# taz.de -- Jan Gerbers Buch „Fluchtpunkt Entebbe“: Antisemitische Ressentiments, notdürftig kaschiert
> In den Siebzigern und Achtzigern agierten große Teile der radikalen
> Linken in ihrem Antizionismus oft offen antisemitisch, legt der
> Historiker in „Fluchtpunkt Entebbe“ dar.
(IMG) Bild: Am 23. Dezember 1991 explodierte in Budapest eine Autobombe. Das Ziel: ein Bus mit sowjetischen Jüdinnen und Juden
Am 23. Dezember 1991 explodiert nahe dem Budapester Flughafen eine
Autobombe. Gelegt haben sie Terroristen der „Bewegung zur Befreiung
Jerusalems“. Das Ziel: ein Bus mit sowjetischen Jüdinnen und Juden, die
über Ungarn nach Israel ausreisen wollen. Einer der Täter ist Horst Ludwig
Meyer, der wahrscheinlich der Roten Armee Fraktion (RAF) angehört, auf
jeden Fall aber zu deren Umfeld zählt.
22 Jahre zuvor, am 9. November 1969, platzieren die linksradikalen
Tupamaros West-Berlin im jüdischen Gemeindehaus der Stadt eine Bombe. Sie
soll während der Gedenkfeier zum Jahrestag der Reichspogromnacht
explodieren. Beide Anschläge hätten Dutzende von Todesopfern zur Folge
haben können, verfehlen aber zum Glück ihr Ziel. In Budapest werden zwei
Polizisten verletzt, in der Charlottenburger Fasanenstraße kommt niemand zu
Schaden, weil der Zünder versagt.
Die beiden Attentate markieren einen Zeitraum, in der militante, bewaffnete
Organisationen in der BRD eine gewisse politische und gesellschaftliche
Relevanz besaßen: die RAF, die Revolutionären Zellen (RZ), die Bewegung 2.
Juni, diverse autonome Gruppierungen. Zugleich erinnern die Anschläge
daran, dass große Teile der radikalen Linken palästinensischen Bewegungen
politisch nahestanden und in ihrem Antizionismus oft offen antisemitisch
agierten.
Heute sind RAF, RZ und Co Geschichte, doch das ideologische Fundament, das
sie mit geschaffen haben, erscheint in den Mobilisierungen um den
israelisch-palästinensischen Konflikt präsenter zu sein als damals. Das
Problem endete nicht mit dem Budapester Anschlag. Im Gegenteil.
## Der linke Terrorismus und Israel
Deshalb ist das Thema des Buches „Fluchtpunkt Entebbe – der linke
Terrorismus und Israel“ von Jan Gerber, das jüngst in der Edition Tiamat
erschienen ist, auch heute noch sehr aktuell. Bei der Flugzeugentführung
durch ein palästinensisch-deutsches Kommando, an der zwei RZ-Mitglieder
beteiligt waren, wurden Israelis und andere Jüdinnen und Juden von den
übrigen Passagieren getrennt und als Geiseln festgehalten.
Der Historiker und Politikwissenschaftler Gerber hat eine klare These: Für
ihn ist die Selektion von Entebbe nur ein Schnittpunkt, in dem das
Verhältnis bewaffneter deutscher Linker zu Israel kulminiert.
Gerber erinnert an die gemeinsamen Kommandos deutscher Militanter mit
palästinensischen Organisationen und die Ausbildung, die militante Linke
wie auch deutsche Rechtsradikale in deren Lagern erhielten. Der Autor
zitiert Äußerungen der Stadtguerilla, die keinen Interpretationsspielraum
lassen.
## Ulrike Meinhof und der „Schwarze September“
Etwa Ulrike Meinhof, die vor dem Sechstagekrieg 1967 den jüdischen Staat
verteidigte, dann aber das Attentat des „Schwarzen Septembers“ auf die
israelische Olympia-Mannschaft 1972 in München als „antiimperialistisch,
internationalistisch und antifaschistisch“ feierte. Bei dem Anschlag
starben unter anderem elf israelische Sportler.
