# taz.de -- 65. Jahrestag des Anwerbeabkommens: Hört ihnen zu!
> Kritik an Erinnerungskultur ist in Deutschland weiterhin nötig. Denn
> Sichtbarkeit löst weder Denkmuster auf noch verhindert sie Rassismus.
(IMG) Bild: Türkische Frauen 1980 in einer Fabrik in der Berlin, die Schaltschränke produziert
Deutschland erinnert sich an seine [1][Gastarbeiter.] An Hände, die in
Fabriken arbeiteten. An Schichten, die den wirtschaftlichen Aufschwung
ermöglichten. An Menschen, die ihre Familien nachholten und aus einem als
vorübergehend geplanten Aufenthalt ein Leben machten.
All das ist Teil der deutschen Nachkriegserzählung. Doch diese Anerkennung
hat Grenzen: Deutschland würdigt, was die Arbeitsmigranten für das Land
geleistet haben, doch ignoriert dabei, welche Geschichten sie mitbrachten.
Am 30. Oktober 1961 schlossen die Bundesrepublik Deutschland und die Türkei
ein Anwerbeabkommen. Es war eines von mehreren, mit denen seit 1955
Arbeitskräfte aus anderen Ländern angeworben wurden. Die wirtschaftliche
Nachfrage definierte die Politik, nicht die Vorstellung von Einwanderern,
die bleiben. Menschen sollten arbeiten, jedoch möglichst nicht bleiben.
Dass sie sich in Deutschland eine Zukunft aufbauten und ihre Familien
nachholten, widersprach der politischen Idee, auf der die Anwerbung
beruhte.
Die Menschen, die kamen, waren nie bloß Arbeitskräfte. Sie hatten eigene
Sprachen und brachten politische Erfahrungen, gesellschaftliche Konflikte
und eigene Vorstellungen von Zugehörigkeit mit. In den Augen vieler
Deutscher verschwanden diese Unterschiede hinter nationalen
Herkunftsbezeichnungen. Was als administrative Vereinfachung begann, prägte
später auch die Erinnerung daran, wer diese Menschen waren.
## Er wollte Möglichkeiten bieten, die er selbst nie hatte
Mein Vater war Kurde. Er arbeitete als Stahlarbeiter im Werk von
Mannesmann. Er holte seine Familie nach Deutschland nach, um seinen Kindern
die Möglichkeiten bieten zu können, die ihm selbst verwehrt geblieben
waren. Er selbst hatte nur vier Jahre die Schule besucht. Grund dafür waren
die Bildungschancen vor Ort, intelligent genug für mehr Bildung wäre er
gewesen. Deutsche erklärten ihm, dass es doch keine Unterschiede zwischen
Kurden und Türken gebe. Parallel dazu wurde er von türkischen Kollegen
angefeindet, erlebte antikurdischen Rassismus.
Als ich als kleines Mädchen mit meiner Mutter im Park war, geriet sie immer
wieder in eine Situation, die ich damals nicht verstand. Andere Mütter
fragen sie, weshalb sie mit ihren Kindern kurdisch sprach. Sie erklärte
sich auf Türkisch, war verlegen und wütend. Sie musste sich dafür
rechtfertigen, dass sie mit ihren Kindern kurdisch sprach. Doch das
verstand ich erst viele Jahre später. Der antikurdische Rassismus, den mein
Vater auf der Arbeit erlebte, setzte sich für meine Mutter im Alltag, im
Park, fort.
Mein Vater besaß die türkische Staatsangehörigkeit, doch seine Identität
war kurdisch. Diese Unterscheidung war keine Nebensache.
## Die politischen Konflikte bleiben bestehen
Die Geschichte des türkischen Nationalstaats ist eine der Vertreibung und
Verleugnung kurdischer Eigenständigkeit, der Unterdrückung kurdischer
Sprache und Kultur, der gewaltsamen Niederschlagung von Aufständen, der
Massenmorde von Dersim, Bingöl, Diyarbakır – die Liste ist lang. Es ist
zudem die Geschichte von Enteignung, kultureller Aneignung und
Assimilation. Die politischen Konflikte, vor denen Menschen flohen oder die
sie mitbrachten, endeten nicht, als sie Landesgrenzen überschritten.
Dass kurdische Geschichte in Deutschland heute sichtbarer ist, liegt am
politischen und kulturellen Engagement der kurdischen Community.
Jahrzehntelang haben Menschen Organisationen aufgebaut, protestiert, Kunst
geschaffen und immer wieder ihre Geschichte erzählt. Die Kämpfe gegen den
sogenannten islamischen Staat und die i[2][nternationale Aufmerksamkeit für
Rojava] haben diese Sichtbarkeit verstärkt.
Das führte dazu, dass [3][kurdische Geschichte] nicht einfach nachträglich
in ein breites fertiges deutsches Erinnerungsbild aufgenommen wurde. Die
Menschen, die sie sichtbar machten, haben dieses Bild selbst definiert.
Doch gesellschaftliche Sichtbarkeit löst nicht automatisch politische
Deutungsmuster auf. Deshalb muss sich die Kritik an der deutschen
Erinnerungskultur einer weiteren Frage stellen: Was geschieht, wenn
innerhalb migrantischer Gemeinschaften nationale Geschichtsbilder bestehen
bleiben, die anderen ihre Eigenständigkeit absprechen?
## Menschen als mehr als nur ihre Funktion wahrnehmen
Die Geschichte der Arbeitsmigration ist weder allein eine deutsche
Erfolgsgeschichte noch ausschließlich eine Geschichte von Rassismus und
Ausgrenzung. Sie umschließt auch politische Auseinandersetzungen und
gesellschaftliche Selbstbehauptung. Die Menschen, die nach Deutschland
kamen, waren nicht bloß Teil einer wirtschaftlichen Entwicklung. Sie
brachten eigene Geschichten, Konflikte und Vorstellungen davon mit, wie
Gesellschaft sein sollte. Diese Erfahrungen sollten nicht aus dem Diskurs
verdrängt werden.
Zum 65. Jahrestag des Anwerbeabkommens ist seitens Deutschlands also mehr
nötig. Er reicht nicht, lediglich die Leistungen der Gastarbeiter zu
würdigen. Das Land muss sich damit auseinandersetzen, weshalb so lange
Menschen auf ihre Herkunft reduziert wurden, während ihre vielfältigen
Geschichten ausgeblendet blieben.
Eine Erinnerungskultur, die ausschließlich die Arbeitsleistung anerkennt,
übernimmt ungewollt Perspektiven aus der Zeit, in der die Anwerbung einst
organisiert wurde: Menschen werden nur als Arbeiter, in ihrer Funktion in
dem Land, in dem sie arbeiten, wahrgenommen.
Die Geschichte der Gastarbeiter kann folglich weder nur aus deutscher noch
nur aus türkischer Perspektive erzählt werden. Wer Gastarbeiter und ihre
Familien als Teil einer nationalen Erfolgsgeschichte erwähnt, muss bereit
sein, die Perspektiven aller Beteiligten zusammenzubringen. Denn eine
Gesellschaft verändert ihren Blick auf die Vergangenheit nicht dadurch,
dass sie einfach neue Menschen in ihre Erzählung einfügt. Sie verändert sie
erst dann, wenn sie zulässt, dass deren Erfahrungen ins Narrativ mit
einfließen.
30 Oct 2026
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(DIR) Mizgîn Bilmen
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