# taz.de -- Neue Trends in der chinesischen Küche: Soft Power geht durch den Magen
> Junge Chines*innen erleben den Hype um authentische Küche als ein
> Stück Heimat in der Fremde – und als Chance: für ein differenzierteres
> Chinabild.
(IMG) Bild: Wei Li, Besitzerin der Bingery
Neun Uhr morgens an einem Sonntag in Berlin-Wedding. Drei Stunden vor der
offiziellen Öffnungszeit haben sich rund 100 Gäste in einem Restaurant
versammelt, um eine Karte zu studieren. Rui Fang erklärt die Planquadrate
mit PowerPoint und Ansteckmikrofon: Blaue Punkte stehen für Imbisse mit
handgezogenen Nudeln, rote für Hotpot-Restaurants, grüne für vegane
Optionen.
Fangs Vortrag ist wie die von ihm entwickelte „Vollständige Karte
chinesischer Restaurants in Berlin“ zweisprachig. „Die Offenheit für
[1][authentische chinesische Küche] wächst“, erklärt der 41-Jährige in
Mandarin und Englisch. „Es findet ein Generationenwechsel statt: Heute sind
die Menschen, die chinesische Restaurants eröffnen, jünger als früher.
Viele von ihnen kamen als Studierende nach Deutschland.“
Rui Fang zog 2002 für ein Umwelttechnikstudium nach Deutschland. Seit 2022
lebt er in Berlin und organisiert für die chinesischsprachige Community
Touren und Beratungsveranstaltungen, etwa über die sexpositive Clubszene
oder darüber, wie man im deutschen Gesundheitssystem einen
Psychotherapieplatz ergattert.
Wie für viele Chines*innen bedeutet essen für Fang ein Stück Heimat in
der Fremde. Dass sie sich Berlin vor allem durch den Magen erschließen,
zeigt auch ein Blick in die beliebte chinesische Social-Media-App
Xiaohongshu (englisch: RedNote). Am kulinarischen Mainstream Deutschlands
vorbei werden dort Restaurants geteilt und bewertet – etwa danach, wie
authentisch sie regionale Küchen Chinas abbilden oder zumindest an solche
erinnern.
So ist dort beispielsweise ein unscheinbares türkisches Lokal im Norden der
Stadt berühmt, weil es Schafskopfsuppe anbietet, die der Zubereitung in
Westchina erstaunlich ähneln soll. Die Besitzer, heißt es in einem Beitrag,
hätten sogar chinesische Begrüßungsfloskeln gelernt, um die ungewohnten
Gäste willkommen zu heißen.
## Spitzname: „Nudel-Berghain“
Die Nachricht, dass die chinesische Kette Chen Xiang Gui ihre erste
europäische Filiale unweit eines Studentenwohnheims in Wedding eröffnet,
verbreitete sich auf der App wie ein Lauffeuer. In der Nachbarschaft hatte
das Eckrestaurant bald den Spitznamen „Nudel-Berghain“ weg, weil man vor
allem am Wochenende lange Schlange stehen musste.
Aber es sind nicht nur die Chines*innen, die die neue Vielfalt feiern. Vor
allem junge Berliner*innen haben die Küche für sich entdeckt. Dazu
zählen Moritz Simons und Jette Büchsenschütz, die jede Woche zusammen mit
Freunden ein neues Restaurant ausprobieren und in einem Instagram-Tagebuch
namens „Chinese Tuesday“ darüber posten.
„Die Geschmäcker und Konsistenzen chinesischer Küchen sind reichhaltiger
und komplexer als vieles, was wir in Europa kennen“, sagt Simons, der als
Artdirector in der Werbung arbeitet. Seine Partnerin, die im Theaterbereich
tätig ist, ergänzt: „Es wird einem nicht langweilig. Gleichzeitig erscheint
mir die Küche gesünder und grundsätzlich nachhaltiger, weil bei Fleisch und
Fisch alles verwertet wird.“
Viele Chines*innen zeigen sich überrascht, wie gut ihre Küche inzwischen
ankommt. Jahrelang wurde sie in Deutschland vor allem mit eingedeutschten
Varianten wie süßsauer oder Erdnusssauce assoziiert. Die Menschen an
Gerichte jenseits von Nudeln und Reis heranzuführen sei jedoch nach wie vor
schwer, sagt Wei Li. Die 32-Jährige betreibt mit zwei
Geschäftspartner*innen in Schöneberg die Bingery, einen Imbiss, der
sich ganz dem Streetfoodklassiker Jianbing verschrieben hat, eine Art
Omelettwrap mit Knusperschicht, der in Nordchina etwa so verbreitet ist wie
in Deutschland das Butterbrot.