Wesentlich umfangreicher als Gerbers Sammlung der RAF-Aktivitäten fällt die
der RZ aus. Ein regelrechtes Gruselkabinett: Immer wieder führen
RZ-Mitglieder terroristische Aktionen mit der palästinensischen PFLP oder
dem Venezolaner Ilich Ramírez Sánchez, bekannt als Carlos, durch. So
beteiligen sie sich etwa am Panzerraketenbeschuss einer El-Al-Maschine auf
dem Flughafen Paris-Orly. In Deutschland greifen Revolutionäre Zellen
Firmen an, die israelische Waren vertreiben, fabulieren von „weltweiten
Angriffen der amerikanisch-israelischen Herrenrasse“ und sprechen 1979 vom
„faschistischen Genozid“ am palästinensischen Volk.
Auch Aktionen gegen Heinz Galinski, den damaligen Vorsitzenden der
jüdischen Gemeinde Berlins, werden seitens der RZ erwogen. „Keine deutsche
Stadtguerillagruppe verband antizionistische Ideologie und praktische
Kooperation mit palästinensischen Organisationen so vehement wie die
Revolutionären Zellen“, resümiert Gerber.
## Antiimperialistisches Weltbild
Zu Recht führt der Autor diese Haltung auf ein antiimperialistisches
Weltbild zurück, das damals auch von den meisten der übrigen radikalen
Linken geteilt wird, von Autonomen ebenso wie von kommunistischen
Splitterparteien. Mangels revolutionärer Subjekte im eigenen Land habe man
sich auf den fernen Befreiungsnationalismus konzentriert, Herrschaft sei
vor allem als Fremdherrschaft imperialistischer Mächte über unterdrückte
Völker analysiert worden.
Gehe es dann um den Nahen Osten, kämen schnell antisemitische Muster ins
Spiel. Das bestätigen aktuelle Verlautbarungen, in denen
antiimperialistische und postkoloniale Fragmente oft Hand in Hand gehen.
So weit, so schlecht. Allerdings entwirft Gerber ein recht statisches,
eindimensionales Bild der damaligen Linken. Es waren die Revolutionären
Zellen, die bereits 1981 die nationalistischen, antiamerikanischen Ansätze
der Friedensbewegung kritisierten. Seit Entebbe gab es unter den RZ-Gruppen
heftige Debatten über das Verständnis von Internationalismus, was in einer
politischen Spaltung mündete.
## Kampagne gegen rassistische Flüchtlingspolitik
Auch daraus resultierte Mitte der 1980er Jahre eine Kampagne
sozialrevolutionärer Zellen gegen rassistische Flüchtlingspolitik, in der
sie das klassische Verständnis antiimperialistischer Politik kritisierten.
Es ging darum, ein freies Aufenthaltsrecht von Flüchtlingen und Migranten
durchzusetzen, Abschiebungen zu verhindern und Netzwerke zur Unterstützung
zu schaffen – Themen, die damals in der Linken nicht so selbstverständlich
waren wie heute.
[1][Nicht zuletzt setzten sich Gruppen der RZ in ihrem Papier „Gerd
Albartus ist tot“ 1991 kritisch mit der Kooperation mit palästinensischen
Organisationen auseinander und kritisierten „antisemitische Ressentiments“,
die „notdürftig mit nationalrevolutionären Definitionen kaschiert werden“.]
Sie hätten Israel nicht mehr aus der Perspektive des nazistischen
Vernichtungsprogramms und als Zuflucht für die Überlebenden gesehen, heißt
es in der Selbstkritik.
Solche Aussagen mögen heute für viele selbstverständlich klingen. Damals
waren sie Ausgangspunkt für Debatten, die auch dazu beitrugen, dass nun
zumindest ein Teil der Linken mit einem antisemitismuskritischen Blick auf
den palästinensisch-israelischen Konflikt schaut. In den meisten
Weltregionen ist das nicht so.
