# taz.de -- Was eine Stadt lebenswert macht: Wenn Kapital nicht wertgeschätzt wird
       
       > Was Berlin prägt, ist die Bereitschaft, sich zu engagieren: ehrenamtlich,
       > politisch, kulturell. Eine neue Regierung muss diese Menschen stärken.
       
 (IMG) Bild: Eine Kenia-Koalition ist der Tod des kulturellen Kapitals Berlins
       
       Seit dem Wahlsieg der Linken wird davor gewarnt, dass weniger in Berlin
       investiert wird. Denn die Vergesellschaftungspläne würden private
       Investoren [1][abschrecken]: Man spricht von Kapitalflucht.
       
       Linke Politik und die Möglichkeit, dass sie umgesetzt wird, sorgt in der
       Wirtschaft wohl – so stand es die letzten Wochen in vielen aufgeregten
       Artikeln – für große Unsicherheit. Und wer verunsichert ist, der investiert
       nicht. Das stimmt!
       
       Auch ich kann es mir nicht leisten, in unsichere Verhältnisse zu
       investieren, und weiß aus zahlreichen Gesprächen, dass verschiedene Akteure
       ihr Engagement in und für Berlin zurückziehen, wenn sie keine politische
       Unterstützung finden oder ihre Unternehmungen sogar von Politik und
       Verwaltung blockiert werden. Deshalb ging in den letzten drei Jahren in
       Berlin nichts voran. Rot-Grün-Rot könnte genau das ändern.
       
       Wer aber unter einer progressiven Regierung signifikant mehr in diese Stadt
       investieren würde, ist die Zivilgesellschaft. Diese wurde unter Schwarz-Rot
       auf allen Ebenen [2][entmutigt,] Zeit, Energie und – ja – auch Geld in
       Berlin zu investieren, um das Leben hier in der Stadt zu verbessern. Und
       darum geht es doch, oder? Darum, dass Berlin eine lebenswerte Stadt ist und
       es den Menschen hier besser geht.
       
       ## Von der Politik alleingelassen
       
       Viele, die genau daran arbeiten, haben in den letzten Jahren darüber
       nachgedacht, ihr Kapital aus Berlin zurückzuziehen und anderweitig zu
       investieren. Ehrenamtliche der Berliner Tafeln beispielsweise sind häufig
       überfordert und viele soziale Initiativen fühlen sich von der Politik
       alleingelassen. Wer soll sich noch in der Obdachlosenhilfe engagieren, wenn
       der Senat in diesem Bereich kürzt, und wer in der Suchthilfe, wenn der
       Politik zum Thema Drogen nichts anderes einfällt als Repression?
       
       Kein Wunder, wenn sich viele frustriert zurückziehen. Jede
       Jugendeinrichtung, jede queere Initiative und jedes Umweltprojekt ist
       verunsichert, fürchtet Kürzungen und bekommt Geringschätzung zu spüren.
       
       Genau das Kulturangebot, das Berlin so attraktiv macht und am meisten zum
       internationalen Ruf der Stadt beigetragen hat, wie Freie Szene und
       Subkultur, werden von Vereinen und Einzelpersonen getragen, die unter- bis
       unbezahlt arbeiten, um ein möglichst vielfältiges und aufregendes Programm
       für ihre Stadt zu schaffen.
       
       Es sind nicht nur [3][Kürzungen] im Kulturhaushalt, die dazu führen, dass
       es sich immer weniger Menschen leisten können, in die Kultur zu
       investieren. Die hohen Lebenshaltungskosten – vor allem die Mieten – sorgen
       dafür, dass viele beruflich in Bereiche wechseln müssen, die besser bezahlt
       sind, und dass Ehrenamtlichen weniger Zeit zur Verfügung steht. Viele
       Künstler*innen verlassen bereits die Stadt. Da flieht das kulturelle
       Kapital.
       
       Wer investiert noch in seinen Kiez und gute Nachbarschaft, wenn das
       Mietverhältnis nicht sicher ist? Wer steckt noch Zeit und Geld in
       gesellschaftliches und politisches Engagement, wenn Volksentscheide einfach
       übergangen werden?
       
       Berlin hat seiner starken Zivilgesellschaft viel zu verdanken. Diese wurde
       in den letzten Jahren verunsichert. So wurden die falschen Investoren
       verschreckt. Die Chancen, dass sie unter einer progressiven Regierung
       wieder für mehr Investitionen in die Stadt bereit sind, stehen jedoch gut.
       Wenn Linke, Grüne und auch die SPD sich als verlässliche Partner zeigen.
       
       15 Oct 2026
       
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