# taz.de -- Architekt aus Sri Lanka: Er spannte das Dach einfach zwischen die Felsen
       
       > Mit seinen modernen, der Natur angepassten Bauten gehört Geoffrey Bawa zu
       > den großen Architekten Asiens. Eine Ausstellung im Vitra Design Museum
       > macht ihn auch hier bekannter.
       
 (IMG) Bild: Außenansicht mit Affe: das Kandalama Hotel von Geoffrey Bawa in Dambulla, Sri Lanka
       
       Im Hotelzimmer baden und dabei Affen beim Klettern zusehen, während unter
       dem Gebäude Wasser hindurchfließt: Diese Erfahrung machte der
       Ausstellungskurator Johan Deurell im Kandalama Hotel in Sri Lanka. Das vom
       Architekten Geoffrey Bawa entworfene und 1991 erbaute Gebäude steht auf
       Stelzen am Rande eines jahrtausendealten Bewässerungssystems. So sollte es
       die Umgebung möglichst wenig beeinträchtigen, und das Wasser konnte weiter
       zu den Reservoirs fließen. Bei einem Rundgang durch die Wanderausstellung
       „Geoffrey Bawa. Architektur für die Sinne“ im Vitra Design Museum erzählt
       Deurell von diesem besonderen Ort.
       
       Über 250 Exponate an Filmen, Modellen, Möbeln und Zeichnungen Bawas sind im
       Vitra in mehreren thematisch geordneten Räumen ausgestellt. Ergänzt wird
       das historische Material durch neue fotografische Aufnahmen [1][des
       Architekturfotografen Iwan Baan]. Die letzte große Ausstellung zu Bawa fand
       kurz nach dessen Tod vor gut zwanzig Jahren im Deutschen Architekturmuseum
       in Frankfurt am Main statt. Seither wurde intensiv in seinen Archiven
       geforscht. Zu den interessantesten Funden zählen Bawas Schriften, wie
       Co-Kuratorin Shayari de Silva erzählt. Denn Bawa habe kaum Quellen
       hinterlassen; dank der Schriften gebe es nun „etwas mehr Klarheit“ über den
       Ursprung seiner entwerferischen Ideen. Beeindruckend sind auch seine
       detaillierten Pläne, die, wie viele Dinge in diesen Räumen, wie ein
       Kunstwerk für sich wirken.
       
       Der Titel der Ausstellung „Architektur für die Sinne“ verweist auch darauf,
       wie sich Bawas Architektur anfühlt, wenn man durch seine
       lichtdurchfluteten, von Natur umgebenen Bauten geht. Ein Beispiel ist das
       Jayawardene House, erbaut zwischen 1997 und 1998, das auf einer Klippe über
       der Bucht thront und von Bäumen umgeben ist. Seine Räume sind, wie Deurell
       erzählt, von einer „Meeresbrise“ des Indischen Ozeans durchzogen. Die
       sinnliche Erfahrung reichte bei Bawa bis ins Detail: „Alles, was man in
       seinem Haus in die Hand nimmt, ist perfekt für diese gemacht“, erklärt de
       Silva.
       
       Bawa wird 1919 als Sohn eines Anwalts und dessen Frau, die europäische und
       ceylonesische Vorfahren hat, in Colombo, heutiges Sri Lanka, geboren. In
       Großbritannien studiert er Englisch, Jura und wendet sich schließlich im
       Alter von fünfunddreißig Jahren der Architektur zu. Und er wird einer der
       bekanntesten Architekten Asiens des zwanzigsten Jahrhunderts, die
       Oberschicht, Unternehmen und staatlichen Institutionen gehören zu seinen
       Auftraggebern.
       
       ## Anpassung an die Umgebung
       
       Nach dem Studium in London ist der Bau einer Schule in Colombo im Jahr 1957
       Bawas erstes größeres Projekt. Doch weil er nicht in Sri Lanka, sondern in
       London studiert hat, [2][ist seine Bauweise für die klimatischen
       Bedingungen seiner Heimat ungeeignet]. Wiederholt regnet es durch das Dach
       der Schule. „Das freut die Schüler:innen, die dann frei haben“, sagt de
       Silva. Bawa beginnt, seine Architektur sinnvoller an die Umgebung
       anzupassen. Er integriert klassische Typologien Sri Lankas in sein Bauen,
       etwa das geneigte, mit Terrakotta-Ziegeln gedeckte Dach, das besser vor
       Sonne und Monsun schützt. Diese Loslösung von westlichen Normen in der
       Architektur, wird in der Ausstellung kaum ausgeführt. Etwas mehr Raum dafür
       hätte man sich jedoch gewünscht.
       
