# taz.de -- Naturkundemuseum im Elbtower: Ein Fraktionschef, der das Herz auf der Zunge trägt
       
       > Hamburgs Grüne haben im Streit um das geplante Naturkundemuseum eine
       > Koalitionskrise gerade noch abgewendet. Aber vielleicht eine innere
       > losgetreten.
       
 (IMG) Bild: Über dem Elbtower-Stummel lacht die Sonne, über die Grünen die Stadt
       
       Huch – was ist nur bei den Hamburger Grünen los? Deren Fraktionschef hatte
       am Freitag die Stadt aufgeschreckt, als er die Pläne für ein
       [1][Naturkundemuseum infrage stellte]. Schon am nächsten Arbeitstag, am
       Montag, musste er nun wieder zurückrudern.
       
       Das Publikum lässt er staunend zurück, denn es kennt die rot-grüne
       Koalition seit einem guten Jahrzehnt als hart durchoptimierte
       Machtmaschine, zwischen deren Teile zumindest öffentlich kein Blatt Papier
       passt. Spätestens seitdem der bisweilen knurrige Umweltsenator Jens Kerstan
       sich in den Ruhestand verabschiedet hat, sucht man Fissuren auf der
       blankpolierten Koalitions-Oberfläche vergeblich. Alles, was die Partner von
       sich geben, sind synchron getaktete, wortgleich abgestimmte
       Pressemitteilungen, die nur um den Preis des besseren Layouts konkurrieren
       (Spoiler: Geht an die Grünen wegen der strukturierenden Fettungen).
       
       Und dann das: Unter dem Titel „Es ist an der Zeit, umzusteuern“ wendete
       sich der grüne Fraktionschef Michael Gwosdz vordergründig gegen den Vorstoß
       eines Investors, der über das Immobilien-Fanzine Hamburger Abendblatt
       seinen Wunsch lanciert hatte, die Stadt möge ihm eine seiner überschüssigen
       Top-Immobilien in bester Lage nahe Hauptbahnhof und Drogensumpf abnehmen.
       Und zwar, indem sie ihr geplantes Naturkundemuseum dort einziehen lässt –
       zum Spottpreis von nur 495 Millionen Euro!
       
       Man muss dazu sagen, dass der Investor durchaus Anlass hat, an seinen
       Erfolg zu glauben, gibt es doch vom ausgedienten Abendblatt-Gebäude über
       das Gruner+Jahr-Schiff bis zur früheren Landesbank-Galerie genug Beispiele
       dafür, dass die Stadt mehr oder weniger notleidenden Traditionsunternehmen
       mit Anschlussverwendung ihrer Behausungen unter die Arme zu greifen bereit
       war.
       
       ## Das Naturkundemuseum muss den Elbtower retten
       
       Nur war der Joker Naturkundemuseum nun schon gespielt – er soll verhindern,
       [2][dass die Elbtower-Ruine eine bleibt]. Die Stadt hatte jahrelang
       gebetsmühlenartig betont, in dieses private Bauprojekt [3][werde kein
       Steuergeld fließen]. Doch inzwischen will sie die Hälfte des abgespeckten
       Baus für 595 Millionen Euro für das Museum in spe erwerben und so die
       Stummel-Eigentümer motivieren, ihn fertig zu bauen. Aber die zieren sich
       mittlerweile schon aufreizend lange, das Angebot anzunehmen. Es riecht nach
       Nachforderungen.
       
       Da ist es Gwosdz einfach zu bunt geworden und er hat mal auf den Tisch
       gehauen. Zu teuer sei das eine wie das andere Gebäude. „Wir können nicht
       bei Kitas, Schulen und Hochschulen um jeden Euro ringen“, schrieb er, „und
       gleichzeitig knapp eine halbe Milliarde für ein großes Museumsprojekt
       ausgeben.“ Bäm! Hamburg müsse jetzt die richtigen Prioritäten setzen. „Und
       wir Grüne sagen klar: Unsere Priorität sind Kinder und Familien, Bildung
       und Wissenschaft.“
       
       Mal abgesehen davon, dass das Naturkundemuseum ein Wissenschaftsmuseum ist,
       eng verzahnt mit dem Lehrstuhl für Biodiversität, also einem grünen
       Herzensthema – also abgesehen davon, hatte Gwosdz damit links geblinkt.
       Keine ganz schlechte Idee für eine grüne Partei, der viele Desinteresse an
       der sozialen Frage vorwerfen und die sich bei der kommenden
       Bürgerschaftswahl mit einer erstarkenden Linken auseinandersetzen müssen
       wird.
       
       Aber dann die Rolle rückwärts: In seiner nächsten Pressemitteilung bedauert
       Gwosdz „ausdrücklich, dass der Eindruck entstanden ist, wir würden uns
       gegen ein mögliches Naturkundemuseum stellen“. Der „öffentliche Vorstoß“
       sei „ein Fehler“ gewesen.
       
       Da hat er recht, aber kein inhaltlicher Fehler, sondern ein taktischer.
       Sollte es Verhandlungsspielraum über die Dimension des neuen Museums in
       Zeiten knapper Kassen gegeben haben, hat Gwosdz es der SPD nun maximal
       schwer gemacht, einen Kompromiss einzugehen.
       
       13 Oct 2026
       
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