# taz.de -- Filmfestspiele von Venedig: Liebe ist möglich
> Bei den Filmfestspielen von Venedig kommt es zum koreanischen
> Klassen-Clash. Und dänische Nazikollaborateure fürchten, dass sie nach
> der Befreiung auffliegen.
(IMG) Bild: Harmonie am Strand? In „Possible Love“ wirken die Dinge friedicher, als sie sind
Menschen, die Geheimnisse voreinander haben. Da wäre zunächst der
koreanische Regisseur Lee Chang-dong, der in Venedig mit einem scheinbar
geradlinigen Beitrag im Wettbewerb von Venedig angetreten ist. „Possible
Love“ erzählt von zwei ungleichen Paaren, die durch ein
Dokumentarfilmprojekt zusammengeführt werden: Die Filmemacherin Ye-ji (Cho
Yeo-jeong) begleitet entlassene Fabrikarbeiter, um ihre Schicksale
festzuhalten. Dabei trifft sie auf den arbeitslosen Ho-seok (Sul Kyung-gu)
und dessen Frau Mi-ok (Jeon Do-yeon), die selbst in einer Fabrik angestellt
ist.
Ye-ji ist fasziniert von dem schweigsamen Ho-seok und der aufgeschlossenen
Mi-ok. Schon bald besucht sie die Familie zu Hause, man scheint sich
anzufreunden. Mi-ok zeigt sich derweil beeindruckt von Ye-jis reichem
Ehemann Sang-woo (Zo In-sung). Der erinnert sie an Steve Jobs, für den sie
seinerzeit eine Schwäche hatte, Sang-woo macht allerdings irgendwas mit
Hedgefonds.
[1][Lee Chang-dong, der insbesondere für seinen Spielfilm „Burning“ von
2018 international gefeiert wurde], entfaltet dieses soziale
Mikroexperiment von „Possible Love“, bei dem Arme und Reiche eine
unerwartete Nähe zueinander aufbauen, entlang der Dreharbeiten zu Ye-jis
Film. Alle Figuren wirken für sich erst einmal sympathisch, Ye-ji bezeugt
mit ihrem Engagement ernsthaftes Interesse, Mi-ok scheint für Sang-woo und
dessen selbstbewusst höfliche Art geradezu zu schwärmen, und selbst der von
seiner Lage traumatisierte Ho-seok erweckt in seiner eingepanzerten
Hilflosigkeit durchaus Rührung.
Von Anfang an streut Lee Chang-dong jedoch Details, mit denen er diese
vermeintliche Harmonie stört. Schon in einer der ersten Szenen, bevor die
Paare sich überhaupt kennengelernt haben, filmt Ye-ji auf einer Trauerfeier
für einen verstorbenen Fabrikkollegen von Ho-seok. Als dieser einen
Ausraster bekommt, rückt sie ihm extra mit der Kamera zuleibe, bis Ho-seok
sich empört. An anderer Stelle bewundert Mi-ok das elegante Hemd von Ye-ji,
um sie wenig später darauf hinzuweisen, dass solch ein Outfit für den Dreh
bei einer Gewerkschaft etwas unpassend ist.
## Erst am Ende läuft die Sache aus dem Ruder
Der aufdringliche Blick, für den Ye-jis Kamera symbolisch steht, zieht sich
wie ein Leitmotiv durch den Film. Er dient Lee Chang-dong vor allem dazu,
die eigentlichen Beweggründe der Beteiligten offenzulegen.
Selbstverständlich kann die Sache auf Dauer nicht gut gehen, richtig aus
dem Ruder läuft sie aber erst am Ende. Diesen Bogen mehr als zweieinhalb
Stunden tragen zu lassen, ist kein kleines Verdienst von „Possible Love“.
Geheimnisse hat auch Marie (Mathilde Arcel) in „Kvinde ukendt“ (Unknown
Woman) von [2][May el-Toukhy, die als einzige alleinige Regisseurin im
Wettbewerb vertreten ist]. Marie, ein Hausmädchen, steht kurz davor, ihren
Hausherrn, einen Fabrikbesitzer, zu heiraten. Es ist 1945, kurz nach Ende
der deutschen Besatzung.
Dann begegnet Marie auf der Straße unvermittelt einem alten Schulfreund,
der sie nötigt, mit ihm etwas trinken zu gehen. Bei dem Treffen deutet er
an, dass sie während des Kriegs von einem Deutschen schwanger wurde,
freiwillig. Er spürt als Teil des Widerstands Nazikollaborateure wie sie
auf, droht ihr indirekt.
Marie muss bald schon erklären, warum es ein Hakenkreuz an der Haustür gibt
und warum über sie im Haus getuschelt wird. May el-Toukhy inszeniert die
Geschichte vor gediegen historischer Kulisse, in der die Figuren einander
mit stocksteifer Förmlichkeit begegnen. Die alarmierte Marie spielt
Mathilde Arcel mit verkniffener Ängstlichkeit. Sie ist leider eine der
wenigen entwickelten Figuren. Der Rest des Personals bleibt dafür recht
eindimensional.
7 Sep 2026
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(DIR) Tim Caspar Boehme
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sich.