# taz.de -- Amphibien in Berlin: Das Verstummen in den Teichen
       
       > Die landeseigene Stiftung Naturschutz schlägt Alarm: Berlins
       > Amphibienbestände sind regelrecht eingebrochen. Die Politik muss künftig
       > viel mehr tun.
       
 (IMG) Bild: Er hat leicht quaken: Diesem Spandauer Teichfrosch geht's offensichtlich noch gut genug
       
       Wenn das Umweltministerium eines Landes verkündet, dass dieses Land ein
       dramatisches und wachsendes ökologisches Problem hat, und wenn dieses Land
       und dieses Ministerium offenbar nicht genug tun, um dieses Problem zu
       bekämpfen – dann ist das ziemlich bemerkenswert und ein bisschen verkehrte
       Welt: Normalerweise sind es Lobbyorganisationen oder Bürgerinitiativen, die
       Alarm schlagen und ein Umsteuern der Politik verlangen.
       
       Und so ist es tatsächlich die Senatsverwaltung für Umwelt, die nun warnt in
       einer von ihr verschickten Erklärung mit der Überschrift: „Stumme Teiche:
       Berliner Amphibienbestände dramatisch eingebrochen“. Wer sich für
       Naturschutz interessiert, wird dabei womöglich direkt an den [1][„Stummen
       Frühling“ denken, das in den 60ern erschienene Buch von Rachel Carson] über
       die katastrophalen Folgen des in der Landwirtschaft zur
       Schädlingsbekämpfung eingesetzten Pestizids DDT. Carsons Buch spielte eine
       wichtige Rolle für die Entstehung der Umweltbewegung.
       
       In diesem Fall ist es aber nicht der Gesang der Vögel, der plötzlich fehlt,
       sondern das Quaken der Berliner Frösche. Für die ist es ebenso wie für
       Kröten, Molche und Unken „fünf nach zwölf: Rund drei Viertel der größeren
       Amphibienpopulationen sind verschwunden“. Das sagt die landeseigene
       Stiftung Naturschutz Berlin (SNB), zu deren Aufgaben gehört, die Situation
       gefährdeter Tierarten zu dokumentieren. [2][Mit dem über 300-seitigen
       „Berliner Amphibienbericht“] hat sie nun eine akribische – und
       niederschmetternde – Bestandsaufnahme vorgelegt.
       
       Wobei es hier nicht um ein mysteriöses, plötzlich aufgetretenes Phänomen
       geht, sondern um eine Entwicklung, die seit Jahren und Jahrzehnten
       voranschreitet, aber die Politik offenbar lange viel zu wenig interessiert
       hat. Dass sich das nun – hoffentlich – ändert, liegt an der sorgfältigen
       Arbeit der Koordinierungsstelle Fauna der SNB und an der Berichtspflicht
       des Landes Berlin zur Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-RL) der EU. Um
       die erfüllen zu können, hat die Senatsverwaltung die Stiftung mit der
       Erstellung des Berichts beauftragt.
       
       Dafür sammeln die ExpertInnen nun schon seit 2016 regelmäßig Daten im
       gesamten Stadtgebiet. Unterstützt von Dutzenden Ehrenamtlichen und
       Studierenden werden Teiche, Pfuhle und Gräben unter die Lupe genommen,
       Tiere gezählt und zur Vermessung entnommen. Ein weiteres Element dieser
       sogenannten Kartierungen [3][ist das Web-Tool ArtenFinder], über das
       Interessierte im Rahmen der „Citizen Science“ eigene Beobachtungen zur
       Prüfung einreichen können.
       
       ## Es läuft etwas schief
       
       „Schon bald nach Beginn der Kartierungen haben wir festgestellt: Hier
       scheint etwas schief zu laufen“, sagt Susanne Bengsch, Amphibienexpertin
       und Leiterin der SNB-Koordinierungsstelle Fauna, der taz. Beim Vergleich
       der neuen, systematischen Beobachtungen mit Datensätzen aus den
       vorangegangenen vier Jahrzehnten fiel auf, dass an vielen Orten, die früher
       regelrechte Amphienhotspots waren, nun fast nichts mehr zu sehen – und zu
       hören – war.
       
