# taz.de -- Film „Klara und die Sonne“: Das Abgründige spürbar machen
       
       > Was unterscheidet Menschen und Maschinen? Taika Waititis Verfilmung von
       > Kazuo Ishiguros Roman „Klara und die Sonne“ erzählt in satten Farben vom
       > Leben mit KI.
       
 (IMG) Bild: Künstliche Freundin aus dem Karton: Klara (Jenna Ortega) in „Klara und die Sonne“
       
       Die besten Maschinen waren doch immer schon Menschen. Sie halten sich für
       einzigartige Wesen und mögen sich am liebsten, wenn sie nicht über sich
       selbst nachdenken. Dabei bestehen sie aus Stimmen, Vorbildern, Nachahmungen
       und Widersprüchen, die sie für ihre eigenen halten. Sie erfinden immer
       bessere Maschinen, nennen die neuesten künstliche Intelligenz und wundern
       sich, dass sie ihnen ähnlicher sind, als ihnen lieb ist.
       
       Taika Waititis Verfilmung des gleichnamigen Romans des
       [1][Literaturnobelpreisträgers Kazuo Ishiguro] denkt diesen Widerspruch
       weiter. Die Menschen in dieser nahen Zukunft sind ziemlich abgefuckt. Sie
       optimieren ihre Kinder, sortieren Freundschaften nach Leistung und wollen
       den Tod durch künstliche Nachbildungen überwinden.
       
       Die solarbetriebenen Roboter sehen Menschen zum Verwechseln ähnlich. Klara
       (Jenna Ortega), [2][eine künstliche Freundin des Typs B1], soll Nähe
       herstellen und „menschlich“ interagieren. Eines Tages entdeckt die
       Teenagerin Josie (Mia Tharia) sie im Schaufenster und überredet ihre Mutter
       Chrissie (Amy Adams), sie zu kaufen. Klara zieht in das abgelegene Haus der
       Familie, fernab der futuristischen Stadt. Sie beobachtet Josie und ihre
       Familie, hört ihnen zu und versucht, ihr Verhalten zu verstehen.
       
       Doch hinter Klaras neuer Rolle steckt ein größeres Vorhaben. Josie ist
       schwer krank. Chrissie wendet sich an Dr. Capaldi, genial gespielt von
       einem diabolisch grinsenden Steve Buscemi. Er will eine künstliche
       Nachbildung Josies schaffen. Dafür soll Klaras Bewusstsein in einen Körper
       übertragen werden, der Josie gleicht. Capaldi glaubt, dass sich
       Persönlichkeit auf nachahmbare Eigenschaften reduzieren lässt. So wird das
       Unersetzliche zum technischen Problem.
       
       ## Genetisch optimiert
       
       Diese Logik zeigt sich auch in Josies Alltag. Ihre Mutter hat sie genetisch
       optimieren lassen. Als „Gehobene“ spricht Josie etliche Sprachen, schreibt
       Drehbücher und zeichnet auf Weltklasseniveau. Bei einem Treffen mit anderen
       „Gehobenen“ begegnet ihr eine groteske Gruppe selbstgefälliger Jugendlicher
       mit absurden Outfits und exzentrischen Frisuren. Sie machen sich über Rick,
       Josies einzigen menschlichen Freund, lustig. Er baut Robotervögel, nur um
       mit ihnen zu spielen. Klara hingegen findet Gefallen daran.
       
       Ist es doch nicht das Zwecklose, das Menschen von Maschinen unterscheidet?
       In einer Zeit, in der die Möglichkeit eines KI-Bewusstseins diskutiert
       wird, kehrt der Film die Perspektive um: Das Unheimliche an Klara ist
       nicht, wie gut sie Menschen imitiert, sondern wie aufmerksam sie ihnen
       begegnet. Im Vergleich zu Klara wirken die „gehobenen“ Menschen so
       berechenbar wie Automaten.
       
       Waititi verhandelt solche philosophischen Fragen lässig, ohne sie auf
       Thesen zu reduzieren. Die Farben sind derart gesättigt, dass die Landschaft
       künstlich wirkt. Der Weizen leuchtet golden, der Himmel ist so blau wie in
       einem Magritte-Gemälde. Dazu kommt der Soundtrack von Michael Giacchino,
       dessen Melodien fröhlich herumhüpfen wie in einem Kinderfilm – als
       verhöhnten sie die tragischen Elemente der Geschichte. Das Märchenhafte
       macht das Abgründige spürbarer.
       
       ## Schicksal einer Familie
       
       Im zweiten Drittel verengt sich der Blick auf das Schicksal der Familie. Es
       geht nur noch darum, einen geliebten Menschen irgendwie bewahren zu können.
       Dass diese emotionale Ebene dennoch trägt, liegt auch an dem genialen Spiel
       von Jenna Ortega: Sie verkörpert Klaras Künstlichkeit so subtil, dass sie
       eher wie ein Mensch mit Makeln wirkt als wie eine Maschine, die versucht,
       einen Menschen zu imitieren.
       
       Liegt hier eine Pointe? Was die oft platte Botschaft fordernde Kritik – wie
       schon an der Romanvorlage – als Kitsch bemängelt, ließe sich auch anders
       lesen. [3][Die Gefahren von KI] müssen nicht in einer düsteren Dystopie
       erzählt werden. Sie zeigen sich in einer Welt, in der der Mensch erst eine
       Maschine erfinden muss, um sich daran zu erinnern, wie man sich fühlt.
       
       28 Oct 2026
       
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