# taz.de -- Fehlerkultur bei der Polizei: Polizei erfreut über mehr Beschwerden
> Immer mehr Bürger*innen beklagen sich über die Polizeiarbeit. Dabei
> kennen viele der oft von Fehlverhalten Betroffenen die Beschwerdestelle
> nicht.
(IMG) Bild: Gewaltmonopol erzeugt Rechtfertigungsdruck: Polizisten auf dem Hamburger Hansaplatz
1.338 Mal beschwerten sich Bürger*innen im vergangenen Jahr bei der
Hamburger Polizei über dieselbe. Die beim Polizeipräsidium angesiedelte
„Dienststelle Beschwerdemanagement und Disziplinarangelegenheiten“ soll
[1][ihre Jahresbilanz] am kommenden Mittwoch der Bürgerschaft zur Kenntnis
geben. Inhaltlich vorgestellt wird sie dort aber nicht, sondern
voraussichtlich auf Antrag der Linksfraktion in den Innenausschuss
überwiesen.
Dort wird die Polizei dann einen deutlichen Anstieg der Beschwerden
gegenüber dem Vorjahr melden müssen, nämlich um 22 Prozent. Polizei und
Innenbehörde werten das aber positiv: Die Bekanntheit der Stelle sei
gestiegen, ebenso das Vertrauen der Bürger*innen in das
Beschwerdemanagement.
Die weitaus meisten Beschwerden, die 2025 bei der Dienststelle eingingen,
wurden von der Polizei als unbegründet eingestuft. Zum Stichtag 2. Januar
2026 wurden nur 184 Fälle, also rund 14 Prozent, als berechtigt oder
teilweise berechtigt klassifiziert. Als berechtigt versteht die Polizei
eine Beschwerde nur, wenn im entsprechenden Fall „eindeutig ein belegtes
polizeiliches Fehlverhalten vorliegt“.
Als unberechtigt gelten Fälle etwa, wenn „das polizeiliche Handeln zwar
einwandfrei erfolgte, jedoch möglicherweise schwer nachvollziehbar ist“. In
so einem Fall macht es sich die Beschwerdestelle zur Aufgabe, das Handeln
der Polizei gegenüber dem/der Beschwerdeführer*in verständlich zu
erklären.
## Die Beschwerdestelle will nicht unabhängig sein
Die Beschwerdestelle war 2020 als Konsequenz aus den Ereignissen um den
G20-Gipfel in Hamburg eingerichtet worden. Vor allem die Grünen hatten sich
dafür starkgemacht und das Vorhaben im Koalitionsvertrag mit der SPD
verankert. Aber weil es [2][eben nicht unabhängig ist], sondern beim
Polizeipräsidium angesiedelt, wurde das Projekt von Beginn an viel
kritisiert und als zahnloser Tiger dargestellt. Auch eine Reform im März
2021 änderte daran nichts, sondern erschöpfte sich in einer
Umstrukturierung der Verwaltung.
Internationale Menschenrechtsgremien empfehlen Deutschland seit Jahren die
Einrichtung unabhängiger Polizei-Beschwerdestellen mit eigenen
Ermittlungsbefugnissen, sowohl auf Bundes- als auch auf Länderebene. Die
Hälfte der Bundesländer hat mittlerweile eine solche, beim jeweiligen
Landesparlament angesiedelte Ombudsstelle oder Landespolizeibeauftragte.
Allerdings fehlen ihnen meist eigene Ermittlungsbefugnisse, sodass sie de
facto [3][doch auf die Zuarbeit der Innenministerien angewiesen] sind.
Die Beschwerdestelle der Hamburger Polizei ist von einer unabhängigen
Stelle wie sie etwa Amnesty International oder das Deutsche Institut für
Menschenrechte fordert, meilenweit entfernt. Es ist auch nicht ihr
Anspruch, sich daran zu orientieren.
Die Leiterin der Dienststelle, Anke Opp, schreibt in der Einleitung des
diesjährigen Berichts: „Das Beschwerdemanagement versteht sich als
bedingungsloser Ansprechpartner bei offenen Fragestellungen der Bürgerinnen
und Bürger zum Handeln der Polizei Hamburg.“ Der Linkenabgeordnete Deniz
Çelik hatte die Stelle in einer Kleinen Anfrage 2022 als Marketingstelle
der Polizei für die Polizei bezeichnet.
„Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass die Polizei ihre eigene
Beschwerdestelle durch mehr Öffentlichkeitsarbeit bekannter macht, sondern
dadurch, dass sie sich unabhängiger Kontrolle stellt“, kritisiert Çelik den
diesjährigen Bericht gegenüber der taz. Die Linke fordert schon lange eine
unabhängige Stelle mit eigenen Ermittlungsbefugnissen.
