# taz.de -- Migrationsforschung in Berlin: Von kulinarischem Rassismus und anderen Kleinigkeiten
       
       > Das Forschungsprojekt „Affective Societies“ der FU feiert seinen
       > Abschluss. Es hat viel zum Communitybuilding der Deutschvietnamesen
       > beigetragen.
       
 (IMG) Bild: Ein vietnamesisches Restaurant in der Herzbergstraße in Berlin-Lichtenberg
       
       Es gab veganes vietnamesisches Essen und man konnte wählen, ob man an einem
       Tisch oder auf dem Teppich im Schneidersitz sitzen wollte. Während es sich
       die Deutschen überwiegend an den Tischen schmecken ließen, saßen die vielen
       DeutschvietnamesInnen auf der Erde. „Das hat mich an meine Kindheit
       erinnert“, sagte im Anschluss ein Deutschvietnamese Mitte 30. „Seit ich
       eine eigene Wohnung habe, habe ich dieses gemeinschaftliche Essen auf der
       Erde nicht mehr erlebt, und es tat richtig gut.“ Die Gäste sollten sich
       gegenseitig mit ihren Essstäbchen das Essen in die Schüsseln geben. Wie in
       einer vietnamesischen Großfamilie.
       
       Was wie ein Communityevent klingt, war es auch. Gut 100 Gäste waren am
       Montag zum feierlichen Abschluss eines 12-jährigen Sonderforschungsbereichs
       der Freien Universität gekommen – die meisten in Deutschland geborene
       Kinder vietnamesischer Familien, die inzwischen erwachsen sind. Die
       Langzeitforschung „Affective Societies“ beschäftigte sich hauptsächlich mit
       dem vietnamesischen Leben in Berlin und trug – wie auf der Feier deutlich
       zu sehen war – zur Communitybildung der zweiten Generation bei, also der
       DeutschvietnamesInnen, die sich selbst gern Việtdeutsche nennen. Weil deren
       VertreterInnen mitforschten, Öffentlichkeitsarbeit betrieben oder ihre
       eigenen Kindheitserfahrungen in der ethnologischen Forschung gut
       reflektiert fanden.
       
       Zum Beispiel beim Thema Kulinarik. Projektleiterin Anita von Poser sprach
       von „kulinarischem Rassismus“, wenn Ernährungspraktiken von ZuwanderInnen
       von der Mehrheitsgesellschaft abgewertet werden. Wenn es zum Beispiel
       heißt, das Essen, das die Schülerin in der Pause aus ihrer Brotdose hole,
       „stinkt“. Eine Erfahrung, die viele Gäste als Kinder gemacht haben. Dabei
       geben kulinarische Praktiken den Menschen ein Stück Heimat, die Abwertung
       erlebten sie als verletzend, so von Poser.
       
       Und überhaupt: Was ist authentische vietnamesische Küche, die viele Gäste
       in vietnamesischen Restaurants suchen? Die Küche aus einem Dorf ohne äußere
       Einflüsse, also die Küche von ganz armen Menschen, die mit diesem Begriff
       romantisiert wird? „Ich koche auch authentisch“, sagte eine Frau aus dem
       Publikum, die in Sachsen aufwuchs. Dort lernte sie typische DDR-Gerichte
       wie Jägerschnitzel schätzen und vermischt diese heute mit dem Essen, das
       ihre Eltern kochten.
       
       Die Gastronomie war ein Bereich, den sowohl Bootsflüchtlinge in den
       westlichen Bundesländern ab 1980 als auch ehemalige VertragsarbeiterInnen
       nach der Wende für sich entdeckten: Ein Wirtschaftszweig, der den Einsatz
       der ganzen Familie erforderte, obwohl die Arbeitszeiten
       familienunfreundlich waren. Wer hier kochte, war kein ausgebildeter Koch,
       sondern vielleicht ein Ingenieur oder jemand, der zuvor als Ungelernter in
       einem Textilbetrieb gejobbt hatte. Und man musste sich den kulinarischen
       Wünschen der Mehrheitsgesellschaft anpassen.
       
       Bis nach der Jahrtausendwende nannten sich die meisten von VietnamesInnen
       betriebenen Restaurants in Berlin „China-Restaurant“. Auf der Speisekarte
       standen Ente kross, Ente süßsauer und Chinapfanne. Am Abend kochte die
       Gastrofamilie für sich selbst, was ihnen schmeckte – etwas ganz anderes.
       Dann kam die Probierphase: Man nahm ein oder zwei vietnamesische Gerichte
       in die Speisekarte auf. Manchmal kam das bei den Gästen an. Manchmal wurde
       es gar nicht bestellt und die Zutaten mussten entsorgt werden, während die
       Gäste weiterhin Ente kross wünschten. Heute nennen sich viele Restaurants
       selbstbewusst vietnamesisch. Aber die Gerichte werden mit weniger frischen
       Kräutern serviert, als es die GastronomInnen für sich selbst zubereiten.
       
       Forscherin Edda Willamowski berichtete auch, wie Kulinarik den Zugang zur
       Integration öffnen kann: Sie forscht zu angeworbenen vietnamesischen
       Azubis. Immer wieder sei sie in Berufsschulen mit der Aussage konfrontiert
       worden, man habe zu ihnen keinen Zugang. Aber in einer Altenpflegeschule
       habe sich das irgendwann geändert: Der Schule war aufgefallen, dass die
       vietnamesischen Azubis selbst gekochtes Essen mitbringen, es aber nicht
       aufwärmen konnten. Sie schaffte eine Mikrowelle an und stellte sie in das
       Büro der Schulsozialarbeiterin. Seitdem gebe es Gespräche zwischen den
       Azubis und der Sozialarbeiterin, so die Erfahrung – zuerst über das Essen,
       irgendwann auch über andere Themen.
       
       Masterstudentin My Dao erzählte von einer ganz anderen Erfahrung: Sie ist
       in Sachsen-Anhalt aufgewachsen, in einer Ortschaft, wo es kaum
       ZuwandererInnen gab. Sie wollte dazugehören, deutsch sein, deutsch essen,
       hatte ihre vietnamesische Seite viele Jahre verleugnet. Bis zur
       Coronapandemie. Der neu aufkeimende antiasiatische Rassismus führte dazu,
       dass sie sich zuerst virtuell, dann auch im realen Leben mit der Community
       vernetzte. Heute schätzt My Dao vietnamesisches Essen wieder sehr.
       
       8 Jul 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Marina Mai
       
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