## Teil einer „sehr reichen Kultur“
Wei Li war zuvor als KI-Ingenieurin für einen Autozulieferer tätig und
entwickelte Stimmerkennungssysteme, die Babyschreie in überhitzten Autos
erkennen und Warnsignale aussenden können. Doch bei der Arbeit vor dem
Computer habe ihr die Interaktion mit Menschen gefehlt, sagt Li, die mit 21
Jahren allein nach Deutschland kam.
Als sich aus der psychischen Belastung Angststörungen entwickelten, traute
sie sich zunächst nicht, ihrer Familie zu sagen, dass eine andere Karriere
vielleicht doch besser für sie sei. „Wie bei vielen Familien in China
teilte auch ich mit meinen Eltern lange nur die guten Nachrichten.“ Ihr
Vater habe ihr dann „ohne viele Worte“ Geld auf den Tisch gelegt – seine
Art von „Love-Language“, sagt Li und bekommt feuchte Augen, als sie an den
Moment zurückdenkt. „Da wusste ich, dass ich doch eine Familie habe, auf
die ich zählen kann.“
Li hätte auch in der boomenden KI-Branche ihres Landes einen Spitzenjob
bekommen können. Jianbing zu verkaufen, war eine bewusste Entscheidung, aus
dem Hamsterrad auszusteigen. Den Menschen die Küche Chinas näherzubringen,
habe sie auch ein Stück weit mit ihrer Heimat versöhnt, der sie lange eher
distanziert gegenüberstand. „Ich bin heute sehr stolz auf unser Essen, das
ja Teil einer sehr reichen Kultur ist.“
Essen sei immer auch ein Stück Soft Power, sagt Kachun To, Betreiber des
Bao Gao Club, eines auf südchinesische Küche spezialisierten Restaurants in
Prenzlauer Berg. „Oft wird China als monolithischer Block gesehen,
reduziert auf die politische Führung oder systemische Aspekte wie den des
Systemrivalen.“
Durch Essen könne man Menschen ein differenzierteres Bild vermitteln. „Es
gibt Parallelen zur japanischen Küche“, sagt To, der wie Li zuvor in der
Techbranche tätig war. „Sushi und Co sind in den 70er und 80er Jahren bei
uns durch die Decke gegangen, weil man Japans Erfolg gesehen hat und das
Land besser kennenlernen wollte.“ Das treffe jetzt auch auf die
Volksrepublik zu. „Die Menschen sehen Techmetropolen wie Shenzhen und
Shanghai und fühlen auch etwas Neid: Warum klappen Dinge dort, die wir in
Deutschland nicht hinbekommen?“
Im Zuge des anhaltenden Trends wagen auch vermehrt Franchiseketten aus
China den direkten Weg nach Europa, etwa der Hotpot-Anbieter Yangguofu
Malatang, der in nur zwei Jahren über zehn Filialen in Deutschland eröffnet
hat. Mehr Wettbewerb sieht To nicht nur als Gefahr, sondern sogar als
Vorteil. „Wenn man der Einzige ist, der etwas Neues machen will, ist es
extrem schwer, sein Angebot am Markt zu etablieren.“ Wenn chinesische
Anbieter nicht selbst in den Markt drängen, werden es ohnehin andere tun,
sagt er. Viele Sushirestaurants etwa würden heute längst nicht mehr
hauptsächlich von Japanern geführt. „Kopieren liegt in der Natur des
Geschäfts.“
17 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Fabian Peltsch
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