# taz.de -- Doku „Biermann“: Er antwortete stets laut
> Jens Meurer zeichnet in seinem Dokumentarfilm „Biermann“ das Leben und
> Schaffen des Liedermachers nach. Dabei bleibt er nah an seinem
> Untersuchungsgegenstand.
(IMG) Bild: Höhepunkt: Wolf Biermann in der Kölner Sporthalle im November 1976
„Und, hat er auch manchmal genervt?“, hört man aus dem Hintergrund jemand
fragen. Barbara Honigmann, die vor der Kamera sitzt, lacht und bestätigt:
„Klar, der Wolf hat immer alle genervt, das gehörte dazu!“ An der
betreffenden Stelle in Jens Meurers Dokumentarfilm „Biermann“ geht es um
die langen Jahre, die der Liedermacher in der Chausseestr. 131 in Ostberlin
unter Auftritts- und Publikationsverbot verbracht hat. Die Folge war, dass
sich um Biermann herum in seinen privaten Wänden eine Gegenöffentlichkeit
bildete. Schwarz-Weiß-Fotos belegen, wer alles vorbeischaute, um seine
neusten Gedichte und Lieder zu hören. Nicht nur „DDR-Intelligenzija“ war
da, sondern auch illustre Gäste wie Joan Baez, Rudi Dutschke und Allen
Ginsberg.
Das Nerven ist in gewisser Weise [1][Wolf Biermanns Lebensthema]. Im Film
gibt er die Kindheitsanekdote zum Besten, in der er seinen Vater Dagobert
Biermann zum letzten Mal sieht. Er sei als damals Sechsjähriger unglaublich
stolz auf seine Sangeskünste gewesen, erzählt Biermann. Weshalb er, als er
an der Seite seiner Mutter Emma den im Untergrund für die KPD tätigen und
schon mehrfach verhafteten Vater besuchte, ihm unbedingt eines seiner
frisch gelernten Lieder vorsingen musste, es hieß „Bomben auf England“.
„Stellen Sie sich vor“, meint ein emotional aufgeladener Biermann zu
[2][Meurer], „da sieht er mich noch einmal und ich singe ihm das Lied
seiner Todfeinde vor“.
Die groben Daten von [3][Wolf Biermanns Leben] sind gewissermaßen deutsche
Geschichte: 1936 in Hamburg geboren als Sohn eines jüdischen Kommunisten,
der 1944 in Auschwitz ermordet wurde, hat er zusammen mit Mutter Emma das
Bombardement Hamburgs überlebt. Sie erzog ihn im Geist des Vaters, oder
zumindest so, wie sie sich das vorstellte: „Mein Karl Marx hieß Emma
Biermann“, erläutert der Liedermacher in der ihm eigenen bildhaften
Sprache.
1953, er war 16 Jahre alt, übersiedelte er deshalb in die DDR und machte
dort Abitur. Anfang der 1960er begann er mit selbstgeschriebenen Liedern
aufzutreten, was ihm recht schnell, nämlich bereits 1965, verboten wurde.
Es folgten die erwähnten Jahre in der Chausseestraße 131, in denen er die
Stasi tüchtig nervte – und natürlich auch umgekehrt die ihn, wie im Film
mit markanten Details aus den „Plänen zur Zersetzung seiner Person“
offenbar wird.
## Zäsur für beide Deutschlands
Im November 1976 kam es dann zum zentralen Ereignis seines Lebens, das
gleichzeitig eine Zäsur für beide Deutschlands markierte, für die DDR
genauso wie für die BRD. Auf Einladung der IG Metall gab Biermann in Köln
ein vom WDR live übertragenes Konzert. Man sieht Ausschnitte daraus im
Film, die nicht nur Biermanns Aufregung, sondern die besondere
atmosphärische Aufladung der ganzen Veranstaltung spürbar werden lassen.
Nicht nur, dass da einer, der 12 Jahre lang nur in der eigenen Wohnung vor
Leuten gesungen hatte, auf einmal vor einem mit 6.000 bis 8.000 Besuchenden
total überbelegten Sporthallenpublikum stand. Das Konzert dauerte
viereinhalb Stunden! Schon das machte aus dem anwesenden Publikum
historische Zeitzeugen. Obwohl noch niemand wusste, wofür das Konzert im
Nachhinein tatsächlich berühmt werden würde: Nämlich dafür, dass die
DDR-Führung es zum Anlass nahm, Biermann „wegen grober Verletzung der
staatsbürgerlichen Pflichten“ aus der DDR auszubürgern.
Mit dem, was das alles nach sich zog, befasst sich Jens Meurer in seinem
Film nicht lange. Mit Armin Mueller-Stahl – was für eine Freude es ist, den
bald 96-Jährigen mal wieder zu sehen! – kommt einer jener vielen
Schauspieler und Künstler zu Wort, die seinerzeit in der Folge die DDR
verließen. Mit höflicher Selbstironie bringt Mueller-Stahl Biermann auf den
Punkt. Der sei ein Egomane: „Wenn ich ihm leise guten Tag sagte, antwortete
er laut!“
## Immer geht der Blick zurück
Auch in den 50 Jahren seither hat es Biermann an „nervigen“ Auftritten
nicht fehlen lassen, wie Archivaufnahmen von Leipzig im Jahr 1990, wo
Biermann die Mehrheit des Publikums als Feiglinge beschimpft, oder von 2014
im Bundestag, wo er die Fraktion der Linken einer Tirade unterzog,
bezeugen. Meurer arbeitet sich weiter durch die Stationen des
Biermann'schen Schaffens und Lebens, aber es zeigt sich, dass der Blick
danach eigentlich immer zurück geht. Seien es die geistigen Reflexionen zum
eigenen „Kinderglauben an den Kommunismus“ oder die Pläne, dereinst auf dem
Friedhof an der Chausseestraße beerdigt zu werden.
Mit Details zum Privatleben hält sich der Film angenehm zurück. Und doch
hat man am Ende das Gefühl einer verpassten Chance. Als dokumentarisches
Porträt wird „Biermann“ seinem Gegenstand völlig gerecht. Aber das
historische Phänomen, für das sein Name steht, bleibt unterbeleuchtet. Wie
konnte es dazu kommen, dass einer, der Lieder sang wie „Warte nicht auf
bessre Zeiten …“ oder „Ich möchte am liebsten weg sein, und bleibe am
liebsten hier …“ so wichtig wurde, dass sich ein Staat über den Umgang mit
ihm so sehr entblößte?
29 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Barbara Schweizerhof
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