# taz.de -- Regisseur Lee Chang-dong im Gespräch: „Kapital und Technik werfen uns unter die Räder“
       
       > Der koreanische Filmemacher Lee Chang-dong über Streiks und
       > Massenentlassungen, Arbeit als einziges Lebenselixier und die Zuneigung
       > zu seinen Figuren.
       
 (IMG) Bild: Was filmt die da? Mi-ok (Jeon Do-yeon) und (Cho Yeo-jeong) in „Possible Love“
       
       Er hat noch keinen Oscar wie Bong Joon-ho und keine US-Serien gedreht wie
       Park Chan-wook, doch zu den international meist beachteten Regisseuren
       gehört Lee Chang-dong trotzdem schon lange. „Possible Love“, der siebte
       Spielfilm des 72-Jährigen, wurde kürzlich in Venedig mit dem Großen Preis
       der Jury ausgezeichnet und geht obendrein als Koreas Kandidat ins
       Oscar-Rennen. Nach seinem Kinostart ist das ruhige, feinsinnige und
       komplexe Gesellschafts- und Ehe-Drama bereits ab dem 6. November beim
       Streamingdienst Netflix zu sehen. 
       
       taz: Lee Chang-dong, Ihr neues Werk, „Possible Love“, ist dem Filmzyklus
       „Dekalog“ Ihres polnischen Kollegen Krzysztof Kieślowski gewidmet. Warum? 
       
       Lee Chang-dong: Ich habe Kieślowski immer gemocht, und ohne dass ich es mir
       sonderlich bewusst gemacht hätte, hat er mich als Filmemacher sicherlich
       beeinflusst. In jungen Jahren seine Filme zu sehen, war auf ästhetische
       Weise ein Schock für mich, der unsichtbare Spuren hinterlassen hat.
       Deswegen habe ich gleich zugesagt, als ich die Anfrage bekam, bei einem
       letztlich nun nicht verwirklichten Projekt mitzuwirken, bei dem aus jeder
       Episode der „Dekalog“-Reihe ein eigener Spielfilm eines anderen Regisseurs
       werden sollte. Die Idee zur Geschichte von „Possible Love“ hatte ich da
       bereits im Kopf, aber ich fand, dass sie sich mit dem letzten Gebot
       verbinden ließe: Du sollst nicht begehren. Denn in einem kapitalistischen
       Zeitalter, in dem einem das eigene Leben und der Wert der eigenen Arbeit so
       leicht genommen werden, kommt man um eine Frage nicht herum: Kann man da
       überhaupt anders, als zu begehren, was anderen gehört?
       
       taz: Die ursprüngliche Inspiration für „Possible Love“ war eine reale
       Massenentlassung in Korea vor über zehn Jahren, die einen großen Streik und
       dessen gewaltsame Niederschlagung nach sich zog. Wussten Sie damals schon,
       dass dies der Stoff für einen Film sein könnte? Und wirken die Ereignisse
       von damals in Ihrer Heimat bis heute nach? 
       
       Lee: Dass die Ereignisse und ihre Folgen einen Film wert wären, war mir
       damals schon klar. Denn es ging nicht bloß um das Problem eines einzelnen
       Konzerns, sondern war ein echter Wendepunkt. Da fand ein Umbruch nicht nur
       in der Arbeiterbewegung statt, sondern die gesamte koreanische Gesellschaft
       veränderte sich nachhaltig. Anfangs war ich noch nicht davon überzeugt,
       dass ein Spielfilm der richtige Weg sei, sich des Themas anzunehmen. Aber
       inzwischen hat sich die Arbeitswelt auf der ganzen Welt rasant weiter
       verändert. Wir leben in einer Zeit, in der die Arbeit selbst zu
       verschwinden scheint. Es geht nicht nur darum, dass Menschen ihre Jobs
       verlieren. Weil für so viele Menschen ihre gesamte Selbstidentifikation an
       ihrer Arbeit hängt, verlieren sie auch sich selbst. Heute mehr denn je.
       
       taz: Wann genau reifte die Idee, dass daraus ein Film im Film wird? 
       
       Lee: Die Umsetzung als Film klärte sich für mich erst, als mir meine
       Ko-Autorin Oh Jung-mi vorschlug, diesen Stoff mit der Geschichte einer
       Regisseurin zu verknüpfen. Denn so konnte ich mir das Thema wirklich zu
       eigen machen.
       
       taz: Diese aus privilegierten Verhältnissen kommende Regisseurin, die hier
       einen Dokumentarfilm über entlassene Arbeiter dreht und sich dabei um das
       Vertrauen eines betroffenen Ehepaars bemüht, sehen Sie tatsächlich als eine
       Art Alter Ego von Ihnen selbst? 
       
