# taz.de -- Geplantes türkisch-deutsches Museum: Eine ganze Geschichte
> Ein neues Museum in Berlin will die Vielfalt der deutsch-türkischen
> Verflechtungen abbilden. Dafür sammelt Kuratorin Gülşah Stapel
> überraschende Lebensgeschichten.
(IMG) Bild: Die Archäologin und Fechterin Halet Çambel
Als Halet Çambel 2014 in Istanbul stirbt, liegt ein langes, wendungsreiches
Leben hinter ihr. 1916 in Berlin geboren, wird Çambel in ihren 97
Lebensjahren zu einer Pionierin der Archäologie und bringt die Forschung
zur Frühgeschichte der Türkei entscheidend voran.
Nebenbei schreibt sie auch noch Sportgeschichte. Sie fechtet und tritt 1936
bei den Olympischen Spielen in Berlin an – als erste muslimische Sportlerin
überhaupt. Als sie am Rande des Turniers Hitler treffen soll, lehnt sie aus
politischer Überzeugung ab.
Es sind Lebensgeschichten wie die von Halet Çambel, die die
Wissenschaftlerin und Kuratorin Gülşah Stapel in Berlin sammelt. „Es gibt
unglaublich viele, teils jahrhundertealte Verflechtungen zwischen
Deutschland und der Türkei, die weit über Arbeitsmigration ab den 1960er
Jahren hinausgehen“, sagt Stapel.
Um diese darzustellen und eine neue Perspektive auf türkisch-deutsche
Migrationsbiografien einzunehmen, hat die 43-Jährige gemeinsam mit der
Szenografin Müge Avar sowie mehr als 100 Unterstützenden das „[1][TAM
Museum]“ ins Leben gerufen. „Tam“ bedeutet auf Türkisch „ganz“, „genau so“
oder „genau richtig“.
## Eröffnung 2028 geplant
Das Museum gibt es zwar noch nicht als Ort – 2028 soll es so weit sein –,
aber Stapel und ihre Mitstreiterinnen forschen und sammeln bereits jetzt.
„Wir wollen keine vorgefertigten Vorstellungen bedienen. Wir wollen
Geschichten entdecken und nicht nur auswählen, um etwas Vorbestimmtes zu
erklären“, beschreibt Stapel ihren Ansatz.
Auch erste Ausstellungen organisieren sie. Teile aus der neuesten,
„Mutterland“, sind ab Freitag für zwei Wochen im Roten Rathaus zu sehen –
zum 65. Jahrestag des Anwerbeabkommens zwischen der Bundesrepublik
Deutschland und der Türkei.
Das Abkommen, das am 30. Oktober 1961 unterzeichnet wurde, prägt beide
Länder bis heute. In der Folge kamen fast 900.000 Menschen aus der Türkei
nach Deutschland, davon mehr als 80.000 nach Westberlin. Viele kehrten
später wieder zurück. Aber viele blieben auch.
Heute leben mehr als 200.000 Menschen mit Migrationsbezügen in die Türkei
in Berlin. Auch die Eltern von TAM-Gründerin Gülşah Stapel kamen als
sogenannte Gastarbeiter nach Deutschland, der Vater 1968, die Mutter 1982.
„Ich bin das, was man die zweite Generation nennt“, sagt sie über sich.
Doch sie habe jahrelang „alles Türkische von sich ferngehalten“ – auch aus
Angst vor Diskriminierung. Erst während des Studiums begann sie sich mit
ihrer Migrationsbiografie auseinanderzusetzen.
„Mir wurde klar: Arbeitsmigration geht immer eine lange Vorgeschichte
voraus“, sagt Stapel. Deshalb hält sie den starren Fokus auf die Ankunft
der Gastarbeiter*innen ab den 1960er Jahren – wie jetzt, rund um den
Jahrestag – für zu eng, spricht von einem „Urknallnarrativ“: Dadurch wirke
es so, als hätte es vor dem Anwerbeabkommen keine Verbindungen zwischen
Deutschland und der Türkei gegeben, als wären es fast ausschließlich
männliche, ungebildete Migranten gewesen, die aus der Türkei kamen.
Dabei gäbe es so viel zu erzählen, was diese Lesart bricht. Etwa von Rebia
Tevfik Başokçu. Die Modedesignerin lebte in den 1920er Jahren in Berlin, wo
sie einen Modesalon gründete, zu den berühmten Schneiderinnen der Stadt
zählte und auch Aufträge von Opernhäusern erhielt.
„Başokçu hatte es als unverheiratete Frau schwer. Sie wurde als
Prostituierte diffamiert“, erzählt Stapel. Doch nach einer gescheiterten
Ehe hatte sie den Männern abgeschworen und hatte bloß noch Hunde. Einer
davon, der Chow-Chow „Didon“, soll sogar Hundeschauen in Berlin gewonnen
haben. Anfang der 1930er kehrte Başokçu nach Istanbul zurück. „In Berlin
blieben kaum Spuren, kaum Erinnerungen“, beklagt Stapel.
