# taz.de -- Küstenautobahn A20: Klimakiller auf Sand gebaut
> Die neue Küstenautobahn A20, in weiten Teilen noch im
> Planfeststellungsverfahren, soll quer durchs Moor führen. Viel Natur wird
> dabei zerstört.
(IMG) Bild: Symbolisch im Sand gebuddelt: Die Beine von Ministerpräsident Lies und den Ministern Schnieder und Tonne beim Spatenstich im Juni
Anfang Juni 2026, anlässlich des ersten Spatenstichs für die
[1][Küstenautobahn A20 auf niedersächsischem Boden], sprach Patrick
Schnieder (CDU), damals noch Bundesverkehrsminister, von einer „neuen
Hauptschlagader des maritimen Nordens“. Das war bei Jaderberg, für
Planungsabschnitt 1. Als Schnieder dort symbolisch seinen Spaten in den
obligatorischen Sandhaufen stieß, muss er gewusst haben, dass es genau
dieser Sand ist, an dem sich bei der A20 die Geister scheiden, bau- wie
naturschutzfachlich.
Das zeigt sich besonders ein paar Kilometer weiter, im rund 22,5 Kilometer
langen Planungsabschnitt 2 zwischen der A29 bei Jaderberg und der B437 bei
Schwei. Derzeit läuft für ihn das Planfeststellungsverfahren. Wo die
Autobahn verlaufen soll, zwischen Dörfern und durch Grünland, ist fast
durchgängig Moor, bis zu 20 Meter tief mit extrem nassen Boden. Darauf zu
bauen ist unmöglich. Zudem ist der Untergrund von organischem Klei
durchzogen, der die Konsistenz von Brei hat.
Über der künftigen Trasse werden daher bis zu 13 Meter hohe Sanddämme
aufgeschüttet. Deren verdichtendes Gewicht presst das Wasser in die Tiefe.
Dort sammelt es sich und wird durch Drainagerohre abgeleitet: ein
bauvorbereitender Prozess, der mehrere Jahre dauert.
„Die Folge ist eine Schadenskaskade“, sagt Biologin Susanne Grube von der
BUND-Kreisgruppe Ammerland der taz. „Nicht nur, dass mit dem Moor ein
wichtiges Potenzial für den Klimaschutz zubetoniert wird. Ungeheure Mengen
Sand werden abgebaut, müssen angeliefert und größtenteils nachher wieder
abtransportiert werden. Für den Abbau muss Wald gerodet werden. Außerdem
werden Naturschutzgebiete beeinträchtigt.“
## Abbaggern senkt Grundwasserspiegel
Der Sand wird im nahegelegenen Bekhauser Moor gewonnen, auf 41 Hektar, bis
55 Meter tief. Zusätzlich wird am Ferien- und Wochenendhausgebiet Seepark
Lehe abgebaut, auf elf Hektar, bis 21 Meter tief. Insgesamt werden 6,6
Millionen Kubikmeter Sand entnommen.
„Die Wurzeln der restlichen Bäume, die dicht am Abbau in Lehe stehen,
könnten ihre Verbindung zum Grundwasser verlieren“, warnt Grube, „denn
durch das tiefe Abbaggern senkt sich dessen Spiegel stark.“ Beidseitig der
Autobahntrasse müssen Entwässerungssysteme dafür sorgen, dass die A20 nicht
im Wasser steht. „Das frisst zusätzliche Flächen.“
Zudem streift die Trasse dicht an mehreren Naturschutzgebieten entlang und
verschattet durch eine Brücke Teile des durch die EU geschützten
[2][Flora-Fauna-Habitatgebiets „Dornebbe“].
Der Feststellungsentwurf der Straßenbauverwaltung des Landes Niedersachsen
bemerkt dazu: „Insgesamt verbleiben nach Beendigung des Eingriffes keine
erheblichen oder nachhaltigen Beeinträchtigungen der Leistungsfähigkeit des
Naturhaushaltes und des Landschaftsbildes“. Es gebe „keine erheblichen
Beeinträchtigungen“ der Erhaltungsziele des [3][Vogelschutzgebiets
„Marschen am Jadebusen“] und des FFH-Gebiets.
