# taz.de -- „Die Holländerinnen“ am DT Berlin: Unendliche, unaussprechliche Bedeutung
> Jan Friedrich inszeniert Dorothee Elmigers „Die Holländerinnen“ texttreu
> am Deutschen Theater in Berlin. Drei Stunden lang spielen sich die
> Schauspieler:innen dabei in den Wahn hinein.
(IMG) Bild: Spiegelung einer Zähmung: Pferd (Moritz Kienemann) und Reiter (Andri Schenardi)
Es gibt Gründe, warum es nicht hundert Worte für Angst gibt. Gründe, die
mit dem Zusammenbruch von Gesellschaften zusammenhängen, mit Grenzen.
Grenzen, die, in der Sprache gezogen, sich auf die Welt übertragen. Der
Konjunktiv ist dabei eine Art sprachlicher Türöffner, er verwischt die
Unterschiede zwischen dem, was passiert, und dem, was passieren könnte, was
passiert sein könnte. Eine Möglichkeitsform, ein Nicht-sicher-Sein.
[1][Dorothee Elmigers Roman „Die Holländerinnen“] ist beinahe durchgängig
im Konjunktiv gehalten, er nimmt seinen Anfang am Rednerpult, wo die
Erzählerin über eine Reise in den lateinamerikanischen Dschungel und eine
tiefgreifende Irritation referiert. Jan Friedrich, der den Roman nun im
Deutschen Theater in Berlin auf die Bühne brachte, hat Mut zur Texttreue
bewiesen, hat das Erzählte in seiner Möglichkeitsform belassen. Was
folgerichtig ist, denn was in diesem Dschungel geschehen ist, das ist nicht
unbedingt das, was erzählt wird.
Geschehen ist zunächst folgendes: Eine Gruppe an Menschen, darunter die
Erzählerin (Carmen Steinert), reist in den Dschungel, um dem realen Fall
zweier vermisster Frauen auf den Grund zu gehen. Eben jene Holländerinnen
waren einst nach einer Wanderung verschwunden, gefunden wurde lediglich ein
Rucksack samt der Digitalkamera der Frauen, auf der sich 91 Fotos fanden,
die scheinbar nichts außer den dunklen Nachthimmel zeigten.
Angeleitet wird die Gruppe von einem deutlich an [2][Werner Herzog]
angelehnten Theatermacher (einem sich zusehends warmspielenden Moritz
Kienemann), der im Dschungel die große „Theatermaschine“ bauen will. Eine
große Recherche unternimmt, „eine Recherche, die nur in der Wiederholung,
der Nachbildung der Ereignisse geschehen könne, ja, es gehe, wie stets am
Theater, darum, die Dinge am eigenen Leib zu erfahren“.
## Nachbildung persönlicher Erschütterungen
Zunächst begibt man sich dabei nicht an die Rekonstruktion des Falls,
sondern an die Nachbildung persönlicher Erschütterungen, die, wie alles,
was hier geschehe, im Kontext der Holländerinnen verstanden werden müsse,
so der Theatermacher.
Zur Sprache kommt etwa die so unheimliche wie delphische
„Ziegengeschichte“, die eine mitgereiste Schweizerin (Julia Gräfner)
erzählt, in der sich die versuchte Kindszeugung eines Bauern mit der
nächtlichen, dutzendfachen Niederkunft in seiner Ziegenherde kreuzt. Oder
die Begegnung des amerikanischen Kameramanns Tepper (Manuel Harder) mit
einem Schweizer Landwirt (Andri Schenardi), dem Tepper eine geradezu
erotische Lust an der Unterwerfung seines Mustangpferds zuschreibt; eine
Lust, die Tepper erst in die Verzweiflung und dann zu einer Prostituierten
treibt, verlangt die beobachtete Zähmung doch nach mimetischer Spiegelung
im Bordell.
Es sei das Erzählen an sich, was die Dunkelheit vertreibe, so heißt es an
einer Stelle an diesem Abend, doch das ist nicht wahr, im Gegenteil. Erst
das Erzählen beschwört diese Dunkelheit, lässt sie so groß werden, das sie
Erzähler:innen wie Zuschauer:innen verschluckt, um sie dann eine
Ebene tiefer wieder freizugeben.
Großartig übrigens die Übersetzung dieser Schichtung ins Bühnenbild (Louisa
Robin), das sich von einem getäfelten Auditorium immer weiter nach hinten
ins Mobiliar, in zu kleine und zu große Räume, in den Urwald entblättert
und dabei mithilfe der immer neu zur Anwendung kommenden Kameras zerfetzt
und gespiegelt wird. Auch die Spannungskurve ist dabei regelrecht
invertiert. Am Anfang sprechen die Irritation und das Entsetzen aus den
Figuren, am Ende weiß man: „Unaussprechlich“ bedeutet nicht „schrecklich“.
## Fokus auf patriarchale Gewalt
Dass es keinen Schrecken ohne Gewalt und im Konkreten zumeist keinen
Schrecken ohne patriarchale Gewalt gibt, das wird an diesem Abend auch
deutlich. Wobei auf diesen Aspekt an anderer Stelle noch nachdrücklicher
hingewiesen wurde, nämlich bei der Uraufführung der „Holländerinnen“ in
Magdeburg vor wenigen Wochen, unter Regie von Clara Weyde. In der
sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt kam man gänzlich ohne Männer auf der
Bühne aus. Der Protest, dass es immer die Frauen seien, die in Sagen wie
Krimis geopfert würden, fiel so lauter aus, auch der Überlegung, dass es
womöglich ein sexueller Übergriff war, der zum Tod der beiden
Holländerinnen führte, ging man eindrücklich nach.
Das also ist auch Erzählen: Während in Elmigers Roman unmöglich Wichtiges
von Unwichtigem zu trennen ist, Bedeutung erst durch den Bedeutungsverlust
aller die Erzählerin umgebenden Zeichen entsteht, muss Bedeutung an diesem
Abend naturgemäß über die Darstellung des Erzählten hergestellt werden.
Über die Auswahl der auf die Bühne gebrachten Episoden, das Weglassen
anderer.
Es ist der schauspielerischen Leistung zu verdanken, dass fast der Eindruck
entsteht, es könnten an einem anderen Abend auch ganz andere Erzählungen
sein, die ihren Weg aus dem Roman ans Deutsche Theater finden, dass die
Bedeutung auch aus dem Spontanen und Zufälligen entsteht. Die
Theatermaschine, sie läuft also, sie läuft wie geschmiert, auch nach drei
Stunden noch mit voller Kraft.
18 Oct 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Julia Hubernagel
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