## Antisemitische Exzesse und binäre Weltbilder
Hier soll nicht sehnsüchtig den RZ oder „guten alten Zeiten“ nachgetrauert
werden, wie Jan Gerber es mit Blick auf einige „Altautonome“ formuliert.
Die von ihm aufgezeigten antisemitischen Exzesse sind durch nichts zu
rechtfertigen und werfen einen Blick auf das gesamte Elend vieler Linker:
auf binäre Weltbilder, die einen fundierten Begriff von Herrschaft und
Macht vernebeln, auf Verschwörungstheorien, die einfache Lösungen
versprechen oder auf einen Kulturrelativismus, der sogar islamistische
Terrorregimes legitimiert.
Allerdings sind seit der Veröffentlichung der letzten RZ-Texte 35 Jahre
vergangen, und der Blick auf linken Antisemitismus hat sich dank dieser
Diskussionen geschärft – auch wenn heute „Globalize the Intifada“-Rufe auf
der Straße en vogue sind.
Gerber setzt sich zwar mit den selbstkritischen Texten wie der
Albartus-Erklärung auseinander, kommt allerdings zu dem Schluss, dass es
sich dabei lediglich um eine „Modernisierung des Antizionismus“ handele.
Daran mag manches wahr sein. Aber er ignoriert, dass die kritische
Auseinandersetzung über das Thema gerade erst begonnen hatte.
Im Duktus des Autors erscheinen diese ersten selbstkritischen
Auseinandersetzungen jedoch als Erklärungsversuche, die an einem
antiimperialistischen Weltbild festhielten, das antisemitisch durchsetzt
war und jegliche Dynamik zum Besseren ausschließt. Das mag die eigene
Analyse bestätigen, aber hilft es auch weiter?
## Was haben RAF und RZ zum Antisemitismus heute beigetragen?
Natürlich stellt sich trotzdem die Frage: Was haben RAF, RZ und Co dazu
beigetragen, dass eine antisemitisch konnotierte Haltung im
israelisch-palästinensischen Konflikt heute so stark präsent ist? Gerber
liefert zahlreiche Parallelen zu damaligen Positionen – die heute massiver
in Erscheinung treten als zu Zeiten, als sich militante Linke in Libanon am
Gewehr ausbilden ließen.
Dass der Antizionismus, wie der Autor schreibt, damals der kleinste
gemeinsame Nenner der außerparlamentarischen Linken gewesen sei, mag sein.
De facto spielte er aber bis zum Fall der Mauer nie die große Rolle, die er
heute spielt. Dass dem so ist, hängt natürlich auch mit dem brutalen
Agieren der israelischen Regierung zusammen. Jedenfalls fällt es Demagogen
leicht, die komplexe Geschichte des Zionismus darauf zu reduzieren.
Damit lässt sich aber kaum erklären, warum seit dem Hamas-Terror vom 7.
Oktober 2023, wie Gerber zu Recht schreibt, der Antizionismus noch
identitätsstiftender geworden zu sein scheint als in den 1970ern. Immerhin
bezog man sich damals auf palästinensische Organisationen wie die PFLP, die
sozialistische Ziele vertrat. Heute verkörpert etwa die Hamas den radikalen
Gegenentwurf zu jeglichen emanzipatorischen und linken Ideen.
Gerber geht nicht ausführlich auf diesen Wandel ein, und natürlich lässt
sich Antizionismus nicht auf diesen Kontext reduzieren. Aber sowohl damals
als auch heute dient er als Rechtfertigung – oder auch als Vorwand – für
judenfeindliche Angriffe. „Fluchtpunkt Entebbe“ zeigt in erschreckender
Weise auf, dass hier auch Linke keine Grenzen kannten.
23 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Wolf-Dieter Vogel
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