Çelik weist zudem darauf hin, dass vor allem Menschen mit
Migrationsgeschichte die Beschwerdestelle kaum kennen und nutzen. Die
Polizei schreibt in ihrem Bericht, dass Migrant*innen in zweiter und
dritter Generation das geringste Vertrauen in die Fehlerkultur der Polizei
aufweisen. Gleichzeitig gab diese Gruppe besonders häufig an, Anlass für
Beschwerden gegenüber der Polizei gehabt zu haben.
Sina Imhof, innenpolitische Sprecherin der Grünen, lobte die Arbeit der
Beschwerdestelle zwar als Instrument der Bürgernähe und Zeichen, dass die
Polizei bereit sei, aus ihren Fehlern zu lernen. Der Anstieg der
Beschwerden habe wohl mit der höheren Bekanntheit der Stelle und der
gestiegenen Bereitschaft, Fehler zu melden, zu tun.
„Aber eine gewachsene Unzufriedenheit kann nicht ausgeschlossen werden“,
sagte Imhof der taz. Bei einer Befragung hatten nur 16 Prozent der
Hamburger*innen angegeben, die Stelle zu kennen. Imhof fordert deshalb
mehrsprachige und leicht auffindbare Informationen und eine gezielte
Ansprache von Gruppen, bei denen die Stelle noch wenig bekannt ist.
## 28 Beschwerden wegen Rassismus
Inhaltlich ähneln die im vergangenen Jahr eingegangenen Beschwerden denen
der vorherigen Jahre. Mehr als die Hälfte der Meldungen bezieht sich auf
das Einsatzverhalten der Polizist*innen. Den zweitgrößten Posten macht die
Kategorie „Sonstiges“ aus. Darunter fasst die Polizei Beschwerden wegen als
unrechtmäßig empfundener Platzverweise, Identitätsfeststellungen oder
Ingewahrsamnahmen.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Kategorie „Ermittlungen“, also etwa, wenn
Bürger*innen meinen, dass Ermittlungen zu lange dauern oder einseitig
geführt werden. Etwas mehr als jede sechste Beschwerde bezog sich auf den
Bereich Verkehr.
28 Beschwerden gingen wegen Rassismus ein, sechs davon wegen Racial
Profilings. Hinzu kamen 58 Meldungen wegen [4][Diskriminierung]. Dazu
liefert der Bericht ein reales Beispiel: Ein Verkehrspolizist wollte einer
Autofahrerin signalisieren, dass sie in einer Umleitungssituation
weiterfahren sollte. Sie war stehen geblieben, was aus Sicht des Polizisten
unnötig war.
„Der Beamte wollte die Autofahrerin durch einen Zuruf ermutigen“, steht in
dem Bericht, und weiter: „Dabei nutzte er ein verniedlichendes Kosewort
(‚Mäuschen‘).“ Dass das nicht gut ankam, sah der Verkehrspolizist hinterher
ein. Die Dienststellenleitung entschuldigte sich schriftlich bei der
Beschwerdeführerin.
Solche Sensibilisierungsgespräche, wie wohl auch im Fall des
Mäuschen-Polizisten, sind die häufigste Konsequenz aus den Meldungen. 121
Mal suchte ein*e Dienststellenleiter*in ein solches Gespräch mit
einem*r Mitarbeiter*in. In einzelnen Fällen wurden zusätzlich
Fortbildungen angeordnet. 27 Fälle wurden ans Dezernat Interne Ermittlungen
weitergereicht – das ebenfalls bei der Polizei angesiedelte Ermittlungsteam
für potenziell straffällig gewordene Beamt*innen.
8 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/lib/pdfjs/web/viewer.html?locale=de-DE&file=https%3A%2F%2Fwww.buergerschaft-hh.de%2Fparldok%2Fdokument%2F105443%2F23_05552_buergerschaftliches_ersuchen_vom_11_november_2020_mehr_transparenz_und_buergernaehe_hamburgs_polizei_bekommt_eine_neue_beschwerdestelle_drs_22_1930_hi#pagemode=none&search=Beschwerdestelle&phrase=false&parldokSearchResults=Beschwerdestelle
(DIR) [2] /Neue-Beschwerdestelle-in-Hamburg/!5711714
(DIR) [3] https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/Analyse_Studie/Analyse_Parlamentarische_Polizeibeauftragte.pdf?utm_source=chatgpt.com
(DIR) [4] /Sondereinsatzkommando-auf-Abwegen/!6217271
## AUTOREN
(DIR) Katharina Schipkowski
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