# taz.de -- Israelischer Fußball: Weit weg von Normalität
> Nach dem Terrorangriff der Hamas hat sich auch im israelischen Fußball
> viel verändert. Es gibt mehr Unsicherheit, Zerrissenheit und Rassismus.
(IMG) Bild: International ohne Heimstätte: Team und Fans feiern im August den 2:0-Erfolg von Hapoel Be’er Sheva bei Roter Stern Belgrad
Von Heimspielen im herkömmlichen Sinne kann keine Rede mehr sein, denn die
Heimatstadt ist weit weg. Aus Sicherheitsgründen muss der Fußballklub
Hapoel aus Kirjat Schmona, der nördlichsten Stadt Israels, seine Heimspiele
in Netanja bestreiten, 150 Kilometer weiter im Süden gelegen. „Wir fühlen
uns wie Flüchtlinge im eigenen Land“, sagt Yehiam Cohen, der in Kirjat
Schmona aufgewachsen ist und seit der Kindheit Fan von Hapoel ist. „Unsere
Gemeinschaft ist getrennt und im ganzen Land verteilt.“
[1][Der 7. Oktober 2023] war eine Zäsur für Israel. Beim Angriff der Hamas
wurden mehr als 1.200 Menschen getötet und über 250 verschleppt. Auch
heute, drei Jahre später, prägen dieses Trauma und der folgende Krieg die
israelische Gesellschaft und die palästinensischen Gebiete. Für viele
zivilgesellschaftliche Gruppen ist das Gedenken an die Opfer zu einem
zentralen Anliegen geworden – auch im Fußball.
Deutlich wurde das auch im Norden. Nach der Eskalation im Oktober 2023
griff die Hisbollah aus dem benachbarten Libanon mit Raketen und Drohnen
israelische Städte an. Besonders unter Beschuss: Kirjat Schmona mit seinen
23.000 Einwohnern. In wenigen Tagen wurden dort Hunderte Wohnungen,
öffentliche Gebäude und Straßen beschädigt oder zerstört. Die israelische
Regierung ordnete die Evakuierung der nördlichen Gemeinden an. 60.000
Menschen wurden in Hotels, Wohnungen und Notunterkünften im ganzen Land
untergebracht.
Betroffen war auch [2][Hapoel Ironi Kirjat Schmona], der israelische
Fußballmeister von 2012 und Pokalsieger von 2014. Das Stadion mit seinen
rund 5.000 Plätzen wurde von sieben Raketen getroffen und stark beschädigt.
Innerhalb von wenigen Tagen musste der Klub seine Evakuierung organisieren.
„In den ersten sechs Monaten musste unsere Mannschaft fast jeden Tag auf
einem anderen Platz trainieren“, sagt Yehiam Cohen. „Zum Glück haben uns
viele Klubs ihre Anlagen kostenfrei zur Verfügung gestellt.“
## Großer Koordinierungsaufwand
Yehiam Cohen ist ein prägender Kopf der Blue Lions 07, der größten
Fan-Vereinigung von Hapoel Ironi Kirjat Schmona. Er verbringt täglich
mehrere Stunden am Handy und in sozialen Medien, um das Netzwerk aktiv zu
halten. Vor den Spielen koordiniert er Busse und Fahrgemeinschaften
zwischen vier oder fünf Städten, sodass möglichst viele Fans in das
Ausweichquartier nach Netanja reisen können. Wenn es gut läuft, kommen 200
Zuschauer, sagt Cohen.
Von Normalität kann auch an anderen Standorten keine Rede sein, auch nicht
bei Hapoel Be’er Scheva, einer Stadt, die 40 Kilometer von Gaza entfernt
liegt. Am 7. Oktober 2023 waren unter den Opfern der Hamas auf dem
Nova-Musikfestival auch Fans von Hapoel. In den Wochen danach kamen
Anhänger zusammen, um über ihren Schock zu sprechen.
