# taz.de -- Berliner Food-Influencerin: Taiwan hat viele Schichten
       
       > Sissi Chen stellt im Berliner Pfefferberg ihr neues Kochbuch vor. Es geht
       > um Kolonialgeschichte, Migration und ihre eigene geteilte
       > Familiengeschichte.
       
 (IMG) Bild: Sissi Chen bei ihren Recherchen in Taiwan
       
       Sissi Chen steht an einem großen Tisch im Pfefferberg und schneidet Eier
       durch. Es sind so um die 70, gekocht und braun marmoriert. „Ich konnte
       schließlich nicht 150 Eier kochen“, sagt sie entschuldigend zum Publikum,
       das nach der Lesung aus ihrem neuen Kochbuch „Eating in Taiwan“ auch etwas
       davon probieren soll.
       
       Es sind Tee-Eier, jener allgegenwärtige taiwanische Snack, den man dort
       sogar im Kiosk bekommt: hart gekocht, die Schale angeschlagen, aber nicht
       entfernt, dann mit Tee, Sojasauce, Zimt, Lorbeer und Sternanis mariniert.
       So lange, bis das Ei weniger nach muffigem Frühstück schmeckt als nach
       würzigem Konfekt. Ein guter Auftakt für einen Abend über ein Land mit
       vielen Schichten.
       
       Chen wurde Ende der 80er Jahre in Peking geboren und verbrachte ihre ersten
       Lebensjahre in China, größtenteils bei den Großeltern. Mit sieben zog sie
       zu ihren Eltern nach Wien, 2010 für ein Praktikum nach Berlin – und blieb.
       
       Heute ist sie mit ihrem Insta-Kanal „Eating in Berlin“ eine bekannte Stimme
       einer neuen, selbstbewussten chinesischen Food-Szene, die zeigt, wie wenig
       chinesische Küche mit Schweinefleisch süß-sauer und brauner Glibbersauce zu
       tun haben muss. Handgezogene Nudeln, geschlagene Gurken, [1][Jiaozi] und
       [2][Jianbing]: Chen hat den Berliner Blick auf eine der besten und
       vielfältigsten Küchen der Welt geweitet.
       
       Nach „Einfach chinesisch“, einem Kochbuch, mit dem selbst ältere Kinder
       beim Nachkochen Erfolgserlebnisse sammeln können, erscheint nun bei DuMont
       „Eating in Taiwan“. Wieder geht es um weitaus mehr als Rezepte. Chen ist
       eine große Vermittlerin und versteht Essen als Zugang zu Kultur und
       Geschichte: Es erzählt, „wo Menschen herkommen, wie sie leben und wer sie
       sind“, schreibt sie.
       
       Dass ihr daran gelegen ist, hat wohl auch mit weniger appetitlichen
       Erfahrungen zu tun, mit denen hierzulande die meisten Menschen mit
       asiatischen Wurzeln konfrontiert sind. Erst Anfang 2025 fragte
       Radioeins-Moderator Volker Wieprecht sie in einem Gespräch über das
       chinesische Neujahr breitbeinig nach „Schlangensuppe“ und sagte: „Ich will
       jetzt nicht von den viel beschriebenen Hunden anfangen.“ Chen nannte das
       Gespräch rassistisch, der RBB nahm es offline und entschuldigte sich.
       
       ## Die Geschichte der Insel wurde oft überschrieben
       
       „Eating in Taiwan“ ist nun fast noch interessanter als Chens erstes
       Kochbuch, weil Taiwan eben Taiwan ist – und nicht die Volksrepublik China.
       Die Geschichte der Insel, die kaum so groß ist wie Baden-Württemberg und
       wenig mehr Einwohner*innen hat als die Niederlande, wurde aufgrund
       ihrer strategisch wertvollen Lage so oft neu überschrieben, dass selbst
       hybride Stadtkulturen wie die in Hongkong oder Singapur damit kaum Schritt
       halten können.
       
       Lange vor der chinesischen Masseneinwanderung kamen dort austronesische
       Völker an, sprachlich verwandt mit Menschen von den Philippinen bis
       Polynesien. Portugiesen notierten im 16. Jahrhundert „Ilha Formosa“, schöne
       Insel. 1624 kamen die Niederländer, 1626 die Spanier.
       