       Ein Beispiel aus dem Bericht: Am Barssee mitten im Grunewald wurden zu
       Beginn der 80er Jahre regelmäßig über 2.000 adulte (erwachsene) Moorfrösche
       gezählt. Mitte der 1990er Jahre waren es dann noch zwischen 100 und 200
       adulte Tiere, und zuletzt konnte nur noch ein einziges Moorfroschmännchen
       dort dokumentiert werden. Das Attribut „dramatisch“ ist in einem solchen
       Fall eigentlich noch zu schwach.
       
       Der Grund für diesen Populationsverlust: Den Barssee gibt es eigentlich gar
       nicht mehr, er ist durch sinkende Grundwasserstände mittlerweile fast
       völlig verlandet. Ein [4][Beregnungs-Pilotprojekt der Berliner
       Wasserbetriebe] zur Wiedervernässung der Fläche wurde 2023 nach wenigen
       Jahren wieder eingestellt.
       
       Nimmt man ganz Berlin in den Blick, ist das Austrocknen von Gewässern aber
       nur ein Faktor von vielen, der den Amphibien das Leben schwer macht – zumal
       diese auch außerhalb des Wassers leben. Auch die Bebauung von Brachen, die
       zunehmende Versiegelung und die fehlende oder falsche Pflege von Habitaten
       spielen eine Rolle, hinzu kommen Schadstoffeinträge, tödliche Fallen wie
       Gullys und Schächte und invasive Fressfeinde.
       
       Selbst wenn man nur die drei besonders anpassungsfähigen – und am
       häufigsten zu beobachtenden – Arten Teichmolch, Teichfrosch und Erdkröte
       betrachtet, sind die Rückgänge enorm: Laut dem Bericht der SNB gibt es
       aktuell noch 43 Gewässer mit großen Vorkommen (mehr als 100 adulte
       Individuen) dieser Spezies. Im historischen Vergleichszeitraum waren es
       schon einmal 162 Gewässer gewesen – ein Rückgang um 73,5 Prozent.
       
       ## Nur 2 Prozent im „günstigen Zustand“
       
       Im Jargon der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie klingen die Ergebnisse für
       Berlin so: Fast 90 Prozent der analysierten Amphibien-Populationen befinden
       sich in einem „ungünstig-schlechten Zustand“, also auf der untersten von
       drei möglichen Bewertungsstufen. Bei der Qualität der Habitate – über 700
       potenziell für Amphibien geeignete Lebensräume wurden kartiert – erhalten
       jeweils 49 Prozent das Verdikt „ungünstig-unzureichend“ und
       „ungünstig-schlecht“, nur 2 Prozent das anzustrebende Prädikat „günstig“.
       
       Nicht gegen alle negativen Einflüsse kann das Land selbst etwas tun – am
       wenigsten gegen den [5][Klimawandel mit längeren heißen und trockenen
       Phasen], die Gewässer austrocknen lassen, und mit einer kalten Jahreszeit,
       in der es nicht dauerhaft richtig kalt wird. „In sehr milden Wintern wachen
       Amphibien häufiger auf“, erklärt Bengsch. Das raube den Tieren Energie:
       „Die Erdkröte etwa produziert dann nachgewiesenermaßen weniger Eier.“
       
       Was laut Bengsch getan werden kann und getan werden müsste: das
       Renaturieren und die ökologische Pflege von Gewässern und angrenzenden
       Naturräumen. Amphibien bräuchten beispielsweise auch Totholzbereiche, in
       denen sie sich verstecken, je nach Art auch vergraben können. Allzu
       aufgeräumte Parkanlagen helfen ihnen da nicht viel.
       
       Bislang viel zu wenig Beachtung haben Gullys gefunden, in die wandernde
       Frösche oder Kröten immer wieder hineingeraten, wenn sie ablaufendem
       Regenwasser folgen. Aus den darin eingehängten Schlammeimern kommen sie
       nicht mehr alleine heraus. „Ein paar Tage halten sie da aus, aber nicht
       länger“, so Susanne Bengsch. Die SNB wolle deshalb intensiver mit den
       Berliner Wasserbetrieben ins Gespräch über sogenannte Ausstiegshilfen
       kommen. „Das können Lösungen wie Bretter oder Kokosmatten sein, über die
       die Tiere einen Gully wieder verlassen können.“
       
       ## Wenn der Waschbär das Häuten lernt
       
       Und auch an wirksamen Maßnahmen gegen invasive Prädatoren wie den
       Waschbären, aber auch den Roten amerikanischen Sumpfkrebs fehlt es bislang.
       Vor allem der Waschbär, der sich in den vergangenen Jahren in Berlin stark
       ausgebreitet hat, setzt den Amphibien massiv zu.
       
