# taz.de -- Prostitution Minderjähriger in Hamburg: „Etwa ein Mädchen pro Schulklasse ist gefährdet“
       
       > Eine Beratungsstelle für Mädchen, die von „Loverboys“ zur Prostitution
       > gedrängt werden, hat hohen Zulauf. Leiterin Anne W. fordert frühere
       > Prävention.
       
 (IMG) Bild: Im Visier von Loverboys: Schulmädchen
       
       taz: Anne W., was bedeutet es, wenn Mädchen oder junge Frauen Opfer eines
       Loverboys werden? 
       
       Anne W.: Die Mädchen werden meist über soziale Netzwerke wie Instagram oder
       Snapchat kontaktiert. Die Männer bauen eine Liebesbeziehung auf und bringen
       die Mädchen in eine emotionale Abhängigkeit, mit dem Ziel, sie [1][in die
       Prostitution] zu drängen. Diese Phase kann bis zu einem Jahr dauern. Dann
       erzählen die Männer beispielsweise, sie hätten Geldprobleme oder sich mit
       den falschen Leuten angelegt. Sie bitten die Mädchen, einmal mit einem
       anderen Mann zu schlafen, um ihnen zu helfen. Oder sie reden ihnen ein,
       Prostitution für eine begrenzte Zeit sei nicht schlimm. Sie bräuchten doch
       Geld für ihre gemeinsame Zukunft.
       
       taz: Diese Loverboys sind erwachsene Männer? 
       
       Anne W.: Ja. Teilweise geben sie sich als jünger aus, sind aber deutlich
       älter als die Mädchen. So fällt Eltern das auch auf, die werden skeptisch,
       wenn die 14-jährige Tochter plötzlich einen 25-jährigen Freund hat.
       
       taz: Die Diakonie Hamburg bietet ja seit 2021 mit [2][Fair Love ein
       Projekt] für betroffene junge Frauen an. Wie helfen Sie? 
       
       Anne W.: Zum einen beraten wir Mädchen und junge Frauen im Alter zwischen
       12 und 21 Jahren. Da geht es zunächst um eine Stabilisierung und darum,
       ihren Bedarf zu klären: Brauchen sie eine geschützte Unterkunft? Möchten
       sie Anzeige erstatten? Jeder Fall ist individuell zu betrachten. Wir
       stülpen den Mädchen nichts über.
       
       taz: Also keine Ausstiegsberatung um jeden Preis? 
       
       Anne W.: Nein. Wir setzen die Mädchen nicht unter Druck oder sagen ihnen:
       „Hey, du machst hier was Verbotenes. Hör auf damit.“ Sondern wir gucken,
       dass wir sie in ihrer Lebensrealität abholen und mit ihnen was bewegen. Wir
       arbeiten auch mit Angehörigen und bieten eine Elterngruppe an. Ein stabiles
       soziales Netzwerk erleichtert einen Ausstieg. Außerdem geben wir
       Präventionsworkshops an Schulen und Wohngruppen. Dabei geht es um gesunde
       und toxische Beziehungen sowie die Frage, wie man eigene Grenzen setzt.
       
       taz: Was bewegt die Mädchen, sich an Fair Love zu wenden? 
       
       Anne W.: Jüngere Mädchen kommen meist über Fachkräfte oder Angehörige zu
       uns. Ab 16, 17 Jahren melden sie sich häufiger selbst. Meistens in
       Momenten, wo sie merken, dass sie nicht einzige Frau sind, die für diesen
       Mann arbeitet, dass er es nicht ernst mit ihnen meint. Oder sie wenden sich
       an uns, wenn sie die körperliche Gewalt nicht mehr aushalten.
       
       taz: Die Diakonie berichtet anlässlich des bevorstehenden „Europäischen
       Tags gegen Menschenhandel“ von einem enormen Zulauf. Hatte Fair Love 2024
       284 Beratungen, waren es 2025 mit 487 fast doppelt so viele. Wie kommt das? 
       
