# taz.de -- Raketen treffen Kyjiw ohne Warnung: Während sie schliefen
> Wieder explodieren russische Raketen in Kyjiw. Bürgermeister Klitschko
> spricht von mehreren Opfern – und einer gezielten Kampagne gegen ihn.
(IMG) Bild: Ein verletzter Anwohner raucht vor seinem beschädgten Haus: Es habe keine vorherige Angriffswarnung der Verbündeten gegeben, beklagte die Staatsführung
dpa | Die ukrainische Hauptstadt Kyjiw ist erneut von ballistischen Raketen
aus Russland getroffen worden – und auch diesmal habe es keine vorherige
Warnung der Verbündeten gegeben, beklagte die Staatsführung. Unmittelbar
nach Auslösung des Luftalarms waren schon die ersten Explosionen in der
Millionenmetropole zu hören, wie das ukrainische Nachrichtenportal „The
Kyiv Independent“ berichtete. Ein neunstöckiges Wohngebäude ging nach einem
Treffer in Flammen auf. Laut Bürgermeister Vitali Klitschko gab es
[1][mindestens 2 Tote und mehr als 20 Verletzte].
Wie schon am Vortag hätten die internationalen Partner auch diesmal keine
Warnhinweise auf einfliegende Raketen gegeben, sagte der ukrainische
Präsident Wolodymyr Selenskyj am Abend. Die Geschosse seien quasi erst im
Anflug auf Kyjiw von den Radaren entdeckt worden. Außer dem Wohnblock sei
auch ein Heizkraftwerk getroffen worden. Den russischen Angreifern werde es
zu einfach gemacht, beklagte Selenskyj. Am Morgen wurde dann eine weitere
Angriffswelle gemeldet, deren Folgen zunächst unklar waren.
## US-Regierung bestreitet Vorwürfe aus Kyjiw
Die Ukraine verließ sich in ihrem seit 2022 andauernden Abwehrkampf gegen
Russland bislang vor allem auf Aufklärungsdaten des US-Militärs, aber auch
auf die anderer Nato-Mitgliedsstaaten. Zuletzt traten jedoch wieder
Spannungen zwischen den Regierungen in Kyjiw und Washington offen zutage.
Die US-Regierung bestritt Vorwürfe aus Kyjiw, wonach militärische
Informationen nicht mehr mit den Ukrainern geteilt würden.
Selenskyj machte aus seinem Unmut über die Situation keinen Hehl. „Das ist
überhaupt nicht gerecht, wenn sie (die Russen) Energieanlagen zerstören und
die Ukraine nicht einmal Warnungen vor dem Start von ballistischen Raketen
erhält“, schrieb er auf Telegram. Es sei wichtig, dass die USA wirklich
sehen würden, was vor sich gehe und wer Schuld daran habe, dass der Krieg
weitergehe.
Verschärft wird die aktuelle Lage durch akuten Munitionsmangel der
ukrainischen Streitkräfte. Während es ihnen nach langen Jahren des
Verteidigungskriegs an Geschossen zur Raketenabwehr mangelt, hat Russland
die Angriffe auf Kyjiw und andere Städte verstärkt. Als effektivste Abwehr
gegen ballistische Raketen, die aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit
besonders schwierig abzufangen sind, gelten die von den USA produzierten
Patriot-Systeme. Die ukrainische Armee hat mehrere davon, aber nicht
genügend Munition. Ein Grund dafür: Der Krieg der USA und Israels gegen
Iran hat die weltweiten Munitionsbestände zusätzlich verknappt.
## Selenskyj im Clinch mit Klitschko
[2][Da Russlands Angriffe] immer wieder auf die Energieversorgung der
Ukraine zielen, könnte die kalte Jahreszeit mit drohenden Strom- und
Heizungsausfällen für die von gut viereinhalb Kriegsjahren zermürbte
Zivilbevölkerung noch härter werden. Selenskyj warf den Hauptstadtbehörden
eine schlechte Vorbereitung vor. „Jeder Kyjiwer sieht, dass die Stadt
wirklich nicht vorbereitet ist“, rügte der Staatschef in einer
Videobotschaft – und griff damit auch Kritik in sozialen Netzwerken auf.
Die Situation sei schlechter als in den Wintern der vorherigen Kriegsjahre
– selbst einzelne Drohnenangriffe würden schon zu Strom- und
Wasserausfällen führen, kritisierte Selenskyj. Es gebe auch Probleme bei
Schutzräumen, der Vorbereitung von Schulen, dem Bau von Schutzanlagen für
wichtige Objekte und beim öffentlichen Nahverkehr. „Kyjiw hängt anderen
Regionen bei der Umsetzung der Stabilitätspläne hinterher“, resümierte der
Präsident, ohne Bürgermeister Vitali Klitschko beim Namen zu nennen.
Der wies die Vorwürfe unter Verweis auf die besonders harten Angriffe der
vergangenen Wochen zurück. „Das Stadtoberhaupt trägt nicht die
Verantwortung für die Flugabwehr“, sagte Klitschko zu Journalisten. Kyjiw
sei das Hauptziel russischer Attacken – und er selbst Opfer einer Kampagne
mit dem Ziel, ihn durch ein loyaleres Stadtoberhaupt zu ersetzen. Klitschko
sprach von einem Angriff auf die kommunale Selbstverwaltung. Landesweit
seien bereits 300 missliebige Bürgermeister von der Zentralregierung
ersetzt worden.
Klitschko und Selenskyj gelten als politische Gegner und tragen ihren seit
langem schwelenden Konflikt immer wieder auch öffentlich aus. Der Präsident
sieht im Bürgermeister der Hauptstadt womöglich einen potenziellen
Konkurrenten bei einer kommenden Präsidentschaftswahl und kritisiert
regelmäßig dessen Amtsführung. Umgekehrt wirft Klitschko dem Staatschef
einen autoritären Regierungsstil und Aushöhlung der Demokratie vor.
## EU treibt Beitrittsgespräche mit Ukraine voran
Unterdessen treibt die Europäische Union die Beitrittsverhandlungen mit der
Ukraine voran. In Luxemburg wurden am Dienstag Gespräche über weitere
Themenblöcke begonnen – namentlich über den Binnenmarkt sowie
Wettbewerbsfähigkeit und inklusives Wachstum. Die irische
EU-Ratspräsidentschaft sprach von einem weiteren Meilenstein für die
Ukraine.
Die Entscheidung zur Ausweitung der Verhandlungen, die neben der Ukraine
auch den Nachbarn Moldau betrifft, gilt für beide Länder als wichtiges
Zeichen, dass sich ihre Reformanstrengungen lohnen. Vor allem die seit
Jahren in den Krieg verwickelte Ukraine kosten diese Reformen viel Kraft.
Im Verhandlungsprozess zur Aufnahme in die EU soll sichergestellt werden,
dass ein Kandidatenland alle Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft
erfüllt. Mit einem Abschluss der Gespräche wird vor allem bei der Ukraine
nicht vor dem kommenden Jahrzehnt gerechnet. Das Land ist nach Einschätzung
von Experten nicht nur im Bereich der Korruptionsbekämpfung noch weit von
EU-Standards entfernt.
14 Oct 2026
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