       Das liege auch an seiner Intelligenz und Geschicklichkeit, erklärt Bengsch:
       „Wenn ein Dachs in eine Erdkröte beißt, kriegt er Schaum vor dem Maul und
       liegt tagelang flach. Er wird dann keine Erdkröte mehr anrühren.“ Das liege
       daran, dass die Kröte in ihrer warzigen Haut ein Gift speichere. „Die
       Waschbären dagegen haben gelernt, die Kröten zu häuten –, und sie geben
       dieses Wissen an ihren Nachwuchs weiter.“
       
       All diese Erkenntnisse kann Norbert Prauser, beim Berliner BUND für
       Kleingewässer zuständig, nur bestätigen. Prauser, der den Amphibienbericht
       der SNB für regelrecht „nobelpreisverdächtig“ hält, hat in diesem Jahr
       [6][schon zum fünften Mal einen „Kleingewässer-Report“ vorgelegt]. Darin
       beschreiben er und sein UnterstützerInnenteam detailliert die Probleme mit
       austrocknenden, verlandenden und im Schilf erstickenden Pfuhlen und
       Teichen.
       
       Prauser hat allerdings auch beobachtet, welchen Unterschied es macht, ob
       ausreichend Mittel verfügbar sind oder eben nicht. „Ein Drittel der
       Kleingewässer wird von der Senatsverwaltung unterhalten, da ist der Zustand
       eher erfreulich.“ Für den weitaus größeren Teil seien freilich die Bezirke
       zuständig, und dort sehe es oft „ganz schlecht“ aus. Die Grünflächenämter
       müssten beim Land um Gelder betteln und schreckten vor komplizierten
       Förderanträgen zurück – das resultiere dann in der Vernachlässigung der
       Biotope.
       
       Susanne Bengsch hofft nun auch, dass die Politik die Dramatik der Lage
       begreift und den von der Stiftung vorgeschlagenen Maßnahmenkatalog
       abarbeitet – was sich natürlich auch in künftigen Landeshaushalten
       niederschlagen muss. Die SNB habe auch schon vor Fertigstellung des
       Berichts Alarm geschlagen, sagt sie der taz, es sei aber gut, wenn dieser
       jetzt größere Wellen schlage und als Argumentationshilfe dienen könne. „Wir
       haben nicht mehr 10 oder 20 Jahre Zeit.“
       
       Übrigens: Jeder, der einen Kleingarten bewirtschaftet, kann den Lurchen
       etwas Gutes tun, durch unaufgeräumte Ecken, die ihnen Zuflucht bieten, oder
       gleich durch einen ausreichend großen Gartenteich. „Amphibien nehmen, was
       sie kriegen“, sagt Susanne Bengsch. Wenn potenzielle Laichgewässer
       trockenfielen, könnten auch private Teiche „für eine gewisse Zeit
       bestandserhaltend wirken. Wir haben da auch einen gewissen Drift
       beobachtet.“ Ein Tabu gibt es aber: Fische machen den Eiern oder Larven von
       Amphibien ganz schnell den Garaus.
       
       12 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Pionierinnen/!1766174/
 (DIR) [2] https://www.stiftung-naturschutz.de/fileadmin/user_upload/pdf/Faunenschutz/20260925_Amphibienbericht_online.pdf
 (DIR) [3] https://berlin.artenfinder.net/
 (DIR) [4] https://www.bwb.de/de/barssee-im-grunewald.php
 (DIR) [5] /Klimaanpassung-statt-Klimaschutz/!6160580
 (DIR) [6] /Zustand-der-Berliner-Kleingewaesser/!6194518
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Claudius Prößer
       
       ## TAGS
       
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