Aber die Stimmung blieb angespannt. Im September 2024, knapp ein Jahr nach
dem 7. Oktober, hatte die israelische Militäroffensive in Gaza bereits rund
40.000 Leben gefordert. Zu diesem Zeitpunkt empfing Hapoel Be’er Scheva in
der israelischen Liga den FC Bnei Sachnin, den wichtigsten arabisch
geprägten Klub Israels. Während der israelischen Hymne drehten sich Fans
von Bnei Sachnin mit dem Rücken zum Spielfeld und buhten. Daraufhin
stürmten Dutzende Anhänger von Be’er Scheva mit Stangen den Rasen. Das
Spiel wurde gar nicht erst angepfiffen.
„Der Schock des 7. Oktober saß einfach zu tief und jeder ging damit
unterschiedlich um“, sagt Yaron Alfi, ein langjähriger Ultra von Hapoel
Be’er Scheva. „Heute wäre ein solcher Platzsturm undenkbar.“ Alfi und seine
Freunde haben in Be’er Scheva Formate für das Erinnern etabliert.
## Zunehmender Rassismus gegen arabische Menschen
Fans wie Yehiam Cohen und Yaron Alfi waren im September in Berlin zu Gast,
[3][auf Einladung der Koordinationsstelle Fanprojekte KOS.] Dort sprachen
sie mit deutschen Fans und Experten über Solidarität und Gedenken, über
Politik und Rassismus. Und schnell wurde deutlich, dass die Grenzen
zwischen diesen Themen oft fließend sind.
Studien des israelischen Antidiskriminierungsnetzwerks „Kick It Out“
belegen, dass der Rassismus gegen arabische Menschen in den israelischen
Stadien nach dem 7. Oktober so stark angestiegen ist wie nie zuvor.
Deutlich wurde das [4][beim Traditionsklub Beitar Jerusalem]. Mehrfach
haben Beitar-Fans den rechtsextremen Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir
gefeiert, der sich für Massentötungen von Palästinensern ausgesprochen hat.
Mehrfach haben sich israelische Soldaten mit Beitar-Fahnen vor Ruinen in
Gaza fotografiert. Matan Segal, früherer Leiter von „Kick It Out“, betont,
dass weder Beitar noch der israelische Fußballverband angemessen gegen
Rassismus vorgehen würden.
Aber auch bei Beitar ist die Gemeinschaft nicht homogen. Da ist zum
Beispiel der junge Fan Bar Shimon Levi. Auch gegenüber einem ausländischen
Journalisten möchte er La Familia, die größte rechtsextreme Ultra-Gruppe
von Beitar, lieber nicht verurteilen, denn dann würde er Probleme im
Stadion bekommen. Stattdessen möchte er die sozialen Projekte erwähnen, die
er mit einigen Freunden angestoßen hat.
In Kirjat Schmona, im Norden des Landes, sind inzwischen rund 16.000
Menschen zurückgekehrt, aber die Sicherheitslage bleibt fragil. Ein Drittel
der ursprünglichen Einwohnerzahl haben sich woanders ein neues Leben
aufgebaut.
Die Rückkehr der Fußballmannschaft ins alte Stadion ist vorerst nicht
möglich. So muss der Verein pro Jahr fast eine Million Euro zusätzlich
aufbringen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. „Wir wollen unsere
Gemeinschaft wiederaufbauen“, sagt der Fan Yehiam Cohen. „Das ist das
Wichtigste.“
7 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Ein-Massaker-ueberleben/!6161504
(DIR) [2] /Fussball-in-Israel/!6137944
(DIR) [3] https://kos-fanprojekte.de/
(DIR) [4] /Israelische-Fussball-Liga/!6105362
## AUTOREN
(DIR) Ronny Blaschke
## TAGS
(DIR) Israel
(DIR) Fußball
(DIR) 7. Oktober 2023
(DIR) Nahost-Debatten
(DIR) Kolumne Press-Schlag
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