       Seine Arbeit wird auch von den politischen und wirtschaftlichen Umständen
       seiner Heimat beeinflusst: Als Bawa eine Architektenkarriere erwägt, wird
       Sri Lanka 1948 vom Britischen Empire unabhängig. Die folgenden Jahrzehnte
       sind von Protesten, Aufständen und wirtschaftlicher Instabilität geprägt.
       Im Kalten Krieg verfolgt das Land eine sozialistisch orientierte Politik
       mit geschlossener Volkswirtschaft und Importbeschränkungen. Glas, Baustahl
       und moderne Einrichtungsgegenstände sind kaum zu beschaffen.
       
       Deshalb und weil das heimische Mobiliar sehr traditionell im Vergleich zu
       seiner modernen Architektur wirkt, beginnt Bawa, gemeinsam mit
       Künstler:innen und Handwerker:innen vor Ort Möbel aus lokalen
       Materialien herzustellen. Einige von ihnen befinden sich nun inmitten eines
       gelb leuchtenden Raumes. Im Original fertigte Bawa solche Wände oft aus
       Lehm. Besonders sticht eine orange-braun gestreifte Adaption vom Barcelona
       Chair hervor. Schlägt dieser Griff zu [3][Lilly Reichs und Mies van der
       Rohes klassisch moderne Designikone] auch die Brücke zu einer Biographie,
       die von einem Leben zwischen Westeuropa und seiner südasiatischen Heimat
       zeugt?
       
       ## Überm nackten Felsen
       
       Anhand von Skizzen, Modellen und Fotos rekonstruiert die Ausstellung Bawas
       Arbeitsweise. Zum Beispiel für den Polontalawa Estate Bungalow, erbaut
       zwischen 1963 und 1967 für den Verwalter einer Kokosnussplantage: Erst ist
       da ein Grundstück mit Felsen und Schatten spendenden Bäumen. Um diese herum
       entwirft Bawa das Wohnhaus, spannte das Dach von einem Felsbrocken zum
       nächsten. Bei den Kandalama Hotel Pools ließ er die Badenden über einen
       nackten Felsen schwimmen. Der Anblick macht neidisch.Mit Geoffrey Bawa
       präsentiert das Vitra Design Museum einen Architekten, dessen Spiel mit
       Licht, Farbe und Natur unbestreitbar fasziniert. Er lässt sich einreihen in
       das Aufgebot an Stararchitekten, deren Gebäude sich auf dem Vitra-Campus
       befinden: Herzog & de Meuron, Zaha Hadid, Tadao Ando. Bawa hat hier weitaus
       mehr Bekanntheit verdient.
       
       21 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Fotobuch-ueber-Rom-und-Las-Vegas/!6030721
 (DIR) [2] /Star-Oekoarchitektin-Yasmeen-Lari/!5926049
 (DIR) [3] /Ausstellungen-100-Jahre-Bauhaus-Dessau/!6171788
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rahel Bueb
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Architektur
 (DIR) Ausstellung
 (DIR) Moderne
 (DIR) Sri Lanka
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Architektur der Tropischen Moderne: Mit Style und Widersprüchen
       
       Kolonial und postkolonial zugleich: das Victoria & Albert Museum in London
       widmet sich der Architekturgeschichte des „Tropical Modernism“.
       
 (DIR) Goldener Löwe für nigerianischen Künstler: Mit dem Freisinn der Selbstaneignung
       
       Wer ist Demas Nwoko? Der 87-jährige Künstler und Kulturvermittler wurde auf
       der Architekturbiennale in Venedig für sein Lebenswerk ausgezeichnet.
       
 (DIR) Star-Ökoarchitektin Yasmeen Lari: So bauen, dass wir überleben können
       
       Architektin Yasmeen Lari baute in Pakistan früher Großes aus Beton und
       Glas. Dann rief sie eine Zero-Carbon-Selbstbau-Bewegung ins Leben.