       Dann kamen Zheng-Herrschaft und Qing-Reich; aus den südchinesischen
       Provinzen Fujian und Guangdong wanderten Han-Chinesen ein. 1895 wurde
       Taiwan 50 Jahre lang japanische Kolonie. Nach 1949 war die Insel
       Rückzugsort der im Bürgerkrieg unterlegenen Kuomintang. 38 Jahre lang
       regierte sie dort autoritär, inklusive Kriegsrecht.
       
       Und diese ganze Geschichte lässt sich im Essen Taiwans ablesen. Auf dem
       Podium erzählt Chen plastisch von Süßkartoffel-Reissuppe. Die Süßkartoffel
       war schon vor der japanischen Herrschaft verbreitet; in der Kolonialzeit
       wurde sie existenziell. Japan ließ große Mengen hochwertigen Reises ins
       Mutterland schaffen – um 1937 etwa die Hälfte der Produktion.
       
       Viele Einheimische streckten den minderwertigen Reis, der ihnen blieb, mit
       Süßkartoffeln. Chen erzählt auch von Tomaten, die mit süßer Sauce gegessen
       werden, mit Zucker, der Taiwans Kolonialökonomie prägte, und von Tofu mit
       Wasabi, der grünen Wurzel aus Japan, ein Import, der anders als der
       Reisklau auf Taiwan auf viel Gegenliebe stieß.
       
       Sissi Chen erzählt von der Hirse der Bunun, einem der indigenen Völker, bei
       denen das Getreide rituelle Bedeutung besitzt. Und der taz erzählt sie,
       dass auf Taiwan chinesische Traditionen überlebten, die auf dem Festland
       während der Kulturrevolution bekämpft wurden.
       
       Taiwan war zwar kein konservatorisches Idyll: Japanisierung, später
       Mandarinisierung und die Unterdrückung lokaler und indigener Sprachen
       hinterließen Verluste. [3][Die Kulturrevolution von 1966 bis 1976 in der
       Volksrepublik] jedoch blieb Taiwan erspart. Tempel, Ahnenrituale,
       traditionelle Schriftzeichen, Medizin und so manches Rezept haben hier
       deshalb eine ganz andere Kontinuität.
       
       ## Sie wurde herzlich empfangen
       
       Am berührendsten wird das neue Buch von Sissi Chen dort, wo die Autorin von
       ihrer eigenen Familiengeschichte berichtet. Die Schwester ihrer Großmutter
       ging 1949 von Peking nach Taiwan. Jahrzehntelang trennte die Taiwanstraße
       politische Systeme und Verwandte. 1987 wurde familiärer Kontakt wieder
       möglich, aber erst 2008 war uneingeschränkte Kommunikation möglich,
       schreibt Chen. 2019 reiste die Autorin erstmals nach Taiwan, wurde herzlich
       empfangen, wie sie berichtet – und in eine Esskultur eingeführt, die ihr
       gleichzeitig fremd und vertraut war.
       
       So wie Chens Kochbücher mehr als Kochbücher sind, so sind die siebzig
       halbierten Tee-Eier am Ende auch mehr als ein Promo-Gag. Sie sind das,
       wovon dieser Abend handelt: etwas Banales, das durch Zeit und Einwirkung
       einen neuen Geschmack bekommt, ohne dabei ganz seinen Kern zu verlieren.
       
       In einer Zeit, in der das demokratische, pluralistische Taiwan militärisch
       immer stärker [4][von der autoritären Regierung der Volksrepublik China
       unter Druck gesetzt wird] und Gespräche darüber auch in der chinesischen
       Diaspora heikel sein können, bekommt Chens persönliche Archäologie
       zusätzliches Gewicht. Man verlässt den Pfefferberg mit einer Erkenntnis,
       die selbst die besten Kochbücher selten auslösen: Geschichte liegt nicht
       nur in Archiven. Manchmal liegt sie, braun marmoriert, auf einem Teller.
       
       7 Oct 2026
       
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