## 300 osmanische Waisenkinder – die ersten „Gastarbeiter“?
Oder die Geschichte der 300 osmanischen Waisenkinder, die 1917, mitten im
Ersten Weltkrieg, im Rahmen eines Bildungsprogramms nach Berlin kommen. Der
osmanische Staat hoffte, durch eine Ausbildung nach deutschem Vorbild
qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen, das Deutsche Reich wiederum wollte
seinen Einfluss auf das Osmanische Reich ausbauen.
Die Jugendlichen wurden zunächst an der Grundschule am Koppenplatz im
heutigen Ortsteil Mitte untergebracht. Später wurden sie dann auf
Lehrstellen im ganzen Land verteilt. „Müsste das nicht eigentlich die erste
Generation Gastarbeiter sein?“, fragt Gülşah Stapel ironisch.
Nach dieser Lesart wäre die Arbeitsmigration aus der Türkei auch kein rein
westdeutsches Phänomen. Etwa wird einer der Waisenjungen, der damals
16-jährige Ahmed Talib, Schuhmachermeister in Fürstenwalde in Brandenburg.
Er erlebt das Kaiserreich, die Weimarer Republik, die Nazizeit – und die
DDR. Er gründet eine Familie und erzieht seinen Sohn deutschsprachig, um
ihm Ausgrenzung zu ersparen. 1961, nach 44 Jahren, wird Talib in die DDR
eingebürgert.
„Wir lieben Geschichten, die alles miteinander verbinden“, sagt Gülşah
Stapel. Denn diese würden dominante Erzählungen rund um die Türkei und
Deutschland herausfordern. Und es gäbe genug davon: genug
wissenschaftliches und historisches Material, um ein Museum zu gründen.
Stapel träumt vom TAM Museum als „Kulturzentrum und Begegnungsort“, mitten
in der Stadt, nicht auf einer Insel, nicht in einer Villa. Gastlich soll es
sein, mit einer großen, offenen Küche im Foyer. „Wenn es um Begegnungen und
Erzählungen geht, brauche ich Essen.“
## Bei Çay die Lebensgeschichte erzählen
Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Stapel und ihr Team suchen nach einer
privaten Stiftung, um unabhängig zu bleiben. Das Kapital, das zur Gründung
der gemeinnützigen GmbH nötig war, kratzten sie in ihrem Freundes- und
Bekanntenkreis zusammen. Langfristig will sie nicht von staatlichen Mitteln
abhängig sein. „Wenn wir etwas Innovatives machen wollen, können wir uns
nicht ausschließlich auf öffentliche Förderungen bewerben. Das lähmt total
und schleudert uns in Strukturen, die wir ja eigentlich ändern wollen“,
sagt Stapel.
Parallel läuft schon die historische und wissenschaftliche Arbeit. Aktuell
führen Stapel und ihre Mitstreiterinnen Gespräche mit Zeitzeug*innen zu
türkisch-deutschen Verflechtungen in Berlin – mit möglichst vielfältigen
Perspektiven: kurdische, armenische, jüdische, türkische. Die Interviews
sollen am Ende in ein großes Oral-History-Archiv an der Freien Universität
Berlin einfließen.
Dafür öffnen Stapel, Avar und ihre Mitstreiter*innen jede Woche die
Türen ihres Projektraums in Schöneberg, es gibt Çay, hier wollen sie mit
Berliner*innen ins Gespräch kommen. „Es ist unmöglich, dass man keinen
Bezug zur Türkei hat, und wenn es nur der Laden an der Ecke ist“, sagt
Stapel.
Dabei habe sie schon einige überraschende und berührende Geschichten
gehört, erzählt sie. So hat eine 86-jährige Frau, die in Friedenau lebt,
ihre Familiengeschichte erzählt. Ihr Vorfahre war der in Berlin
ausgebildete Uhrmacher Johann Meyer. Er zog 1876 nach Konstantinopel, das
heutige Istanbul. Dort wurde er der offizielle Uhrmacher am Hof des
Sultans, reparierte und fertigte Uhren für den gesamten Palast: die
Herrscherfamilie, Generäle, Beamte, Minister.
Nach zwei Jahren, 1878, eröffnete er mitten in der Stadt die „Meyer
Uhrenwerkstatt“. Seine Kinder und Enkel führten das Geschäft noch lange
weiter. Unter dem Namen „Meyer Objects“ besteht es bis heute.
30 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] http://tam-museum.org/
## AUTOREN
(DIR) Hanno Fleckenstein
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