# taz.de -- Jelinek-Verfilmung „Liebhaberinnen“: Lächeln, Streamen, Haut zu Markte tragen
> Die Regisseurin Koxi hat Elfriede Jelineks patriarchatskritischen Roman
> „Liebhaberinnen“ bitterböse in die Aktualität übertragen.
(IMG) Bild: Auf Sendung: Paula (Hannah Schiller) in „Liebhaberinnen“
Elfriede Jelineks 1975 erschienener Roman „Liebhaberinnen“ beginnt
so:„eines tages beschloß brigitte, daß sie nur mehr frau sein wollte, ganz
frau für einen typ, der heinz heißt.“ Die über 40‑jährige Brigitte, die im
Akkord 40 Büstenhalter schafft, will unbedingt auch den Aufstieg schaffen.
Das ging (oder geht?) für eine Frau nur über einen Mann, beziehungsweise
dessen Familie: „brigitte kriecht der mutti von heinz in den arsch“,
schreibt Jelinek, „dort findet sie auch nichts andres als die gleiche
scheiße wie in der muschel, die sie gerade schrubbt.“ Neben der
Arbeiterinnenfigur Brigitte erzählt das Buch von Paula: „sie ist jetzt alt
genug“, ätzt Jelinek, „um sich überlegen zu dürfen, was sie einmal werden
möchte: hausfrau oder verkäuferin.“
Jene mit resignierter Präzision beschriebenen, bewusst oder unbewusst nach
Unabhängigkeit strebenden, aber tief im Netz des Patriarchats verstrickten
Frauencharaktere aus Jelineks Geschichte hat Regisseurin Koxi in ihrem
Debütfilm in die Gegenwart versetzt. So arbeitet Brigitte (Johanna Wokalek)
nicht mehr in der Nähfabrik, sondern steht auf (mindestens)
7-Zentimeter-Absätzen im Minikleid auf Messen, um lächelnd Kunden
anzulocken, denn Lächeln ist „eine Heimat“, wie ihre Chefin den
Messehostessen einbläut. Als Brigitte beim Beißen auf ein altes Stück Pizza
einen Zahn verliert, geht das gerade noch einmal gut – man sieht es nicht
direkt. Aber dass ihr das Gesicht nach dem Dauergegrinse abends wehtut,
sieht man schon.
Die junge Paula (Hannah Schiller) dagegen will auf Teufel komm raus
influencen, und streamt ihr Leben in einem öden Kaff permanent in die Welt
– sie filmt die Bill-Gates-Bildersammlung ihrer Mutter (Susanne Bredehöft),
denn die ist „besessen vom Bill“; sie filmt sich selbst mit Katzenmaske auf
einer Sexplattform. Über die Plattform verkauft sie zudem ihr abgefülltes
Badewasser, ihre abgeschnittenen Zehennägel und ihre getragenen Socken.
Denn was für die aus dem Hostessenalter herauswachsende Brigitte immer
schwieriger wird, ist für die 17-jährige Paula ein Kinderspiel, im wahrsten
Wortsinn: Beide tragen ihre Körper zu Markte, weil beide in einem System
leben, in dem Frauenkörper, ihr Besitz oder ihre Ansicht, sich
monetarisieren lassen.
Obwohl Brigitte sich vor Heinz (Ben Münchow) ekelt („und seinem fetten
weißen elektrikerkörper, der auch heinz heißt“, beschreibt es Jelinek),
wanzt sie sich an ihn heran – bevor sie weiter aus Geldmangel die Wohnung
per Airbnb vermieten und auf einer Isomatte im Umkleideraum ihres
Fitnessstudios übernachten muss, arrangiert sie sich eben lieber mit dem
Elektrikerkörper.
## Nicht nur die Frauen sind vom System gefickt
Verbunden sind die Frauenleben durch Paulas Streams, die die
Protagonistinnen aufgrund des kinematografischen Displayformats auf der
einen und dem Kinoformat auf der anderen so simpel wie eindrucksvoll
separieren und beschreiben, und die von Brigitte verschlungen werden. Vor
allem aber dadurch, dass Koxis Film, der über 50 Jahre nach Jelineks Buch
(und zum 80. Geburtstag der Österreicherin) erscheint, noch immer die
groteske Realität wiedergibt: Es hat sich zwar vieles geändert, ein
Jahrhundert nach der ersten, und ein halbes nach der zweiten Welle der
Frauenbewegung. Es gibt Frauen wie Brigittes Kollegin, die ihr
entgegenrappt: „Nutz das Patriarchat. Wozu hast Du Brüste, Schenkel, Beine
und eine Möse?“, es gibt Männer wie Heinz, der darunter leidet, „nicht
genug Testosteron“ zu haben, und es gibt Coaches wie Susi (Stephanie
Stremler), die mit den abgelutschtesten aller Sprüche Selbstbewusstsein zu
verkaufen vermag – was vor allem etwas über ihre Klient:innen aussagt.
Doch unterm Strich ist der Mist mit den Frauen und den Männern, dem
Kapitalismus und der Sexualökonomie der gleiche wie früher. Und wie bei
Jelinek sind auch bei Koxi nicht nur die Frauen vom System gefickt.
Wokalek spielt ihre Brigitte dabei wie in einem bizarren Theaterstück, mit
Deadpan-Humor, aber ausreichend Pathos, um die Künstlichkeit sichtbar zu
machen und die Absurdität die Leinwand komplett einnehmen zu lassen.
„Liebhaberinnen“ mischt die Geschichten ähnlich assoziativ (und
dissoziativ) zusammen wie der Roman, auch wenn dem Kinonarrativ zuweilen
Jelineks bittere und mächtige Sprache ein wenig fehlt, bei der einem das
Lachen während des Steckenbleibens den Hals blutig kratzt. Immerhin
durchlaufen die Antiheldinnen am Ende eine passable Entwicklung. Und
Brigitte, mittlerweile Residentin in Heinzens Villa, führt ihre ebenso
goldgrabende Mutter (Victoria Trauttmansdorff) herum und zeigt, wofür man
die Haut zu Markte trug: „Der Schrank ist neu, das Sofa ist neu, der
Fernseher ist neu, und mein neuer Zahn.“
Am Ende stimmt zwar, was Paula bereits zu Anfang in die Welt streamte:
„Männer können sehr hilfreich sein, wenn es darum geht, im Krieg zu sterben
oder wenn man mal ein Einmachglas nicht öffnen kann.“ Aber das macht es
leider kein bisschen besser.
22 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Jenni Zylka
## TAGS
(DIR) Spielfilm
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