# taz.de -- Räumungen in der Habersaathstraße: Zurück auf die Straße
> Der Eigentümer lässt einen weiteren Aufgang des umkämpften Hauses in
> Mitte unangekündigt räumen. Den Bewohner:innen bleibt nur die
> Wohnungslosigkeit.
(IMG) Bild: Wohnraum für Wohnungslose: Die Habersaathstraße kurz nach ihrer Besetzung im Januar 2022
Fast fünf Jahre lang hat Sven Köhler in dem umkämpften Plattenbau in der
Habersaathstraße gewohnt, nun ist er wieder wohnungslos. Ohne
Vorankündigung sei der Gerichtsvollzieher gekommen. „Auf einmal flog die
Tür auf und drei Polizisten standen in der Bude. Die haben gesagt, nimm
deine Papiere und geh.“
So wie Köhler ging es am Dienstagmorgen auch anderen Bewohner:innen der
Habersaathstraße 44. Kaum zwei Wochen nach Beginn der Kälteperiode ließ der
Eigentümer mehrere Wohnungen in dem Aufgang räumen. Die Polizei bestätigt
auf taz-Anfrage, dass es am Morgen eine Räumung durch einen
Gerichtsvollzieher gegeben habe. „Die Einsatzkräfte unterstützten die
Vollstreckung von Räumungstiteln zugunsten der Eigentümerin“, teilte eine
Sprecherin mit.
In dem Aufgang lebten vor allem ehemals obdach- und wohnungslose Menschen
ohne gültigen Mietvertrag. [1][Im Dezember 2021 besetzten diese zusammen
mit Aktivist:innen] den bis auf wenige Langzeitmieter:innen
überwiegend leer stehenden Komplex.
## Ohne Vorwarnung
Nach Vermittlung durch den Bezirk duldete die Eigentümerin, die Arcadia
Real Estate des Immobilienunternehmers Andreas Pichotta zunächst die
Besetzung. Pichotta möchte den Plattenbau abreißen lassen und durch
Luxuswohnungen ersetzen. Die verbliebenen Langzeitmieter:innen konnten
den Abriss aber bislang erfolgreich verhindern, indem sie sich weigern,
auszuziehen.
Obwohl Pichotta immer noch nicht abreißen kann, ist er dazu übergegangen,
[2][die Bewohner:innen ohne Mietvertrag nach und nach räumen zu
lassen.] Bereits im Oktober ließ der Gerichtsvollzieher 30 Wohnungen im
Aufgang 48 räumen.
Laut Bewohner Sven Köhler habe es auch keinen Räumungsbescheid gegeben.
„Der Eigentümer hätte mir das schriftlich über meine Anwältin zukommen
lassen müssen“, sagt Köhler. So blieb ihm kaum Zeit, seine Hab und Gut in
Sicherheit zu bringen. Unter anderem sei noch sein PC in der Wohnung. „Ich
konnte nur das Wichtigste mitnehmen, den Rest muss ich mit der
Hausverwaltung klären.“
Wie viele Wohnungen genau geräumt worden sind, sowie ob und wie die
Bewohner:innen darüber informiert worden sind, ist unklar. Das
Amtsgericht Mitte ließ eine taz-Anfrage bis Redaktionsschluss
unbeantwortet. Laut Köhler waren die meisten Wohnungen in dem Aufgang noch
bewohnt.
## Räumung in die Obdachlosigkeit
Nach seinem Rauswurf hat sich Köhler direkt an das Bezirksamt gewandt. Mit
Erfolg. Er kann zunächst in einem Wohnheim in Lichtenberg unterkommen. So
viel Glück hatten nicht alle der geräumten Bewohner:innen. „Die, die keinen
Ausweis oder Anspruch auf Sozialleistungen haben, sitzen jetzt alle auf der
Straße“, berichtet Köhler. Auch die Bewohner:innen mit Suchtproblemen
seien nun wieder obdachlos. Für sie kommt ein Wohnheimplatz nicht infrage.
Eine Begleitung durch Sozialarbeiter:innen hat es offensichtlich
auch bei dieser Räumung nicht gegeben. Das Bezirksamt Mitte reagierte nicht
auf entsprechende Nachfragen. Dafür versiegelten Bauarbeiter am Vormittag
einzelne Wohnungen mit OSB-Platten, wie Fotoaufnahmen zeigen, die der taz
vorliegen.
Eigentümer Pichotta steht zunehmend unter Druck, das Haus leerzuziehen, um
es wie geplant abreißen zu lassen. Das Bezirksamt kündigte an, keine
erneute Abrissgenehmigung erteilen zu wollen, sollte Pichotta
letztinstanzlich mit den Räumungsklagen gegen [3][die verbliebenen
Langzeitmieter:innen] scheitern. Die letzte Klagerunde wird am 15.
Dezember vor dem Landgericht verhandelt.
13 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Besetztes-Haus-in-Berlin/!5825482
(DIR) [2] /Kalte-Raeumung-in-der-Habersaathstrasse/!6216978
(DIR) [3] /Ein-Mieter-ueber-Verdraengung/!6200769
## AUTOREN
(DIR) Jonas Wahmkow
## TAGS
(DIR) Zwangsräumung
(DIR) Schwerpunkt Obdachlosigkeit in Berlin
(DIR) Schwerpunkt Gentrifizierung in Berlin
(DIR) Social-Auswahl
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Räumung in der Habersaathstraße: Erst geräumt, dann eingemauert
Nach der Räumung versiegelten Bauarbeiter mehrere Wohnungen in der
Habersaathstraße. Dabei wurde eine Frau eingesperrt, die Feuerwehr rückte
an.
(DIR) Kalte Räumung in der Habersaathstraße: Wenn das Recht wirkungslos bleibt
Die Mieter der Habersaathstraße stehen vor einem Winter ohne Heizung. Der
Bezirk Mitte unternimmt bislang fast nichts. Hoffnungen ruhen nun auf den
Bezirks-Linken.
(DIR) CDU nach Wahl in Sachsen-Anhalt: „Aufgeben ist keine Option“
Nach der desaströsen Wahlniederlage in Sachsen-Anhalt steht Bundeskanzler
Merz in der Kritik. Der will nicht weichen – aber mehr auf Emotionen
setzen.
(DIR) Entmietung der Habersaathstraße: Zertrümmerte Türen und Bäder
Der Hauseigentümer rückt mit einem Abrisstrupp in dem umkämpften Haus an –
und lässt Dutzende Wohnungen zerstören. Die Bezirkspolitik soll er vorher
informiert haben.