# taz.de -- Proteste gegen Lebenshaltungskosten: Wenn alles zu teuer wird
       
       > Nicht nur in Frankreich gibt es Proteste, auch in Belgien, Portugal,
       > Italien und Albanien gehen die Menschen auf die Straße. Ein Überblick der
       > Geschehnisse.
       
 (IMG) Bild: Demonstrant in Tirana, Albanien: Die Proteste richteten sich zunächst gegen schlechte Studienbedingungen und hohe Studiengebühren
       
       afp/rtr/dpa | Neben den Großprotesten in Frankreich kam es auch in anderen
       europäischen Ländern in den vergangenen Tagen zu Protesten. In der
       portugiesischen Hauptstadt Lissabon gingen am Samstag Zehntausende unter
       anderem wegen der sich verschärfenden Wohnungskrise auf die Straßen. In
       Italien setzte die Polizei in Mailand Tränengas und in Bologna Wasserwerfer
       gegen Demonstranten ein. In der belgischen Hauptstadt Brüssel protestierten
       vor allem junge Menschen gegen steigende Bildungskosten, es gab aber auch
       Proteste gegen die hohen Lebenshaltungskosten. Die Forderung nach besseren
       Bildungsbedingungen treibt auch die Jugend in Albanien auf die Straße. Ein
       Überblick.
       
       Belgien: Polizei setzt Tränengas gegen Jugendliche ein
       
       In Belgien hat die Polizei Tränengas und Wasserwerfer eingesetzt, um
       Teilnehmer von Protesten gegen die hohen Lebenshaltungskosten
       auseinanderzutreiben. In der Hauptstadt setzten die Beamten Tränengas gegen
       Jugendliche ein, die Flaschen und andere Gegenstände warfen, wie ein
       AFP-Journalist am Samstag berichtete. Nach Angaben der Polizei gab es etwa
       zehn Festnahmen.
       
       Zu der Kundgebung, an der mehrere hundert Menschen teilnahmen, war zuvor in
       Onlinediensten aufgerufen worden. Der Protestmarsch war schließlich von den
       Behörden genehmigt worden. Polizeiangaben zufolge wurden Wasserwerfer
       eingesetzt, um Gruppen zu zerstreuen, die Feuerwerkskörper und brennbare
       Flüssigkeiten warfen. Die Demonstranten setzten Mülltonnen und E-Scooter in
       Brand und verwüsteten ein Büro der Sozialistischen Partei.
       
       Auch in Lüttich setzte die Polizei Wasserwerfer ein, um kleinere Gruppen
       von Demonstranten aufzulösen. In der Stadt im Osten Belgiens waren bereits
       vor zehn Tagen bei Protesten Demonstranten und Einsatzkräfte
       aneinandergeraten.
       
       In Belgien kommt es seit einigen Wochen zu Protesten gegen höhere
       Studiengebühren. Das Innenministerium macht „organisierte Gewalt“ für die
       Unruhen verantwortlich.
       
       Portugal: Zehntausende protestieren gegen hohe Lebenshaltungskosten
       
       Im Zentrum von Lissabon haben ‌am Samstag ‌zehntausende Menschen gegen
       stark gestiegene Lebenshaltungskosten und die Wohnungskrise in Portugal
       demonstriert. Zu der Kundgebung hatte die landesgrößte Gewerkschaft CGTP
       aufgerufen. Ihren Angaben zufolge waren mehrere zehntausend Aktivisten in
       der Hauptstadt. Die Polizei gab keine Schätzungen ab.
       
       Der Demonstration waren bereits Tage wachsender Unruhe vorausgegangen. In
       der Stadt Porto hatte die Polizei am Montag im Morgengrauen ein Zeltlager
       ‌von Aktivisten geräumt. Die Proteste in Portugal fallen mit ähnlichen
       Kundgebungen in anderen europäischen Ländern zusammen. Auch in Frankreich
       und Belgien gingen Menschen gegen steigende Kosten auf die Straßen, während
       in Albanien bei Massenprotesten der Rücktritt des Ministerpräsidenten
       gefordert wird.
       
       Die Demonstranten in Lissabon beklagten vielfach, die niedrigen Löhne
       würden nicht mit den explodierenden Preisen mithalten und viele Menschen in
       dem EU- und Nato-Mitgliedsstaat kämen kaum noch über die Runden. Die
       Proteste erhöhen den Druck auf die Mitte-Rechts-Regierung. Der Minister für
       parlamentarische Angelegenheiten, Carlos Abreu ‌Amorim, hatte am Freitag
       erklärt, die Regierung werde dem Druck der Straße nicht nachgeben. Es seien
       bereits konkrete Maßnahmen auf den Weg gebracht worden.
       
       Besonders in den Großstädten ist die Lage ⁠auf dem Wohnungsmarkt
       angespannt. Die Immobilienpreise haben sich seit 2017 mehr als verdoppelt,
       die Mieten für Neuverträge stiegen in ähnlichem Ausmaß. Die 26-jährige
       Doktorandin Carolina Cruz, die nach eigenen Angaben mit einem Stipendium
       ‌auf rund 1.300 ‌Euro im Monat kommt, fürchtet um ihre Wohnung. Bei ⁠einer
       Verlängerung des Mietvertrags könne die Miete im Raum Lissabon von derzeit
       rund 700 Euro auf über 1.200 Euro steigen, sagte sie. ‌Der 62-jährige
       Lehrer Pedro Penilo warf der ‌Regierung vor, den Bezug zur Realität
       verloren zu haben. Das Leben sei unglaublich teuer geworden und er sorge
       sich um die anstehende ‌Anpassung seiner Hypothek.
       
