# taz.de -- Portugiesischer Exil-Roman: Ilse Lieblichs unwahrscheinliche Bücher
> Ilse Losa, née Lieblich, hat zu Unrecht ihren eigenen Sprachkenntnissen
> misstraut: Ihre schnörkellose Prosa ergreift dank ihrer neusachlichen
> Kühle.
(IMG) Bild: Undatierte Porträtaufnahme: Ilse Losas Romane haben therapeutischen und dokumentarischen Wert. Vor allem aber sind sie Kunstwerke
Im Herzen des Buchs steht die Ausstoßung. Kaum wird sie erzählt; sie ist
einfach vorhanden, vollzieht sich schleichend und unscheinbar, in
belanglosen Szenen, während des Teetrinkens beim Höflichkeitsbesuch, im
Rahmen der Konversation: Die bemäntelt das Böse nur notdürftig, das längst
überall eingesickert ist. Es klingt mit, während doch nur über Möbel,
Dekoration und Porzellan gesprochen wird. „So redeten wir“, heißt es also
in der deutschen Übersetzung von Ilse Losas [1][erstem Roman „O Mundo em
que vivi“, der in Nordwestdeutschland in der Zeit von 1917 bis 1933
spielt].
Aber als in der befangenen Plauderei festgestellt ist, dass einfach nichts
über Meißen gehe, fällt der Blick des geliebten Paul, der so viel von
Heirat und gemeinsamen Reisen träumt, auf ein Stück Papier am Fenster: „Er
stand auf und betrachtete es, wurde blass und stammelte ‚Meine Schwester
lässt sich entschuldigen. Sie musste dringend zu Freunden … Wahrscheinlich
ist jemand krank …‘“
Die Verlegenheitslüge muss nicht mal ausgesprochen werden. Sie liegt auf
der Hand: Pauls Schwester hasst ja Juden. Auf dem Zettel wird sie ihm also
Vorhaltungen gemacht haben, dieses Mädchen ins Haus gebracht zu haben, in
dem die Geschwister seit dem Tod der Eltern zusammenleben, jene Rose
Frankfurter, aus deren Perspektive das Buch erzählt ist. Und die will, was
da wirklich steht, gar nicht wissen. Stattdessen kommt es kurz darauf also
noch zu etwas, das aussieht wie eine Verlobungsszene: „Er streifte mir
einen schmalen Silberring über den Finger und sagte, er werde mich nie
vergessen.“
Aber die bleibt so unterkühlt, dass klar ist: Die Wunde des Nachmittags ist
viel endgültiger als Pauls fraglos ehrlich gemeintes „nie“. Der geschenkte
Ring verheißt kein glückliches Leben bis ans Ende ihrer Tage, sondern nur
Abschied auf immer.
## Ungesundes Selbstmisstrauen
Ilse Losa hat der rauen Poesie ihres Schreibens selbst misstraut, hat das,
was Lesende als lakonisch-schnörkellosen Stil bewundern werden, als Folge
mangelhafter Sprachkompetenz bagatellisiert. Am Ende ihrer Karriere,
nachdem sie drei Romane, viele Erzählungen [2][und etliche Kinderbücher
geschrieben], Bert Brecht, Anna Seghers, Max Frisch und „Das Tagebuch der
[3][Anne Frank“] für die lusofone Welt erschlossen hat, stellt sie 1989 in
einem Interview fest, ihre Entscheidung fürs Portugiesische sei „ein großer
Fehler“ gewesen.
Aber diese Selbstabwertung ist das Einzige, was falsch ist an dem, was
diese in Buer bei Melle 1913 als Ilse Lieblich geborenen Frau der Welt
hinterlassen hat. Ihr Werk ist Literatur, ist Kunst, und das muss betont
werden, weil es zugleich so vieles anderes auch ist, Therapie zum Beispiel:
Mit dem Schreiben hatte sie Mitte der 1940er Jahre auf ärztlichen Rat
begonnen, um die Depression zu zähmen. Auch haben ihre Autofiktionen oft
dokumentarischen Wert: „Die Welt in der ich lebte“ ist eine einzigartige
Schilderung jüdischer Kindheit im ländlichen Deutschland der Zeit nach dem
Ersten Weltkrieg.
Ihre artistische Schichtung von erzählten und Erzähl-Zeiten, von
Erinnerungen, Gegenwart und Rückblenden, lassen die Lesenden regelrecht
hineingleiten in die Heimatlosigkeit ihrer Figuren. Dieser Fokus auf die
Biografie ist verständlich. Denn sensationell ist Ilse Losas literarisches
Werk ja [4][auch durch die unwahrscheinliche Geschichte seiner Entstehung].