       Anne W.: Es sind nicht unbedingt mehr Fälle geworden, sondern das Problem
       ist sichtbarer. Wir waren die erste Anlaufstelle in Deutschland, die sich
       ausdrücklich an Minderjährige richtet. Viele Mädchen würden von sich aus
       gar nicht sagen, dass sie der Prostitution nachgehen oder Opfer von
       Menschenhandel sind. Wir haben auch Behörden auf das Problem aufmerksam
       gemacht. Jahrelang hieß es, Prostitution Minderjähriger gebe es nicht.
       Dabei war das Phänomen nicht verschwunden. Nur ohne Anlaufstelle gab es
       keine Möglichkeit, sich Hilfe zu holen.
       
       taz: Steht hinter jeder der 487 Beratungen ein Fall? 
       
       Anne W.: Nicht unbedingt. Mit manchen Mädchen führen wir mehrere Gespräche.
       Teilweise begleiten wir sie auch zu Hilfeplangesprächen oder zum Gericht.
       
       taz: Landen die Männer vor Gericht? 
       
       Anne W.: Leider viel zu selten, weil die Angst der Betroffenen groß ist.
       Die Loverboy-Methode ist kein eigener Straftatbestand. Es gibt aber
       Anklagen wegen sexueller Ausbeutung Minderjähriger, [3][Zuhälterei] oder
       Körperverletzung.
       
       taz: Was begünstigt diese hohe Zahl an Fällen? 
       
       Anne W.: Vor allem das Internet. Männer müssen Mädchen nicht mehr
       persönlich ansprechen, sondern können über soziale Netzwerke Hunderte
       parallel kontaktieren.
       
       taz: Ist Prostitution Minderjähriger ein Armutsproblem? 
       
       Anne W.: Nein. Die Mädchen kommen aus allen sozialen Schichten. Nach
       unserer Erfahrungen aus den Präventionsworkshops an Schulen ist etwa ein
       Mädchen pro Schulklasse gefährdet. Die Eltern, die sich an unsere
       Elterngruppe wenden, gingen oft bis zur Aufdeckung davon aus, ein gutes
       Verhältnis zu ihrer Tochter zu haben. Aber natürlich beraten wir auch
       Mädchen aus der [4][Kinder- und Jugendhilfe].
       
       taz: Was müsste passieren? 
       
       Anne W.: Wir brauchen mehr Prävention an Schulen, und zwar nicht erst ab
       Klasse neun, sondern deutlich früher.
       
       taz: Stoßen Sie damit bei Hamburgs Behörden auf offene Ohren? 
       
       Anne W.: In den verschiedenen Abteilungen wird das Thema unterschiedlich
       wahrgenommen. Unser Projekt ist inzwischen beim Amt für Familie
       angesiedelt. Das erkennt das Problem an und übernahm auch unsere
       Finanzierung, die anfangs von der „Aktion Mensch“ geleistet wurde.
       
       taz: Müsste man Gesetze ändern? 
       
       Anne W.: Minderjährige zur Prostitution zu bringen, [5][ist bereits
       strafbar]. Auch Freier machen sich strafbar. Deshalb schreiben wir auch
       gezielt Männer an, die auf Kontaktbörsen junge Frauen suchen, und versuchen
       die zu sensibilisieren. Es passiert sogar, dass Freier uns melden, wenn sie
       bei einer Frau waren, bei der sie das Gefühl haben, die ist nicht
       volljährig oder handle nicht freiwillig. Hilfreich wäre eine Kampagne mit
       der Botschaft: [6][Sexuelle Dienstleistungen] in Anspruch nehmen ist in
       Ordnung. Es gibt aber ausbeuterische Systeme. Wer Anzeichen dafür bemerkt,
       sollte sich an eine Beratungsstelle wenden.
       
       15 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Prostituiertenschutzgesetz-Behebbare-Schwaechen/!6096449
 (DIR) [2] https://www.diakonie-hamburg.de/de/rat-und-hilfe/prostitution/fairlove/
 (DIR) [3] https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__181a.html
 (DIR) [4] /Reform-der-Kinder--und-Jugendhilfe/!6203749
 (DIR) [5] https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__180.html
 (DIR) [6] /Abseits-der-WM-Fanmeile/!6190235
       
       ## AUTOREN
       
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