# taz.de -- Räumung in der Habersaathstraße: Erst geräumt, dann eingemauert
> Nach der Räumung versiegelten Bauarbeiter mehrere Wohnungen in der
> Habersaathstraße. Dabei wurde eine Frau eingesperrt, die Feuerwehr rückte
> an.
(IMG) Bild: War Unterkunft für ehemals obdachlose Bewohner:innen: eine Wohnung in der Habersaathstraße
Nach der Räumung mehrerer Wohnungen in der Habersaathstraße 44 wurde eine
Bewohnerin über mehrere Stunden in ihrer Wohnung eingesperrt. Da
Bauarbeiter die Wohnung mit Spanplatten und Bauschaum versiegelten, musste
die Feuerwehr die Frau am Abend mit einem Leiterwagen aus der Wohnung
retten.
Anwohner Daniel Diekmann, der im benachbarten Aufgang wohnt, berichtet, er
habe am Abend Schreie aus der Wohnung gehört, als er sich mit
Freund:innen zum Abendessen treffen wollte. „Ich hörte weinende,
zitternde Hilferufe aus dem dritten Stock. Sie hat Zettel auf die Straße
geworfen, um auf sich aufmerksam zu machen.“
Laut einem Sprecher der Polizei war die Wohnung der Frau nicht Teil [1][der
10 Wohnungen, die am Dienstagmorgen geräumt werden sollten.] Nachdem die
Polizei das Gebäude dem Eigentümer übergeben hatte, ließ dieser die
Wohnungen mit Spanplatten und Bauschaum versiegeln, um zu verhindern, dass
die Bewohner:innen in die geräumten Wohnungen zurückkehren. Dabei
versiegelten die Bauarbeiter wohl auch eine noch bewohnte Wohnung. „Es
handelte sich um eine Verwechslung“, sagte der Polizeisprecher.
In dem Gebäudekomplex in der Habersaathstraße 40 bis 48 steht ein Großteil
der Wohnungen leer. Nach einer Besetzungsaktion Ende 2021 duldeten Bezirk
und Eigentümer zwischenzeitlich, dass ehemals obdachlose Bewohner:innen
einige Wohnungen bis zum Abriss des Gebäudes beziehen.
## Eigentümer will abreißen
Seit einigen Jahren versucht der Eigentümer mit Räumungsklagen die
Bewohner:innen ohne Mietvertrag zurück auf die Straße zu setzen. Laut
einem Gerichtssprecher setzte der Gerichtsvollzieher am Dienstagmorgen
Räumungsurteile für 9 Wohnungen durch, eine Wohnung konnte nicht geräumt
werden, weil nicht genau klar war, um welche Wohnung es sich handelte.
Der Gerichtssprecher bestätigte am Mittwoch gegenüber der taz, dass die
Bewohner:innen nicht vorab, wie üblich, über die Räumung informiert
worden seien: „Die üblichen vorherigen Räumungsmitteilungen konnten hier
nicht zugestellt werden, weil keine Briefkästen vorhanden waren.“
Viele der Bewohner:innen, die zuvor auf der Straße gelebt haben, kämpfen
mit teilweise erheblichen psychischen und Suchterkrankungen. Eine
Begleitung durch Sozialarbeiter:innen des Bezirks erfolgte jedoch
nicht. Gegenüber der taz gab das Bezirksamt Mitte an, von den Räumungen
nichts gewusst zu haben.
Laut Anwohner Diekmann schien die eingesperrte Bewohnerin zunächst von
Polizei und Feuerwehr eingeschüchtert. „Die Frau war so unter Schock, dass
sie nicht ans Fenster gekommen ist“, sagt Diekmann. Die Polizist:innen
seien durch das Fenster in die Wohnung gegangen und hätten die Frau
angesprochen. Daraufhin sei sie mitgegangen, berichtet Diekmann.
## Zurück auf die Straße
Die Räumung bedeutet für die Frau erneute Wohnungslosigkeit. Obwohl es sich
laut Polizei um eine „Verwechslung“ handelte und gar kein gültiges
Räumungsurteil vorlag, durfte die Frau nicht zurück in ihre Wohnung. Auch
die Versiegelung wurde nicht wieder rückgängig gemacht. „Sie wollte nicht
in eine Notunterkunft, sondern erstmal gucken, wo ihre Freunde und Nachbarn
sind“, sagt Diekmann.
Diekmann berichtet, dass im Zuge der Räumung mehrere Wasserleitungen in dem
Haus zerstört worden sind und der Keller mit Wasser volllief. Infolgedessen
mussten die verbliebenen Bewohner:innen das Wasser im gesamten Aufgang
abstellen.
Neben den ehemals obdachlosen Mieter:innen ohne Mietvertrag leben in der
Habersaathstraße 44 noch drei Langzeitmieter:innen mit gültigen
Mietverträgen. Solange sie nicht ausziehen, darf der Eigentümer Andreas
Pichotta den Gebäudekomplex nicht abreißen.
Bislang sind alle Räumungsklagen vor Gericht gescheitert. Doch [2][seit
Oktober vergangenen Jahres wird das Gebäude nicht mehr mit Fernwärme
versorgt.] Nun ist auch noch die Wasserversorgung de facto unterbrochen.
14 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jonas Wahmkow
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