# taz.de -- Profiboxen in Deutschland: Weil er nicht Axel heißt. Und schon gar nicht Max
       
       > Er ist Boxweltmeister im Schwergewicht, stammt aus dem Ruhrgebiet und hat
       > demnächst einen Megakampf im Stadion. Warum kennt kaum jemand Agit
       > Kabayel?
       
 (IMG) Bild: Eigentlich hat er alles: Agit Kabayel mit seinem WBC-Weltmeistergürtel
       
       Dies ist eine Frage an regelmäßige taz-Leser und -Leserinnen. Sie geht
       explizit nicht an Boxnerds, die meine [1][Kolumne] regelmäßig lesen: Kennt
       Ihr [2][Agit Kabayel]? Eine spontane Umfrage in der vierten Etage des
       taz-Gebäudes unter elf Kollegen und Kolleginnen hat ergeben: Nur einer
       kennt ihn.
       
       In trockener [3][Wikipedia]-Prosa beantwortet: „Agit Kabayel ist ein
       deutscher Profiboxer im Schwergewicht. Er ist in dieser Gewichtsklasse der
       aktuelle WBC-Weltmeister.“ Anders gesagt: Der Junge aus Wattenscheid hat
       das geschafft, was Axel Schulz dreimal versucht hat. Noch mal anders
       gesagt: Er ist das, was Deutschland seit über 90 Jahren sucht, nämlich ein
       zweiter [4][Max Schmeling]. Oder, dritter Erklärungsversuch, er ist das,
       was der amerikanische Schriftsteller Norman Mailer so ausgedrückt hat: „Es
       ist, als wärst du der große Zeh Gottes. Da ist nichts mehr, womit du dich
       messen kannst.“
       
       Das Zitat illustriert sehr schön, dass ausgerechnet die
       Schwergewichtsweltmeister so berühmt und so bedeutend sind: [5][Muhammad
       Ali], Joe Louis, Evander Holyfield, Mike Tyson, [6][George Foreman], Jack
       Johnson, Rocky Marciano, Joe Frazier, Sonny Liston – Namen für die
       Ewigkeit. Mit Max Schmeling gibt es einen Deutschen in dieser Reihe und mit
       den Klitschko-Brüdern Wladimir und Vitali zwei Sportler, die ihren Aufstieg
       nicht zuletzt ihrer medialen Präsenz in Deutschland verdanken.
       
       Wollen wir verstehen, warum es diesen Nimbus gibt, wird es schwierig: Warum
       muss es ein Boxer sein, warum ein Mann und warum einer aus der schwersten
       Kategorie von allen?
       
       ## Leben als Metapher für das Boxen
       
       „Ich kann mich auf den Gedanken einlassen, dass das Leben eine Metapher für
       das Boxen ist.“ So hat die US-Schriftstellerin [7][Joyce Carol Oates] die
       Faszination dieses Sports beschrieben, und da es sich wohl nicht besser
       ausdrücken lässt, ist das Thema „Warum Boxen“ hiermit abgehakt. Dass es
       Kerle sind, hat damit zu tun, dass im Pricefighting zwar Frauen von Beginn
       an dabei waren, aber in der Zeit, die wir aus irgendeinem Grund immer noch
       Fin de Siècle nennen, [8][hinausgedrängt] wurden. Das Thema „Warum Männer“
       ist also auch erklärt. Und „Warum Schwergewicht“ ist besonders schwierig,
       daran versuche ich mich heute gar nicht.
       
       Schon bin ich bei der großen Frage: Warum kennt kaum jemand Agit Kabayel,
       einen Menschen, der doch alles, was verlangt ist, erfüllt? Vielleicht weil
       es da doch noch mehr Voraussetzungen gibt, die wir uns gar nicht
       klarmachen. Mag sein, dass Kabayel in Leverkusen geboren und im Ruhrgebiet
       aufgewachsen ist – er stammt aus einer kurdischen Familie, und die hat es
       schwer, in einer weißen Mehrheitsgesellschaft Anerkennung zu finden. Kürzer
       gesagt: Ein Agit ist kein Max oder Axel.
       
       Boxsport gehört zwar zu den wenigen Sportarten, die sich neben Fußball
       behaupten können, ist aber auch von Konjunkturen abhängig: In den 1990er
       Jahren brachte RTL Henry Maske, [9][Graciano Rocchigiani] und Axel Schulz
       groß raus, und die gesellschaftliche Bedeutung war klar. Im Ring wurde das
       Verhältnis von Ost- und Westdeutschen ausgehandelt.
       
       ## Der Kampf um Akzeptanz
       
       Eine vergleichbare Bedeutung ist zwar aktuell auch gegeben: Um Integration
       und Akzeptanz marginalisierter sozialer Gruppen wurde und wird im Boxsport
       immer schon gekämpft. Entsprechend ist Agit Kabayel ein Star nicht nur in
       der kurdischen, sondern auch in der türkischen und in anderen migrantischen
       Communitys. Aber für die Mehrheit ist er „keiner von uns“.
       
       Am 28. November wird Kabayel seinen Weltmeistertitel verteidigen. Gegner
       ist der bislang ungeschlagene Albaner Nelson Hysa. Der Kampf findet im
       Düsseldorfer Fußballstadion statt, weil eine ursprünglich avisierte Halle
       in Oberhausen sich als zu klein erwies. Wird [10][Agit] wenigstens dann so
       berühmt wie Max und Axel? Das Traurige ist: Wir kennen die Antwort.
       
       13 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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       Er ist groß, Rechtsausleger und hat eine ungewöhnliche Kampftaktik. Doch
       seinen Aufstieg hat Agit Kabayel vor allem einer Fähigkeit zu verdanken.