       Italien: Tausende Schüler und Studenten protestieren gegen Meloni
       
       In mehreren italienischen Städten haben am Freitag tausende Schüler und
       Studenten gegen die Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni
       demonstriert. Ein AFP-Fotograf berichtete, dass die Polizei bei Protesten
       im norditalienischen Turin nach Steinwürfen Wasserwerfer und Tränengas
       einsetzte. Auch in der Hauptstadt Rom kam es zu kleineren
       Auseinandersetzungen.
       
       In Rom zogen mehrere tausend junge Menschen vom Kolosseum zum rund drei
       Kilometer entfernten Bildungsministerium. Die Proteste richteten sich unter
       anderem gegen die Bildungs- und Verteidigungspolitik der rechtsgerichteten
       Regierung. Das Kabinett Meloni will unter anderem den Anteil ausländischer
       Schüler ohne ausreichende Italienischkenntnisse pro Schulklasse auf 30
       Prozent begrenzen.
       
       In Turin beteiligten sich auch Lehrkräfte, die höhere Gehälter und mehr
       Personal forderten. Wie italienische Medien berichten, haben Protestierende
       in der Stadt bereits rund zehn Schulen besetzt.
       
       Auch in Mailand, Florenz, Bologna und Genua gingen junge Menschen auf die
       Straße. In mehreren Städten protestierten Studierende zudem mit Zeltlagern
       gegen hohe Kosten für das Wohnen und Studieren.
       
       Die Proteste fallen in eine Phase steigender Lebenshaltungskosten. Nach
       Angaben des Statistikamts Istat stieg die Inflationsrate im September auf
       4,2 Prozent, insbesondere wegen höherer Treibstoffpreise. „Italien befindet
       sich in einer dramatischen wirtschaftlichen und sozialen Krise“, sagte der
       Generalsekretär der Gewerkschaft CGIL, Christian Ferrari, der
       Nachrichtenagentur AFP.
       
       In dieser Woche hatten bereits Bauern und Transportunternehmer in Apulien,
       Kalabrien und Sizilien Straßen blockiert, um gegen die gestiegenen
       Treibstoffpreise zu protestieren. Die Blockaden behinderten
       Getreidelieferungen und könnten dadurch die Nudelproduktion
       beeinträchtigen. Der Transportverband Conftrasporto drohte mit einer
       landesweiten Blockade.
       
       ## Gewalttätige Ausschreitungen vor allem in Mailand
       
       Am Samstag kam es am Rande friedlicher Demonstrationen zu gewalttätigen
       Ausschreitungen. Betroffen war vor allem die norditalienische Metropole
       Mailand, wo schwarz gekleidete, vermummte Jugendliche die Polizei auf der
       zentralen Piazza Duomo mit Feuerwerkskörpern und Flaschen bewarfen sowie
       Barrikaden errichteten, wie die Nachrichtenagentur Ansa meldete. Die
       Polizei habe sich zunächst zurückziehen und auf Verstärkung warten müssen.
       
       Auch in anderen Städten wie Turin, Bologna und Bergamo kam es demnach zu
       Zusammenstößen, bei denen Steine und Feuerwerkskörper auf die Polizei
       geworfen wurden. Allein in Mailand seien mindestens vier Polizisten und 20
       Demonstranten verletzt sowie über 50 Jugendliche festgenommen worden. Die
       Hälfte von ihnen war minderjährig, wie Ansa weiter berichtete.
       
       Albanien: Seit Tagen andauernde Proteste gegen die Regierung
       
       Bei Demonstrationen für bessere Bildungsbedingungen und gegen die Regierung
       am fünften Tag in Folge ist es am Samstag in Albanien erneut zu gewaltsamen
       Ausschreitungen gekommen. Protestierende griffen vor dem
       Bildungsministerium in der Hauptstadt Tirana Polizisten mit Steinen an und
       setzten Mülltonnen in Brand. Erstmals bei den seit fünf Tagen andauernden
       Demonstrationen setzte die Polizei laut dem Bericht eines Korrespondenten
       der Nachrichtenagentur AFP Gummigeschosse ein, um die Menge
       auseinanderzutreiben.
       
       An der neuerlichen Demonstration nahmen mehrere hundert Menschen teil. Zu
       Beginn setzten sie einen Koffer in Brand und warfen ihn auf das Gelände des
       Bildungsministeriums – nach eigenen Angaben als Zeichen, dass sie Albanien
       nicht verlassen wollen. Später kam es zu den gewaltsamen Zusammenstößen mit
       der Polizei.
       
       Seit Dienstag gibt es in Tirana und anderen albanischen Städten
       gewalttätige Demonstrationen. Die Proteste richteten sich zunächst gegen
       schlechte Studienbedingungen und hohe Studiengebühren, inzwischen wird der
       Rücktritt der Regierung von Ministerpräsident Edi Rama gefordert.
       
       Die Regierung steht massiv unter Druck, seit Ende Mai sieht sie sich immer
       wieder mit Protesten konfrontiert. Auslöser waren Pläne für ein
       Luxus-Hotelprojekt in einem Küstennaturschutzgebiet. Das Projekt steht mit
       der Tochter von US-Präsident Donald Trump, Ivanka Trump, und ihrem Ehemann
       Jared Kushner in Zusammenhang und wird wegen Korruptionsvorwürfen und
       mangelnder Transparenz heftig kritisiert.
       
       18 Oct 2026
       
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