„Wir sehen den Bau der A20 auch im Abschnitt zwischen Jaderberg und Schwei
ausgesprochen kritisch“, schreibt der verkehrspolitische Sprecher der
Landtagsfraktion der Grünen Stephan Christ der taz. „Es darf nicht nur
darüber gesprochen werden, wie viel Natur die Autobahntrasse zerstört. Wir
müssen auch darüber reden, wie viel Natur zusätzlich geopfert werden soll,
um überhaupt das Baumaterial für diese Autobahn zu gewinnen.“
„Wir halten es für problematisch, wenn solche massiven Eingriffe in
bestehende Landschaften mit der Aussicht auf später entstehende Seen
gerechtfertigt werden“, so Christ. „Ein künstlicher Baggersee ist nicht
automatisch ein wertvoller Lebensraum und kann die Funktionen gewachsener
Böden, Wälder und bestehender Ökosysteme nicht ohne Weiteres ersetzen.“
Für die Grünen sei das Autobahnprojekt angesichts der Klima- und
Biodiversitätskrise nicht zu rechtfertigen. „Wir lehnen den Neubau der A20
ab und setzen uns dafür ein, die bestehende Verkehrsinfrastruktur zu
erhalten und klimaverträgliche Alternativen zu stärken.“
## Streichung des Projekts wieder gestrichen
Der Widerstand gegen die A20 ist stark. Der 30 Bürgerinitiativen große
Rasteder „Koordinationskreis der Initiativen und Umweltverbände gegen die
A20“ kämpft seit über 20 Jahren mit seiner Initiative „A20 nie!“ gegen die
Küstenauto-Planungen, von der Demo bis zur Petition, von der
Fahrrad-Sternfahrt bis zum Klagefond. In der Rubrik „Gedankensplitter“
seiner Website finden sich Aussagen wie: „Die A20 wird viel Natur zerstören
und durch die Entwertung unzerschnittener Räume der biologischen Vielfalt
massiv schaden.“
Auch Grube arbeitet in ihm mit: „Wir versuchen da, die Kritik und den
Widerstand zu bündeln“, sagt sie der taz. Ihre MitstreiterInnen reichen von
Fridays for Future bis zum ökologisch orientierten Verkehrsclub Deutschland
(VCD).
Im September 2025 hatte das Bündnis aufgeatmet: Die Bundesregierung hatte
die A20 auf eine „Streichliste“ nicht mehr weiterzuverfolgender
Infrastrukturprojekte gesetzt. Dann kam es zur Streichung der Streichung.
Heute ist die Trägerin des Vorhabens die Autobahn GmbH des Bundes. Von der
taz um Kommentierung gebeten, schweigt sie.
## Gerodet für die Kiebitze
Für die Naturbeeinträchtigungen, die Bau und Betrieb der A20 verursacht,
wird natürlich kompensiert. Das geschieht auf dem Ex-Wehrmachts- und
Ex-Bundeswehr-Gelände Friedrichsfeld bei Varel. Hier soll durch
Kasernenabriss und Straßenrückbau Boden entsiegelt werden, und aus Nadel-
soll Laubwald werden.
Grube ist skeptisch: „Eigentlich lässt sich Natur überhaupt nicht
ausgleichen. Und was da entsiegelt wird, kompensiert in keiner Weise die
Versiegelung durch die A20.“ Der einstige Fliegerhorst Friedrichsfeld sei
bisher schon ein „Juwel“ gewesen, jetzt werde er „verschlimmbessert“. Ein
Beispiel: die Kiebitzpopulation, deren Brutplätze durch die A20 verloren
gehen. Für sie wurde auf dem 15 Kilometer entfernten Militärgelände ein 15
Hektar großer Sumpfwald gerodet, so Grube, mit vielen Orchideen: „Das ist
grotesk, absurd!“ Ob die Vögel dorthin umziehen, steht in den Sternen.
Der Kreisverband Wesermarsch der Linken bezeichnet die neue Autobahn auf
seiner Website als „Irrsinnsprojekt“.
19 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Baubeginn-der-A20-in-Niedersachsen/!6184010
(DIR) [2] https://www.nlwkn.niedersachsen.de/natura2000/schutzgebiete_zur_umsetzung_von_natura_2000/landschaftsschutzgebiet-dornebbe-braker-sieltief-und-colmarer-tief-179680.html
(DIR) [3] /Rueckendeckung-fuer-Autobahnplanung/!267959/
## AUTOREN
(DIR) Harff-Peter Schönherr
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