# taz.de -- Boxer Agit Kabayel: Mit ihm soll der deutsche Boxsport aufblühen
       
       > Er ist groß, Rechtsausleger und hat eine ungewöhnliche Kampftaktik. Doch
       > seinen Aufstieg hat Agit Kabayel vor allem einer Fähigkeit zu verdanken.
       
 (IMG) Bild: Zähe Arbeit im Gym: Agit Kabayel hat sich nach oben durchgeschlagen
       
       Mittwoch ein öffentliches Training, Donnerstag Pressekonferenz, Freitag das
       öffentliche Wiegen, dazwischen laufend Interviews und Sonderwünsche:
       Manchem Leistungssportler wäre so ein Programm kurz vor der nächsten
       Bewährungsprobe wohl zu eng getaktet. [1][Agit Kabayel] bedeutet die Woche
       der öffentlichen Auftritte in Düsseldorf jedoch zu viel, um darüber zu
       klagen. Jeder einzelne ist doch ein weiteres Zeichen, dass er nun endlich
       Aufmerksamkeit auf breiter Ebene bekommt. Und hat der inzwischen 33-jährige
       Boxprofi aus Wattenscheid nicht seit seinem Ringdebüt im Sommer 2011 dafür
       gekämpft?
       
       „Ich glaube, wir sind jetzt in Deutschland angekommen“, stellte der
       bullige, 1,91 Meter große Athlet schon vor Jahreswechsel für sich und
       seinen Trainer Sükrü Aksu fest. Das war auf dem ersten gut besuchten
       Medientermin seiner Karriere, wo der Streaming-Dienstleister Dazn große
       Ziele verkündete. Der möchte das in 26 Kämpfen ungeschlagene Schwergewicht
       als „Zugpferd“ nutzen, um den in Deutschland [2][zuletzt wenig beachteten
       Showsport] „wieder auf die Landkarte zu bringen“, wie er auf Anfrage der
       taz beschied. In einer am Mittwoch verbreiteten Verlautbarung wurde gar
       „die Rückkehr der goldenen Ära des Boxens“ beschworen, ohne das zeitlich
       genauer zu fassen.
       
       Ob die Trendumkehr gelingt, weiß vorerst keiner. Aber der Anfang soll
       diesen Samstag gemacht werden, wenn Kabayel in einer Großarena in
       Oberhausen seinen Titel eines Interims-Weltmeisters nach Version des World
       Boxing Council (WBC) gegen den drei Jahre jüngeren, in den USA trainierten
       Polen Damian Knyba (17 Kämpfe, 17 Siege) verteidigt. Diesen Championgürtel
       hatte er letzten Februar mit einem eindrucksvollen Abbruchsieg (6. Runde)
       über den chinesischen Hünen Zhilei Zhang erobert. Zum krönenden Abschluss
       [3][von drei siegreichen Kämpfen im saudischen Riad,] bei denen er binnen
       14 Monaten mehr verdient hat als in allen 23 Arbeitsgängen zuvor.
       
       Die neue Ausgangslage könnte kaum unterschiedlicher sein. Im autokratischen
       Wüstenstaat trat Kabayel auf der Undercard, also im Vorprogramm an. Er war
       einer unter vielen, die sich vor den Augen der Superreichen und Ehrengästen
       wie Cristiano Ronaldo im Ring präsentierten, und dazu jeweils Außenseiter.
       Seine Triumphe über höher eingeschätzte Widersacher waren eigentlich nicht
       vorgesehen. In Oberhausen dagegen ist der „Junge aus dem Revier“, wie er
       sich nennen lässt, Hauptkämpfer, Local Hero sowie klarer Favorit an der
       Schwelle zu ultimativem Ruhm: Noch ein, zwei Siege, heißt es, dann soll der
       Kampf um offizielle WM-Titel kommen.
       
       ## „Vulkan kurz vor der Eruption“
       
       So weit ist seit Luan Krasniqi, der 2005 in Hamburg an WBO-Champion Lamon
       Brewster scheiterte, kein deutscher Schwergewichtler mehr gekommen. Nur,
       dass Kabayels Weg nach oben weitaus mühsamer war. Der Sohn kurdischer
       Zuwanderer nahm seine Laufbahn in einer Phase auf, als sich die größeren
       Promoter im Land zurückzogen – und die kleineren weder die Mittel noch
       potente TV-Sender im Rücken hatten, um ihn global zu positionieren. So
       trainierte er mit Coach Aksu in einem Martial-Arts-Gym in Düsseldorf
       etliche Jahre lang vor sich hin, ohne über den Status eines Europameisters
       hinauszukommen. Amtierende Weltmeister wie Anthony Joshua traf er
       allenfalls als geschätzter Sparringspartner.
       
       Durch seine Vorstellungen in Riad hat der Rechtsausleger jedoch
       strategische Partner gefunden, die ihm in dem von kartellartigen
       Seilschaften geprägten Geschäft zum ultimativen Durchbruch verhelfen
       können. Wie den englischen Manager Spencer Brown, der seinen Mandanten
       neulich als „Vulkan kurz vor der Eruption“ bezeichnet hat und sich
       festlegt: „Dieser Mann wird einhelliger Weltmeister sein.“ Oder den
       gewieften Frank Warren, der mit seinem nördlich von London situierten
       Unternehmen Queensberry Promotions einen guten Teil aller Megafights
       einfädelt. Und nicht zuletzt Dazn, seit Jahren eine von Warrens wichtigsten
       Medienpartnerschaften.
       
       Der Streamingsender versteht es, mit seinem PR-Powerplay ordentlich Wirbel
       für Kabayel zu entfachen. Seine ins Live-Programm gestreuten Werbeclips für
       die Oberhausener Boxgala haben dazu beigetragen, dass das Gros der 13.000
       Plätze in der Rudolf-Weber-Arena binnen fünf Tagen verkauft war. Außerdem
       wurde eine zweiteilige Doku produziert. Sie zeichnet die unwahrscheinliche
       Reise eines klassischen Außenseiters nach: Mit seinen Geschwistern früh auf
       sich gestellt, weil die Eltern sich erst um einen Waschsalon, dann um einen
       Döner-Imbiss kümmerten. Später folgte eine Ausbildung zum Gleisbauer sowie
       der Wechsel vom Fußball zum Kickboxen und Boxen.
       
       Der allmähliche Aufstieg hat mit Zähigkeit und einer besonderen Strategie
       zu tun: Während andere sich auf den Kopf des Gegners als Ziel kaprizieren,
       attackiert Kabayel bevorzugt den Körper. Das könnte auch dem bisher kaum
       ernsthaft getesteten Damian Knyba am Samstag zu Verhängnis werden – und
       würde den Ruf des Favoriten als „Leber-King“ unterstreichen.
       
       9 Jan 2026
       
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