       Lee: In ihrer Identität als Filmemacherin, ihrer Haltung zum Kino und ganz
       allgemein an ihrem mit der Kamera geschulten Blick auf die Welt ist sie von
       den vier Hauptfiguren meines Films sicher diejenige, der ich mich am
       nächsten fühle. Wie spreche ich über die Welt, die mich umgibt? Wie nähere
       ich mich den Menschen an, die im Zentrum meines Films stehen? Wie viel
       Zurückhaltung oder Freimütigkeit kann oder muss ich walten lassen? Das sind
       alles Fragen, die Yeji sich stellt und die ich auch selbst kenne. Ihr
       Ehemann ist zynisch und wirft ihr vor, ihre vermeintliche Freundschaft mit
       dem anderen Ehepaar sei Method Acting, weil sie nichts mit den beiden
       gemeinsam hat und auch niemals haben kann. Vielleicht kann man mir das
       Gleiche vorwerfen: Dass ich mir Geschichten aneigne, die nicht meine
       eigenen sind. Aber selbst wenn die Figuren, die meine Filme bevölkern, oft
       weit weg sind von mir, habe ich immer den Eindruck, echte Liebe für sie zu
       empfinden.
       
       taz: Sie drehen ja auch Spielfilme, deren Protagonist:Innen Sie sich
       selbst ausdenken … 
       
       Lee: Trotzdem frage ich mich immer wieder, wie ich mit deren Leben, deren
       Schmerz umgehen soll. Wie ehrlich ist das? Wie viel Abstand muss ich
       halten, wie nah darf ich an sie herangehen? Das ist bis heute für mich als
       Regisseur die zentrale Figur. Wer kommerzielle Filme dreht, muss die
       Geschichten von Menschen vielleicht vor allem handwerklich gekonnt
       erzählen. Ich frage mich aber immer, wie groß der Abstand zwischen mir und
       dem Erzählten sein muss oder darf. Wie nah das Leben der Figuren meinem
       sein kann. Ich glaube, das prägt den Charakter meiner Filme.
       
       taz: Das eigentliche Zentrum des Films stellt die Beziehung zweier sehr
       unterschiedlicher Ehepaare dar. Sehen Sie „Possible Love“ trotzdem als
       politischen Film? 
       
       Lee: Das hängt davon ab, wie man den Begriff des Politischen fasst.
       Insofern der Film zeigt, wie leicht wirtschaftliche Probleme und
       ökonomische Ungleichheit einem Menschen sein Leben entreißen können, kann
       man ihn durchaus politisch nennen. Und natürlich erzählt der Film von
       Gewalt, und zwar nicht nur von Staatsgewalt, die wir etwa in den
       Rückblenden zeigen, mit der Niederschlagung der Arbeiterproteste. Viel
       brutaler kann die unsichtbare Gewalt des längst übermächtigen Kapitals
       sein, nicht zuletzt, wenn es – wie im Fall von Sang-woo im Film – ein sehr
       freundliches, menschliches Antlitz trägt. Ich hoffe, dass das Publikum dies
       genau so auch wahrnimmt, also das Politische im Zwischenmenschlichen
       erkennt.
       
       taz: Haben Sie den Eindruck, dass sich die Konflikte und die Kluft zwischen
       den gesellschaftlichen Schichten in der koreanischen Gesellschaft weiter
       verschärfen? 
       
       Lee: Die Entwicklung der vergangenen Jahre ist so rasant wie unaufhaltsam.
       Inzwischen ist die Kluft so groß geworden, dass Begriffe wie Klassenkampf
       und Spaltung der Gesellschaft heute kaum noch Bedeutung haben. Es ist, als
       existierte die Macht des Kapitals nicht mehr in derselben Atmosphäre wie
       wir, sondern längst in der Stratosphäre. So weit ist die Schere zwischen
       Reich und Arm auseinandergegangen. Dazu kommt, dass sich diese übermächtige
       Kraft, die über das Leben gewöhnlicher Menschen entscheidet, an die
       technologische Revolution gekoppelt hat.
       
       taz: Können Sie bitte ein konkretes Beispiel nennen? 
       
       Lee: So wie sich Mi-ok zum wohlhabenden Sang-woo hingezogen fühlt, der sie
       an den von ihr bewunderten Apple-Mitbegründer Steve Jobs erinnert,
       begeistern sich die Menschen für diesen Bund aus Kapital und Technik. Sie
       hoffen, dass der unsere Probleme lösen und uns befreien kann. Dabei ist
       leider sehr viel wahrscheinlicher, dass wir selbst als Individuen in
       unserer Existenz da völlig unter die Räder kommen und gar keine Rolle mehr
       spielen.
       
       taz: Wo wir gerade beim Kapital sind: Es war wohl nicht leicht, das Projekt
       „Possible Love“ auf die Beine zu stellen. Dabei boomt doch das koreanische
       Kino weltweit seit einigen Jahren, oder? 
       
       Lee: Gemessen an verschiedenen Kennzahlen ist das koreanische Kino sehr
       erfolgreich, und mit Filmen wie „Parasite“ sind Werke entstanden, die
       weltweit Aufmerksamkeit generieren und international gefeiert wurden. Doch
       während der Coronapandemie haben die Kinos schwer gelitten und Produktionen
       aus Korea feiern ihre größten Erfolge längst bei Streamingdiensten. Dadurch
       steckt die koreanische Filmindustrie paradoxerweise in einer neuartigen
       Krise, wie sie dies bisher nicht kannte. Ausgerechnet in der ersten
       Jahreshälfte 2025, als ich die Finanzierung für diesen Film auf die Beine
       stellen wollte, war die Branche wirtschaftlich so geschwächt wie nie zuvor.
       Eine Finanzierung wie bei meinen vorherigen Produktionen gelang mir nicht,
       ich fand nicht genügend Geldgeber. Also entschloss ich mich schließlich
       doch, das Angebot von Netflix anzunehmen, wo von Beginn an großes Interesse
       an dem Projekt gezeigt wurde. Und zum Glück kann ich berichten, dass man
       auch dort meine Unabhängigkeit und Freiheit als Filmemacher immer
       garantiert und respektiert hat.
       
       21 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Patrick Heidmann
       
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