# taz.de -- Studentenproteste in Albanien: Pyrotechnik statt rosa Flamingos
       
       > Was im Mai als friedlicher Protest gegen ein Luxusresort begann, legt
       > jetzt Tiranas Innenstadt in Schutt und Asche: Die Jugend hat die Nase
       > voll von Warten.
       
 (IMG) Bild: Die Proteste in Tirana und anderen Städten werden härter, auf beiden Seiten. Polizisten feuern am Donnerstag Tränengas ab
       
       Das Justizministerium steht in Flammen. Unbeeindruckt zieht der Protestzug
       von Tiranas zentralem Skanderbeg-Platz über eine der Prachtstraßen. Schwarz
       vermummte junge Männer und Frauen prügeln auf Ampeln ein, zünden Mülleimer
       an. Pyrotechnik explodiert.
       
       Plötzlich beginnt die Menge zu rennen; die Polizei rückt mit schweren
       Wasserwerfern an. Die erste Tränengasgranate fliegt. Protestierende
       flüchten in Seitengassen. Wer kann, rettet sich in eines der Restaurants.
       In der kleinen Pizzeria Pomo d’oro mischen sich jetzt Vermummte unter die
       Gäste.
       
       Der dortige Kellner Gzim ist vorbereitet. Mit einem Messer öffnet er die
       Packung einer Kochsalzlösung; wäscht Tränengas aus den Augen der
       Protestierenden. Er verteilt Wasser. Kaum ist die Lage ruhiger, arbeitet er
       weiter. Die Dauerproteste sind in Tirana seit über 140 Tagen der neue
       Alltag.
       
       Begonnen haben die Proteste im Mai. Anlass war das Vorhaben der Regierung,
       streng geschützte Küstengebiete [1][für ein milliardenschweres Luxusresort
       von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner freizugeben] – mitten in der
       Lagune von Narta, einem bedeutenden Rückzugsgebiet von Rosa Flamingos.
       
       ## Von rosa Plastikflamingos zum Tränengas
       
       Was als friedliche Aktion von Naturschützern begann, die mit Plastikvögeln
       vor dem Parlament demonstrierten, [2][wuchs zu einer Massenbewegung heran].
       Der Flamingo avancierte zum Symbol des Widerstands gegen den Ausverkauf der
       Heimat, Investorendeals und die Korruption im Land. Als die Polizei erste
       Proteste gewaltsam räumen ließ, schlug der ökologische Unmut in offene Wut
       um.
       
       Am 13. Oktober kommt es in Tirana erstmals zu Ausschreitungen. Das
       Bildungsministerium gerät in Brand. Protestierende dringen auch in das
       Finanzministerium ein, zünden Unterlagen an. Einen Tag später, am 14.
       Oktober, brennt das Justizministerium. Seither zersplittern die
       Protestgruppen und Scheiben in der Innenstadt.
       
       Aus der „[3][Flamingo-Revolution]“ ist der landesweite Aufstand einer
       perspektivlosen Jugend geworden, die nicht mehr nur den Schutz der Lagunen
       verlangt, sondern den Rücktritt der gesamten politischen Führung. Parolen
       und Graffiti lassen keinen Zweifel daran.
       
       In einem braunen Blazer steht am 15. Oktober auch Marjana Koçeku,
       Abgeordnete des albanischen Parlaments, auf der Straße zwischen
       Rauchwolken. „Was hier in Albanien geschieht, ist unglaublich; es ist ein
       Zeichen der Hoffnung“, sagt sie.
       
       Koçeku ist parteilos. Sie wuchs zwischen Shkodër und einem Bergdorf in
       Nordalbanien auf. Bekannt wurde sie in den sozialen Medien als
       „Neomalësorja“, heißt: „die neue Bergbewohnerin“. Bei der Wahl im Mai 2025
       zog sie für die sozialistische Partei von Edi Rama ins Parlament ein. Am
       14. Juni 2026 verließ sie die sozialistische Fraktion wegen der
       Umweltpolitik der Regierung. Seitdem fordert auch sie Neuwahlen.
       
       ## „Wir protestieren für unsere Rechte“
       
       Sie sagt: „Die Protestierenden verlangen bessere Lebensbedingungen, mehr
       Würde sowie einen sichereren und lebenswerteren Ort – gerade jetzt, wo wir
       uns der Europäischen Union annähern“. Auf legislativer Ebene fordert sie,
       „die Aufhebung von Gesetzen in Bezug auf strategische Investoren und
       Schutzgebiete; sowie Aufhebung der Gesetze, die es extrem wohlhabenden
       Personen ermöglichen, privates und öffentliches Land zu erwerben –
       albanisches Land darf überhaupt nicht verkauft werden“.
       
       Auch die 21-jährige Englischstudentin Dorina Vukaj ist heute auf der
       Straße. Sie sagt: „Wir protestieren für unsere Rechte – für bessere
       Bildung, für ein besseres Wirtschaftssystem.“ Mit Schwimmbrille und
       Atemmaske geschützt zieht sie mit einer Freundin weiter.
       
       Gzim macht sich währenddessen für einen neuen Abend in der Pizzeria bereit.
       Er wird wieder denen helfen, die Hilfe suchend die Pizzeria aufsuchen.
       Albanische Gastfreundschaft nennt er das. Er findet: „Es wird langsam
       gewalttätig, aber wir protestieren nun schon seit 140 Tagen in Folge, also
       … Man hört uns einfach nicht zu. Wir haben die Nase voll.“
       
       Ladenbesitzer, deren Scheiben zersplittert und deren Waren geplündert
       worden sind, dürften die Proteste anders einschätzen. Ein alter Mann, der
       nicht reden möchte, sitzt auf einem Stuhl vor seinem zerstörten Laden.
       
       15 Oct 2026
       
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