitstormwelle auslöste. Al-Munzer wurde beschuldigt, mit
Israelis zusammenzuarbeiten. Um den betagten Musiker vor ernsthaften
Konsequenzen zu schützen, legte Fortuna das Albumprojekt wieder auf Eis.
Musik zu veröffentlichen – wie eigentlich alles Kulturelle – ist im Nahen
Osten eine stark politisierte Angelegenheit. Die Mitglieder von Fortuna
mussten dies auf schmerzhafte Weise erfahren, insbesondere nach dem Angriff
der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg in
Gaza. Sechs Jahre lang sendeten die DJs von Fortuna regelmäßig eine
monatliche Programmstunde beim britischen Internetradio NTS und pflegten
ein kollegiales Verhältnis zu den Verantwortlichen in London. Unmittelbar
nach dem 7. Oktober 2023 wurde diese Beziehung jedoch abrupt beendet und
ihre Sendung ersatzlos gestrichen.
Nach Jahren von künstlerischem Erfolg und Aufmerksamkeit in aller Welt kam
die Fortuna-Reise durch die drastische Polarisierung in aller Welt nahezu
zum Stillstand. Seit 2023 hat Fortuna kein neues Album mit Musik aus Nahost
mehr veröffentlicht und die Macher konzentrieren sich auf DJ-Auftritte bei
lokalen Partys in Tel Aviv. „Das Ganze sollte hauptsächlich Spaß machen und
uns einen romantischen Kick geben, Fortuna diente keinesfalls dem großen
Geld“, erklärten die DJs in einem Interview mit Haaretz. „Wir dachten, es
wäre besser, eine Weile aufzuhören, bis der Sturm vorüberzieht, aber das
scheint nicht zu passieren.“ Es ist ein Jammer.
24 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=8LiGDcZ4Opk
(DIR) [2] /Israels-Gesellschaft-nach-dem-7Oktober/!6147040
(DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=7-A_NkEaSg8&list=PLaHFQQiLqe74OGgsRKxuIieRIrl7zd2vi
(DIR) [4] /Star-der-arabischen-Musik/!6050756
## AUTOREN
(DIR) Janan Basoul
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