Nichts aus ihrer Kindheit im Osnabrücker Land hätte sie auf eine
Schriftstellerkarriere vorbereiten können. „Niemand erzählte mir im
Elternhaus abends Geschichten“, heißt es in „Die Welt in der ich lebte“,
und das dürfte eine wahre Erinnerung sein: Die Familie des Pferdehändlers
Arthur Lieblich, Sohn des Pferdehändlers Joseph Lieblich, kann als
kulturfern gelten.
Geradezu irrwitzig wirkt, dass die Tochter schließlich in Portugiesisch zur
Schriftstellerin wird: Die Familie hat mit dieser Sprache nichts am Hut,
der schulische Fächerkanon der Weimarer Republik kennt sie nicht. Als ihr
Erstling 1949, wenige Monate vor der Geburt ihrer zweiten Tochter,
erscheint, ist es wirklich erst 15 Jahre her, dass die Autorin „Bom dia“
und „Obrigado“ zu sagen gelernt hat. 14 liegt die Heirat mit Arménio
Taveiro Losa zurück.
Den Architekten – [5][der bald darauf zum ersten Leiter des neuen
Stadtplanungsamtes von Porto ernannt wird] – hatte sie in einem Café
kennengelernt. Das Haus der beiden avanciert zu einem wichtigen Treffpunkt
der dissidenten Intelligenzija, der Exilant*innen und der Menschen im
Transit.
## Ins Visier der Gestapo geraten
Die Überfahrt nach Leixoes hatte Ilse Lieblich 1934 ohne lange zu überlegen
gebucht. Der Hafen von Porto ist der letzte Zwischenstopp der
Südamerika-Linie von Hamburg aus. Dort hatte sie am 9. März, zehn Tage vor
ihrem 21. Geburtstag, ein Billett dritter Klasse für die „General San
Martin“ erworben, die noch am selben Tag ablegt: nur fort!, nur fort! Denn
Ilse Lieblich hatte die Krallen des Monsters gesehen.
Politisch wach und unerschrocken – auch [6][in Portugal wird sie bis zu
deren Verbot in der pazifistischen Frauen-Orga Associação Feminina
Portuguesa para a Paz mitwirken] – war sie Anfang des Jahres ins Visier der
Gestapo geraten: Weil sie auf einer Postkarte Adolf Hitler einen Verbrecher
nennt, wird sie zum Verhör zitiert. Sie widerruft, darf gehen, weiß aber:
Das hätte sie fast ins KZ gebracht.
Lob sei also dem Wallstein Verlag, der „Die Welt in der ich lebte“ nun eine
Neuauflage beschert. Das Buch ist in einer zugänglichen, präzisen und oft
neusachlich-unterkühlten Sprache verfasst. Maralde Meyer-Minnemanns gut
gealterte Übersetzung aus den 1980er Jahren bildet sie vorzüglich nach.
Etwas ratlos macht allein die Gestaltung des Covers: Für die portugiesische
Erstausgabe hatte Gretchen Wohlwill einen Mädchenkopf gezeichnet.
Losa sei in Portugal die Frau gewesen, zu der sie die größte Nähe verspürt
habe, so hat die aus dem Exil nach Hamburg zurückgekehrte Malerin später
geschildert. In ihren Erzählungen und Romanen habe sie „das beschrieben,
was ich selbst erlebt hatte“. Das Buch nun mit einem hübschen, aber etwas
beliebigen Edvard-Munch-Gemälde zu dekorieren, wirkt etwas gedankenlos.
[7][Die Bedeutung der Neuausgabe] schmälert es nicht.
22 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.wallstein-verlag.de/autoren/ilse-losa.html
(DIR) [2] /In-der-Fremde-wurzeln/!5751816&s=Ilse+Losa&SuchRahmen=Print/
(DIR) [3] https://pt.wikipedia.org/wiki/Di%C3%A1rio_de_Anne_Frank
(DIR) [4] /Gefluechtet-in-die-Literatur/!5922034
(DIR) [5] https://www.cm-matosinhos.pt/servicos/cultura/historia-e-patrimonio/figuras-de-matosinhos/poi/armenio-losa-1908-1988
(DIR) [6] https://www.jstor.org/stable/10.5699/portstudies.35.2.0185
(DIR) [7] /Entgegnung-auf-Maxim-Biller/!6220520
## AUTOREN
(DIR) Benno Schirrmeister
## TAGS
(DIR) Exil
(DIR) Portugal
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(DIR) Niedersachsen
(DIR) Göttingen
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